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«SENKRECHT» MIT NATASCHA KNECHT

Mein innerer Neandertaler

Natascha Knecht, 48, Journalistin und Alpinistin, Buchautorin und Bloggerin, wundert sich, warum Wanderer immer noch höhere Gipfel erklimmen wollen.

Schweiz. ganz natuerlich. Junger Steinbock blickt zum Wolkenmeer, Brienzer Rothorn. Switzerland. get natural. Young Capricorn looks to the sea of clouds, Brienzer Rothorn. Suisse. tout naturellement. Jeune Capricorne regards a la mer de nuages, Rothorn de Brienz. Copyright by: Switzerland Tourism By-Line: swiss-image.ch/Jan Geerk
Switzerland Tourism/JanGeerk

Schon immer war der Mensch ein Jäger und Sammler. Dieser Urtrieb steckt tief in unseren Genen. Heute geht zwar kaum mehr einer in den Wald, um mit einem erlegten Reh auf der Schulter zurückzukehren. Oder einem Korb voller Beeren. Der moderne Homo sapiens jagt Schnäppchen, schiesst Selfies, sammelt Cumulus-Punkte. 

Auch wir Bergfreunde sind wahre Meister. Wir sammeln alles, was das Gebirge hergibt: Gipfel, Höhenmeter, Distanzen. Speziell beliebt ist unter den Alpinisten die Jagd auf die Viertausender. In der Schweiz haben wir 48 eigenständige Gipfel über viertausend Meter. Wer sagen kann, er habe alle bestiegen, erntet Respekt. Noch besser ist natürlich, alle 82 Viertausender der Alpen im Sack zu haben.

Berggänger jagen und sammeln alles, was das Gebirge hergibt.

Die Achttausender dieser Erde

Schier gottähnliches Ansehen geniesst, wer auf allen 14 Achttausendern dieser Erde gestanden ist. So wie Reinhold Messner. Ohne Sauerstoffmaske. Nachdem Messner seine Achttausender-Sammlung abgeschlossen hatte, jagte er die Seven Summits. Das sind die jeweils höchsten Gipfel der sieben Kontinente. Dann durchquerte er die Antarktis und die Wüste Gobi.

Daraufhin erfanden die Abenteurer den «Explorers Grand Slam». Er besteht aus der Besteigung der höchsten Punkte der Kontinente plus dem Erreichen von Nord- und Südpol aus eigener Kraft. Gesteigert hat diese Challenge erst einer. Er absolvierte den «True Explorers Grand Slam», den «wahren Grand Slam», wie er es nannte: die 14 Achttausender, die Seven Summits sowie Nord- und Südpol. Der Mann lebt inzwischen nicht mehr, er ist bei einer weiteren Rekordjagd in einer Gletscherspalte verschollen.

Die Seven Summits der Alpen

Andere sammeln die Seven Second Summits. Das sind die zweithöchsten Gipfel der Kontinente. Sie gelten als schwieriger zu besteigen als die höchsten. Und nicht nur das: Die Alpinisten streiten sogar darüber, welches die höchsten und zweithöchsten Gipfel der Kontinente überhaupt sind.

Etwa der höchste Australiens: Ist es der Mount Kosciuszko (2228 m) auf dem Festland? Oder die Carstensz-Pyramide (4884 m) auf der Insel Neuguinea, die geografisch zu Australien gehört?

Um ganz sicher zu gehen, wirklich auf den höchsten gestanden zu sein, sammeln die Angefressenen nun die Triple Seven Summits – die jeweils drei höchsten Erhebungen der sieben Kontinente. Wer diese 21 Gipfel auf dem Konto hat, darf sich Mr. oder Ms. Triple nennen.

Bescheidenere Leute konzentrieren sich auf die Seven Summits der Alpen – die höchsten Spitzen der sieben Alpenländer. Oder in der Schweiz sehr populär: die höchsten Punkte der 26 Kantone. Der tiefste der höchsten liegt im Kanton Genf (516 m). Der höchste ist die Dufourspitze (4634 m) im Wallis.

Kürzlich erzählte mir eine Wirtin im Kanton Schwyz, sie und ihr Mann hätten die höchsten Berge der Kantone bestiegen. Jetzt seien sie an den Mittelpunkten der Kantone. 

Ich selber stand zum Beispiel erst auf dem Mönch, später auf der Jungfrau. Danach hielt ich es für logisch, auch auf den Eiger zu klettern. Es war fantastisch. Meinem inneren Neandertaler hat das gut gefallen.

Von Natascha Knecht am 29. April 2019