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Unterwegs mit Susanne Hochuli

Nasskalter Alltag

Susanne Hochuli, 53, war acht Jahre Aargauer Regierungsrätin. Jetzt ist sie Präsidentin von Greenpeace Schweiz und oberste Patientenschützerin. Mit zwei Flüchtlingsfamilien lebt sie auf dem eigenen Hof in Reitnau AG. In ihrer Kolumne in der «Schweizer Illustrierten» sinniert sie über die Geschichte eines Schafhirten.

Kolumne Unterwegs mit Susanne Hochuli Beitrag SI Ausgabe 03/2019
Augen auf! Im Postauto oder beim Wanderhirten: Der Alltag von uns allen ist voller Geschichten – man muss sie nur einzufangen wissen. HO

Manchmal suche ich die Geschichten weit weg. Ich denke mich in ferne Länder und stelle mir vor, was ich dort alles entdecken könnte. Und was ich nachher zu erzählen hätte. Ein Buch könnte ich schreiben. Ein Buch über Alltägliches, über kleine Ereignisse, über Personen, die in ihrer Einzigartigkeit etwas Besonderes sind.

Ich lese derzeit ein Buch mit einer alltäglichen Geschichte. Alexander McCall Smith erzählt in seinem Buch «The No. 1 Ladies’ Detective Agency» die Geschichte von Precious Ramotswe. Mma Ramotswe, wie alle sie nennen, lebt in Botswana. Als ihr Vater stirbt, verkauft sie dessen Kuhherde und baut sich eine Detektei auf; die erste von einer Frau geführte in ganz Botswana.

In 18 Büchern erzählt der Autor aus dem Alltag dieser Frau, die ich nach wenigen Seiten lieb gewonnen habe. Ich sitze mit ihr auf der Terrasse, wenn sie Tee trinkt und zuschaut, wie Afrika erwacht. Ich plaudere mit Mma Ramotswe mit den Frauen in der Stadt, gehe mit ihr shoppen, begleite sie auf ihren Erkundungen. Und ich wärme mich an ihrer Herzensgüte, ihrer Weisheit und ihrer Liebe zu ihrem Land und ihrem Leben. Sie erkennt die Kleinigkeiten im Alltäglichen, die sie reich an Geschichten sein lassen.

Da sah ich sie, die fünfhundertköpfige Schafherde, den grossen Esel, den Hirten, seinen Quad, auf dem die Hütehunde posierten

Bevor der Schnee kam, spazierte ich mit meinem Hund auf altbekannten Wegen, die ich blind zu gehen wüsste. Da sah ich sie, die fünfhundertköpfige Schafherde, den grossen Esel, den Hirten, seinen Quad, auf dem die Hütehunde posierten. Es war ein kaltnasser Stubenhocker-Tag, der Hirte fingerte an seinem Handy herum, die Schafe blökten, der Esel lief ins Abseits, die Hunde winselten und hatten nichts zu tun.

Jeden Abend zäunt der Hirte seine Schafe ein, der Esel darf seine Freiheit behalten. Der Hirte fährt mit seinen Hunden nach Hause, kehrt am Morgen zurück zu seinen Schafen und zieht mit ihnen über die Felder

Er müsse bei seinen Tieren bleiben; würde er nur einmal drinnen übernachten, wären die nächsten Nächte ein wahrer Albtraum

Vor vielen Jahren zog ein anderer Schafhirte jeden Winter durchs Tal. In einer furchtbar kalten Nacht bot ihm meine Familie an, bei uns in der Wärme zu übernachten. Er lehnte freundlich ab. Er müsse bei seinen Tieren bleiben; würde er nur einmal drinnen übernachten, wären die nächsten Nächte ein wahrer Albtraum. Man verweichliche so schnell.

Heute müssen alle Lämmer gekennzeichnet werden

Genau mit diesem Hirten sei er als acht-, neunjähriger Bube herumgezogen und hätte seine Liebe zur Wanderherde entdeckt, erzählt mir der heutige moderne Hirte, als ich mit ihm ins Gespräch komme. Damals hätte man mit den Schafen noch Schutz im Wald finden können, heute sei es verboten, die Tiere unter die Bäume zu treiben. Vieles hätte sich verändert und mache es immer schwieriger, als Wanderhirte unterwegs zu sein. Ab nächstem Jahr werde er wohl auch eine Sekretärin haben müssen. Dann müsse jedes Lamm gleich nach der Geburt mit zwei Ohrmarken gekennzeichnet werden, sämtliche Geburten, Zu- und Abgänge sowie der Tod von Tieren müssen der Tierverkehrsdatenbank gemeldet werden. «Bewältige diesen administrativen Aufwand mal bei 500 Schafen!»

Auf der Landstrasse hinter der Herde sehe ich den Bus vorbeifahren, und ich überlege mir, wie viele kleine alltägliche Geschichten er gerade in diesem Moment transportiert. Die meisten bleiben unerzählt.

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Von Susanne Hochuli am 21. Januar 2019