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Psychische Gesundheit

«Digitale Beziehungen können reale Kontakte nicht kompensieren»

Die Corona-Pandemie schlägt allen aufs Gemüt, ob jung oder alt. Doch für Jugendliche ist die Bewältigung der Krise eine besondere Herausforderung, da der Wunsch nach sozialen Kontakten in diesem Lebensabschnitt besonders gross ist. Pro-Juventute-Direktorin Katja Schönenberger sagt, was das für Auswirkungen hat und warum sich die Situation seit dem Sommer stark verschlimmert hat.

Jugendliche Freunde Freizeit

Unbeschwertes Zusammenkommen, ein Wunsch, der derzeit auf bessere Zeiten aufgeschoben werden muss.

Getty Images/Westend61

Für jeden von uns ist die Corona-Pandemie eine grosse Belastung. Doch weshalb ist es für Jugendliche besonders schlimm?
Die Einschränkungen im sozialen Leben treffen die Jugendlichen sehr hart. In der Jugendzeit orientiert man sich viel stärker gegen aussen. Das ist nicht so zu verstehen, dass man als Teenager und junger Erwachsener immer nur Spass haben will, sondern, dass man in diesem Altersabschnitt ein besonderes grosses Bedürfnis nach sozialen Kontakten hat. Wenn man jetzt die Kontakte so stark beschränkt, stellt dies für Jugendliche eine grosse Herausforderung dar, die man nicht bagatellisieren sollte. Die Gemeinschaft mit anderen ist für sie ein wichtiger Entwicklungs-Boost.

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Was bedrückt die Jugend zurzeit am meisten?
Bei unserer Anlaufstelle 147 haben wir die Zeitperioden März bis Oktober 2019 und März bis Oktober 2020 verglichen. Wir hatten eine starke Zunahme in den Beratungen, der Chat nahm gar um 200 Prozent zu. Da merkt man schnell, dass sich die Themen beim Sorgenbarometer klar verschoben haben. Vor allem die Angst, Freunde zu verlieren bzw. keine Freunde zu finden, ist da ganz oben auf der Liste. Auch Einsamkeit und familiäre Konflikte machen den Jugendlichen zu schaffen. Dazu gibt es vermehrt Beratungen mit Jugendlichen, die suizidale Gedanken haben.

Wenn man zu Hause bleiben muss, steigt das Problem familiärer Konflikte. Was führt zur Eskalation?
Das kann ganz verschiedene Gründe haben. Es kann sein, dass der Wohnraum sehr klein und der persönliche Raum daher begrenzt ist. Diese Enge kann schnell mal zu Konflikten führen. Aber auch finanzielle Sorgen, die die Familie belasten oder gesundheitliche Probleme bei einzelnen Familienangehörigen. Wenn z.B. die Mutter zur Risikogruppe gehört und die Kinder dennoch nicht darauf verzichten wollen, ihre Freunde zu treffen. Das führt dann zwangsläufig zu Interessenskonflikten.

Viele der Massnahmen sind zum Schutz der Risikogruppen, in der Regel also ältere und kranke Menschen. Zu denen gehören die Jugendlichen aber nicht. Wie gehen sie damit um?
Was wir sehen ist, dass die Massnahen von den Jugendlichen mitgetragen werden, dass sie sich grossmehrheitlich an die Regeln halten. Sie verhalten sich also solidarisch und genau deshalb erwarten sie, dass man das mit ihnen auch ist. Sie haben ein Bedürfnis nach sozialen Kontakten – und dies darf nicht ins Lächerliche gezogen werden, im Sinne von, «die wollen halt nur Party machen».

«Wir hatten eine starke Zunahme in den Beratungen, der Chat nahm gar um 200 Prozent zu»

Katja Schönenberger
Katja Schönenberger, Direktorin Pro Juventute
ZVG

Katja Schönenberger ist seit Juli 2016 die Direktorin von Pro Juventute. Davor leitete sie das Marketing bei der grössten Schweizer Stiftung für Kinder und Jugendliche, die mit 147.ch eine Erstanlaufstelle für Kinder und Jugendliche in Problemsituationen bietet. Vor ihrer Tätigkeit bei Pro Juventute arbeitete sie bei einem grossen Schweizer Technologieunternehmen. Sie verfügt über einen Executive MBA der Universität Zürich.

Stellen Sie eine Zunahme der psychologischen Betreuung fest?
Wir sind mit dem 147 eine Erstanlaufstelle für Kinder und Jugendliche, führen aber keine Therapien durch. Wenn wir einen Bedarf feststellen, stellen wir den Kontakt zu den Beratungsstellen her. Von diesen hören wir, dass sich die Situation nach dem Sommer dramatisch verschlimmert hat. Unsere eigenen Beratungen zu psychischen Erkrankungen haben um über 20 Prozent zugenommen.

Wie werden junge Erwachsene wegen Corona psychisch «krank»?
Die Einschränkungen, Einsamkeit und die Angst vor der Zukunft können zu einer psychischen Belastung führen kann.

Befürchten Sie ganz generell eine Zunahme der Gewalt, also in den eigenen vier Wänden und ganz grundsätzlich auch auf der Strasse untereinander?
Die Anzahl Jugendlicher, die sich überfordert fühlt und die immer stärker unter dieser persönlichen Belastung leidet, wird grösser. Wir haben eine Zunahme in der Beratung dazu um 40 Prozent. Gewalt wäre da eine Auswirkung. Aber auch Depressionen und Angstzustände. Es kommt darauf an, wie der einzelne Mensch damit umgeht, ob er diesen Frust gegen innen oder aussen richtet.

Da sie sozialen Kontakte wegfallen, muss die Lücke irgendwie gefüllt werden. Was gibt es hier für Optionen?
Wichtig ist, wie für uns alle, andere Wege zu suchen, mit der Krise umzugehen. Zusammen einen Film schauen oder gamen geht zu digitalen Zeiten auch via Videozuschaltung. Auch sich neue Hobbys anlegen oder sich auf ein neues Projekt stürzen, ist sinnvoll. Ob man alte Velos flickt, Sport macht oder sich in Bücher vertieft, spielt dabei eigentlich keine Rolle. Daneben macht es Sinn, gerade im sozialen Bereich, von Quantität zu Qualität zu wechseln und halt jene Freunde zu treffen, die einem besonders gut tun.

Die Generation Z ist mit dem Internet und dem Smart Phone aufgewachsen. Sie ist quasi den ganzen Tag online und in den sozialen Medien unterwegs. Dennoch fehlt plötzlich der persönliche, reale Kontakt. Wie ist das zu erklären?
Es wäre falsch zu glauben, dass die Jungen nur virtuell unterwegs sind, sie treffen sich genauso auch offline. Sie trennen zwar nicht zwischen real und online, aber persönliche Kontakte sind dieser Generation sehr wichtig. Das digitale Beziehungsnetz kann die realen Kontakte nicht kompensieren. Und wenn der gemeinsame Alltag fehlt, passiert automatisch auch in den sozialen Medien weniger. Das Leben ist langweiliger geworden in diesem Jahr, es gibt weniger Likes und Kommentare.

Wie können wir den Jugendlichen zu Seite stehen und ihnen Mut machen?
Das Wichtigste ist, dass wir wahrnehmen wo Jugendliche gerade stehen. Dass wir ihre Bedürfnisse und Sorgen anerkennen und nicht bagatellisieren.

BAG Logo Psychische Gesundheit Kampagne Dezember 2020
ZVG

Über die Aktion «DARÜBER REDEN. HILFE FINDEN.»

Viele Menschen in der Schweiz leiden auch seelisch unter den Auswirkungen der Coronakrise. «DARÜBER REDEN. HILFE FINDEN» heisst der Aktionstag, der vom BAG initiiert wurde und am 10. Dezember 2020 stattfindet. Die Hilfsorganisationen Pro Mente Sana, Dargebotene Hand, Pro Juventute, Pro Senectute, Caritas und das Schweizerische Rote Kreuz widmen sich gemeinsam mit Ringier, der SRG (alle vier Sprachregionen) und vielen weiteren Akteuren den verschiedensten Aspekten des Themas «psychische Gesundheit». Menschen in schwierigen Situationen erfahren so Solidarität und werden über konkrete Hilfsangebote informiert. Der Tag sensibilisiert auch die Gesamtbevölkerung dafür, im Umfeld aufmerksam zu sein und Hilfe zu leisten.

Weitere Informationen: bag-coronavirus.ch/hilfe

Von Simon Beeli am 10.12.2020
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