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Wie soll ich trainieren, was soll ich essen?

DNA, entschlüssle mich

Nichts ist persönlicher als unsere DNA. Ein Gentest und sieben Fläschchen Blut sollen zeigen, welches Workout und Essen zu uns passt. Ist das die Zukunft? Ein Selbstversuch.

DNA Test
Martin Sweers/Trunk Archive

Psychotests, Horoskope,Prophezeiun­gen von Wahrsagern – es gibt (fast) nichts Spannenderes, als mehr über sich selber her­auszufinden. Grossartig, wenn man aus Per­sönlichkeit und Körper, die man nach all den Jahren so gut kennt, doch noch Geheimnisse rauskitzeln kann. Halbwahrheiten und Ver­allgemeinerungen werden dabei in Kauf genommen – wirklich ernst nehmen wir die Analysen ja nicht. Was, wenn wir aber Zugang zu individuellen wissenschaftlichen Daten hätten, die uns sagten, was wir essen und wie wir uns bewegen sollten? DNA­ und Bluttests gewähren einen Einblick. Mittels Wangenabstrich und Blutabnahme werden genetische Faktoren abgelesen, die uns zum idealen Sport­ und Ernährungsplan führen sollen. Solche Gentests liegen im Trend, sind aber nicht unumstritten, weil die Forschung auf dem Gebiet extrem komplex und noch nicht weit fortgeschritten ist. Trotzdem: Alles, was mit Personalisierung zu tun hat, boomt. Schliesslich ist mittlerweile allen klar, dass kein Mensch gleich funktioniert. Die DNA, Trägerin unseres Erbguts, hält bei jeder Person andere Informationen bereit. Unter anderem ist darin schon bei der Ge­burt festgehalten, ob wir Energie einfacher aus Kohlenhydraten oder Proteinen gewin­nen. Und ob unsere Muskeln eher für Mara­thonläufe oder Pilates ausgelegt sind. Beim Babyturnen spielt das noch keine Rolle; wenn wir heute wochenlang ohne Resultate trainieren, schon. Ich will wissen, was mir meine Gene raten würden, könnten sie spre­chen. Also wage ich den Selbstversuch. Ein DNA-­Test, durchgeführt vom Zürcher Per­sonal Trainer Dave Baucamp, soll zeigen, welcher Sport­ und Stoffwechseltyp ich bin. Zur Blutabnahme für einen sogenannten Bio­-Check-­up vereinbare ich bei der Praxis Pret-­a­-Beaute in Zürich einen Termin. Sie­ben Fläschchen Blut werden mir abgezapft, das weiss ich vorher zum Glück nicht. Neben Nährstoffgehalt und Hormonstand werden im Blut auch genetische Faktoren wie die Enzyme in den Mitochondrien untersucht. Was mir mein Körper wohl verraten wird?

Sport: Was ist das ideale Workout für meinen Körper

Ich hasse es, zu joggen. Das war schon immer so. Nicht nur, weil mir dabei langweilig wird, auch weil meine Muskelkraft immer viel zu schnell nachlässt – sogar bei regelmässigem Training. Gemäss DNA-Test macht das anscheinend Sinn: Ich gehöre laut dem Anbieter Co Gap in die Kategorie der Schnellkraft-Typen. Das heisst, meine Muskulatur ist besser für Sportarten geeignet, die kurze und knackige Bewegungen beinhalten. Kein Wunder, habe ich in der sechsten Klasse die Jungs beim Klimmzug-Wettbewerb ausgestochen. Vielen Dank an die Gene! Unsere DNA bestimmt nämlich, wie das Muskelgewebe aufgebaut ist. Zoomen wir etwas näher ran: Muskeln bestehen aus roten, langsam zuckenden und weissen, schnell zuckenden Fasern. Hier liegt der Hund meiner Jogging-Abneigung begraben. Wer wie ich mit einer höheren Anzahl weisser Muskelfasern geboren wurde, wird beim Sport ihre Eigenschaft bemerken: Sie können schnell viel Kraft aufbauen, diese aber nicht lange halten. Im Gegensatz dazu sind rote Fasern Ausdauerpro s: Sie kontrahieren zwar langsamer und können so weniger Kraft aufbauen, halten dafür aber lange durch. Jetzt weiss ich zwar, dass ich wahrscheinlich nie zur erfolgreichen Marathonläuferin werde – aber was bringt mir das für mein eigenes Training? Einiges: Ich werde mich nie mehr eine Stunde auf dem Laufband abkämpfen, weil ich gehört habe, Cardio verbrenne viele Kalorien. Nach den obligatorischen Aufwärmminuten aktiviere ich stattdessen den grösseren Teil meiner Muskelfasern mit Krafttraining. Das ist in meinem Fall nicht nur effektiver beim Muskelaufbau, sondern auch beim Kalorienverbrauch. Eigentlich hätte ich schon früher auf meinen Körper hören sollen, auf mein Bauchgefühl ist nämlich allermeistens Verlass.

Ernährung: Aus welchen Makronährstoffen ziehe ich den grössten Nutzen?

Ach, essen. Es ist ein ebenso schönes wie kompliziertes Thema. Irgendetwas macht man nämlich offenbar immer falsch. Zu wenig Proteine! Zu viele Kohlenhydrate! Aber stimmen die gut gemeinten Ratschläge wirklich für uns alle? Nein – denn so einfach ist es nicht. Fakt ist: Unsere Gene beeinflussen bis zu einem gewissen Grad, wie gut wir die Makronährstoffe Kohlenhydrate, Proteine und Fette verstoffwechseln, also als Bausteine verwerten oder in Energie umwandeln können. Forscher bezweifeln zwar, dass sich das mit dem heutigen Wissens- stand und einem einfachen DNA- Test bestimmen lässt. Bei mir passt das Ergebnis aber wie die Faust aufs Auge. Ich gehöre laut Co Gap zum Stoffwechseltyp Delta, kann also Kohlenhydrate und Fette besser in Brauchbares umwandeln als Proteine. Jetzt ist klar, wieso bei einem An ug von Beach-Body-Wahn mit High-Protein-Rezepten kein Gramm von meinem Körper gewichen ist. Das Wissen über meinen Körper befreit und gibt mir die Kontrolle zurück. Mit den Ergebnissen des Bluttests kommt eine weitere Ebene dazu. Die detaillierte Auswertung von Spurenelementen, Enzymen und Vitaminen zeigt, was mein Körper wirklich aus seiner genetischen Anlage macht. Ich bespreche mich eine Stunde lang mit der Ärztin: Ja, das ist die Zukunft.

Von Carla Reinhard am 18. Mai 2019