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Unterwegs mit Susanne Hochuli

Der Hörigkeit ein Schnippchen schlagen

Susanne Hochuli, 53, war acht Jahre Aargauer Regierungsrätin. Jetzt ist sie Präsidentin von Greenpeace Schweiz und oberste Patientenschützerin. Mit zwei Flüchtlingsfamilien lebt sie auf dem eigenen Hof in Reitnau AG. In ihrer Kolumne in der «Schweizer Illustrierten», schreibt sie über die Auswirkungen eines Computers auf die Umwelt

Susanne Hochuli laptopfreie Zeit

Laptopfreie Zeit: Ist der Computer schlimmer als eine Toilettenschüssel?

ZVG

Am letzten Freitag des Monats März beschloss mein Laptop, sein Wirken gegen aussen einzustellen und nur noch wie eine alte Schreibmaschine zu funktionieren: schreiben ja, senden, empfangen und weltweite Verbindung nein. Ich weiss nicht, ob er sich dabei überlegt hat, wie er zum Klimaschutz beitragen könnte.

Mailen, Googeln und Posten verbrauchen Energie

Ich jedenfalls habe mir wenig Gedanken darüber gemacht, wie viel Energie ich mit Mailen, Googeln oder Posten verbrauche, bis ich im «Magazin» des «Tages-Anzeigers» gelesen habe: «Jede Google-Suche, jedes gepostete Foto, jedes gestreamte Filmchen hinterlässt einen Fussabdruck. Versenden Sie Links statt grosser Dateien, nutzen Sie die Funktion ‹allen antworten› sparsam, kündigen Sie ungelesene Newsletter. Löschen Sie alte Mails bei Ihrem Provider und alte Dateien in der Cloud.» Diese Tipps sollen dazu beitragen, den Klimawandel zu stoppen – kleine alltägliche Möglichkeiten, wie der individuelle Energieverbrauch vermindert werden kann.

Dem Laptop ist das egal, das weiss ich. Seinen Geist aufgegeben hat er wegen irgendeiner technischen Panne oder weil ich ihm zu viel zugemutet hatte und er, übersättigt, träge geworden ist. Bestimmt war sein Versagen nicht gegen mich gerichtet, obwohl ich ihm in jenem Moment Verrat und abgrundtief böse Gedanken unterstellte.

«Wir sind Sklaven der neuen Kommunikationstechnologie»

Einem Freund habe ich, nachdem der technische Defekt behoben war, per Mail geschrieben: «Am letzten Freitag hat mein Laptop den Dienst zu verweigern begonnen. Abgesehen davon, dass mich so etwas sehr hilflos macht, weil ich mir und dem Laptop nicht selber zu helfen weiss, hat sich ein eigenartiger Gedanke in mir breitgemacht: Ich dachte, ich würde die mir auferlegten Verantwortungen nicht mehr wahrnehmen, wenn ich keine Mails mehr beantworte. Was für ein Blödsinn oder welche Überschätzung meiner selbst!

Aber es zeigt, was diese Technologie mit uns macht beziehungsweise was wir mit uns machen lassen. Wir werden zu Sklaven der neuen Kommunikationstechnologie, nein, schlimmer: Wir sind ihr hörig. Das war ein Sklave nicht.»

Auf Toilettenschüsseln sind wird angewiesen, auf Laptops hingegen nicht

Er schrieb zurück, natürlich per Mail: «Wir sind nicht nur vom Laptop abhängig, sondern auch von so Gewöhnlichem wie Toilettenschüsseln. Wir sind überhaupt vollkommen abhängig – aber keineswegs versklavt.»

«Nein», hätte ich ihm gerne zurückgeschrieben, «vergleiche nicht Toilettenschüssel und moderne Kommunikationstechnologie. Das eine ist eine willkommene Notwendigkeit, und niemand wird unnötigerweise lange auf der Toilettenschüssel sitzen (abgesehen von jenen, die dabei dank Handy und Tablets sich bereits im Büro wähnen). Natürlich bin ich von vielem abhängig, weil ich darauf angewiesen bin. Aber bin ich deshalb gleich hörig?»

«Mein Laptop geht neu ins Wochenende – ohne Arbeit und Energieverbrauch.»

Der österreichische Psychologe und Schriftsteller Werner Stangl schreibt: «Hörigkeit entsteht in einem längeren Prozess, in dem der eigene Wille allmählich und in zunehmendem Mass verloren wird. Dies ist für den Betroffenen selbst meist erst spät zu erkennen und oft nur von Eingriffen von aussen und therapeutische Hilfestellungen zu bewältigen.»

Ja, all das hätte ich gerne zurückgeschrieben, aber ich habe es noch nicht getan. Mein Laptop geht neu ins Wochenende – ohne Arbeit und Energieverbrauch.

Von Susanne Hochuli am 15. April 2019