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«SENKRECHT» MIT NATASCHA KNECHT

Sexy Bergsprache

Natascha Knecht, 49, Journalistin und Alpinistin, Buchautorin und Bloggerin spricht von der Lust an «Unwörtern», die einfach geilomat sind.

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Bald werden wieder das «Wort des Jahres» und das «Unwort des Jahres» gekürt. Ich hätte einen Kandidaten für dieses Wettrennen. Nämlich das Wort «Geilomat». Noch bin ich hin- und hergerissen, in welche Ka­tegorie ich es lieber sehen würde. Denn eigentlich finde ich es einen furchtbaren Ausdruck, also ein Unwort. Andererseits klingt «Geilomat» auch irgendwie «geilomat».

Das erste Mal bin ich auf Facebook auf den Ausdruck gestossen. Einer hatte eine Bergtour gemacht und Bilder gepostet. Sofort kommentierte einer: «Geilomat.» Damit drückte er seine Bewunderung aus. In moderner Jugendsprache bedeutet das Wort eine Steigerung von geil und absolut oberkrass.

Die Bergsprache kann auch explizit sein

Ein anderes Mal las ich einen Kletterbericht von zwei jungen Alpinisten. Sie sind auf einer ex­trem anspruchsvollen Route auf einen Viertausender gestiegen und beschrieben die mühsamste Passage als «Figg». Ja, wahrlich kein schönes Wort. Aber selbst als alte Bergsteigerin begriff ich sofort, was sie meinten: einen harten Kampf gegen die Schwerkraft, die Kälte, die Zeit, die dünne Luft.

Manch ältere Semester mögen sich aufregen über die «primitive» Sprache der heutigen Generation. Gerade im Alpinismus. Das Hochgebirge gilt schliesslich als heilig. Als rein und unverdorben. Da passt ein «Figg» so wenig wie in der Kirche.

«Eine attrak­tive Person bezeichnen wir gerne als ‹steilen Zahn›»

Lustigerweise haben aber erotisch aufgeladene Formulierungen in der alpinistischen Literatur Tradition. Wenn ich Bergbücher von früher lese, ist das ­Erlebnis oft, wie auf Netflix einen Liebesfilm mit Sexszenen zu schauen. Mit dem Unterschied, dass sich die Handlung nicht zwischen zwei Menschen abspielt. Sondern zwischen Mann und Berg.

Die Alpinisten beschrieben sich einst ungeniert als «Lieb­haber der Höhen», die «leidenschaftlich» ins Gebirge «eindringen». Sie «begehrten» die Berge und hatten das «brennende Verlangen» nach einer «Besteigung», am liebsten eines «unberührten», «jungfräulichen» Gipfels. Beim Ausleben ihres «Triebs» verspürten sie «intime Gefühle». Auf dem «Höhepunkt» erfuhren sie «tiefe Befriedigung».

«Gefesselt» von den «Reizen» der «Spalten» und «Ritzen» liessen sie sich von «unstillbarer Lust» leiten. Der Anblick von «schön ­geformten» Felsen «erregte» sie. Ein «nackter Felsvorbau» machte sie «schwach», sie konnten nicht ­«widerstehen». Besonders, wenn die Nebelschleier «hoch und höher zogen» und die Flanken «verführerisch entblössten». Je widerspenstiger eine Route, desto grösser das Ansehen des «Eroberers».

Ganze Bergbibliotheken wurden in dieser Manier vollgeschrie­ben. Gewiss ohne Hintergedanken. Dennoch bleibt es ein Fakt: Viele Sprachwendungen der alpinen Literatur kommen aus dem Wortschatz der Erotik – und umgekehrt. Eine Person, die wir attraktiv und anziehend finden, bezeichnen wir zum Beispiel gerne als «steilen Zahn».

Insofern scheint mir das Wort «geilomat» als Ausdruck der Bewunderung harmlos. In meiner Fantasie taucht kein erotisches Bild auf. Viel mehr denke ich an Aromat. Oder Bankomat.

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Von Natascha Knecht am 14.10.2019
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