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Unterwegs

Bienenfleiss am Tag der Arbeit

Susanne Hochuli, 53, war acht Jahre Aargauer Regierungsrätin. Jetzt ist sie Präsidentin von Greenpeace Schweiz und oberste Patientenschützerin. Mit zwei Flüchtlingsfamilien lebt sie auf dem eigenen Hof in Reitnau AG. In ihrer Kolumne in der «Schweizer Illustrierten», schreibt sie diese Woche über ihren Mann und ihren Vater und verrät, was die zwei Männer mit Bienen zu tun haben.

Der Imker Notabene Susanne Hochuli

Die neue Königin zieht ein: Der Imker bei der royalen Stabübergabe. Und das an seinem freien Tag!

ZVG

Am 1. Mai wars, abends genau um 20.47 Uhr, als mein Partner, gekleidet wie ein Ausserirdischer, einen Seufzer, gefüllt mit leiser Verzweiflung, in die Dämmerung schickte. Ich zog die Augenbrauen hoch und fragte: «Was ist?» – «Am nächsten 1. Mai mache ich Ferien im Ausland …»

Als Zürcher an einen freien Tag gewohnt, den er nicht zum Demonstrieren nutzt, hatte er den Tag mit seinen Ideen gefüllt. Ideen, die von seinen Bienen durchkreuzt wurden. Die fleissigen Tierchen machten dem Tag der Arbeit alle Ehre. Am Mittag war die Luft mit einem Summen erfüllt, und ich sah, dass sich bei einem Bienenkasten ein Teil des Volkes auf und davon machte. Die alte Königin zog mit einem Schwarm davon und überliess ihr Reich der jungen Nachfolgerin. Ich telefonierte Richtung Zürich, um den Imker, meinen Partner also, in den Aargau zu zitieren. Er machte sich sofort auf den Weg.

Das einzige Kind im Imkerkurs

Ich selber halte mich als Allergikerin von den Bienen fern. Als Kind allerdings war ich selber Imkerin. Mein Vater wollte Bienen halten und setzte seinen Gedanken in die Tat um, indem er sich und mich für einen Imkerkurs anmeldete. Ich war stolz! Ich war die Einzige meiner Klasse, die Imkerin wurde. Am Samstagnachmittag sass ich jeweils hinter meinem Vater auf dessen Vespa, und wir fuhren fünf Dörfer weiter zu einem grossen Bienenhaus. Dort fand der Kurs statt. Ich genoss die Fahrt, eng an meinen Vater geschmiegt. Dann aber wurden die Tage wärmer, und wir überholten meine Schuelgspänli, die mit dem Velo lachend und schwatzend in die Badi fuhren.

Ich war das einzige Kind beim Imkerkurs. Die Männer kamen mir uralt vor, sie zogen an meinen Zöpfen und kniffen mich in die Wangen. Nein, es war nicht böse gemeint; sie wussten einfach nicht, wie sie mit mir Wirbelwind inmitten all der Bienen umgehen sollten, und versuchten auf ihre Art, mich langsam und ruhig zu machen, wenigstens im und ums Bienenhaus herum. Sich selber schützten sie mit einem «Meitschi-Bei», das sie sich in den Mund steckten; einem krummen Stumpen, dessen Rauch sie den Bienen entgegenbliesen. Mir blieb der Stumpen versagt, und schon bald schwoll eine meiner Wangen auf. Ich war einer Biene in den Weg gelaufen. Der Stich tat höllisch weh. Ich spürte, wie mein Gesicht anschwoll, und wusste, wie schrecklich es aussehen musste. Ich dachte an meine Freundinnen in der Badi und hätte heulen mögen. Der Stolz, die einzige Imkerin meiner Klasse zu sein, dauerte nicht mal einen Sommer lang.

Das grosse Glück eines Imkers!

Als mein Partner am Nachmittag bei mir eintraf, hing eine Bienentraube an einem Strauch. Wenige Meter von ihm entfernt sammelte sich ein weiterer Schwarm. Zwei Schwärme an einem Tag – welch Glück für einen Imker! Mit grossem Fleiss machte er sich ans Einfangen der Bienen, räumte nach vollbrachter Tat all seine Sachen gewissenhaft weg, gönnte sich ein Feierabendbier und freute sich, zwei Bienenvölker reicher zu sein. Den dritten Schwarm entdeckte ich am Abend, als der Imker müde Richtung Zürich ziehen wollte.

Der Tag der Arbeit hat es in sich, auch ohne Demonstration.

Von Susanne Hochuli am 13. Mai 2019