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Die grosse Body-Positivity-Lüge

Feiern wir wirklich jeden Körper?

#BeautyBeyondSize – Hashtags wie diese gehen um die Welt. Das Motto: Fühlt euch wohl in eurem Körper, egal welcher Konfektionsgrösse ihr entsprecht. In der Theorie klingt das ja alles wunderbar, aber ist Body Positivity tatsächlich in der Gesellschaft angekommen, oder sind wir noch im Stadium Wunschdenken?

NEW YORK, NY - SEPTEMBER 14:  Model Ashley Graham walks the runway at Addition Elle Presents Holiday 2016 RTW + Ashley Graham Lingerie Collection at Kia STYLE360 NYFW on September 14, 2016 in New York City.  (Photo by Thomas Concordia/WireImage Style360)

Mit ihren Kurven revolutioniert Ashley Graham die Modewelt. Aber reicht das aus, um die Branche «body postitive» zu nennen?

Getty Images

 «Lerne, dich zu schätzen, zu dir zu stehen und dich zu akzeptieren», ermutigende Leitsprüche wie den von Influencerin Anja Zeidler lesen wir inzwischen überall. Und auch immer mehr Magazin-Cover und Laufsteg-Auftritte von Plus-Size-Models verdeutlichen: Jeder ist schön, auch ­– oder vor allem – ohne Size Zero. Frauen abseits Grösse 36 werden fortan nicht länger von der Gesellschaft versteckt.

Absurde Aussagen wie «Nichts schmeckt so gut, wie das Gefühl dünn zu sein», das Supermodel Kate Moss einst vom Stapel liess, würde heutzutage wohl niemand mehr in den Mund nehmen. Aber warum eigentlich? Wieso war es vor zehn, zwanzig Jahren eigentlich noch völlig legitim, nur dünne Menschen ins Rampenlicht zu stellen? Und noch viel wichtiger: Wie haben es Plus-Size-Frauen plötzlich geschafft «in» zu werden?

Schönheitsideale verändern sich

Dünn, dick, mager – die ideale Körperform der Frau wechselt stetig. Was Naomi Campbell, Claudia Schiffer und, klar, Kate Moss in den 1990ern noch mit Size-Zero prägten, hat sich im Laufe der Zeit verändert. Heute ist der «in», der gesund aussieht. Das kann jemand mit einer Grösse 34, aber eben auch jemand mit einer 44+ sein. Zu verdanken hat man diesen Wechsel des Schönheitsideals mal wieder aktuellen Vorbildern. Und die waren in den letzten Jahren eben nicht mehr ganz so dürr, wie wir es aus der jüngsten Vergangenheit gewohnt waren. Der Karadshian-Clan wurde mit üppigen Kurven in viel zu engen Kleidern berühmt und Schauspielerinnen wie Jameela Jamil schämen sich nicht länger davor, auch mal ihre Cellulite in den sozialen Medien zu zeigen. Gabs deshalb einen Karriere-Knick? Im Gegenteil – Selbstbewusstsein trendet. Aber keine verkörpert BodyPositivity in der Öffentlichkeit so sehr wie Model Ashley Graham. Mit einer Grösse 42 und Massen von 107-76-117 zierte sie in den vergangen Jahren Magazin-Cover von der Vogue bis zur Sports Illustrated. Rund 8,5 Millionen Follower auf Instagram sprechen für sich. Graham revolutioniert, keine Frage.

Die aktuellen Zahlen sprechen dagegen

Sehen wir uns allerdings mal die Forbes-Liste der bestbezahlten Models vom letzten Jahr an, dann fällt schnell auf: Plus-Size mag in der Gesellschaft zwar akzeptiert sein, so erfolgreich wie ihre dünnen Kolleginnen scheint eine Ashley Graham dann aber doch nicht zu sein. Kendall Jenner, Karlie Kloss, Gigi und Bella Hadid­­ – die Top-Ten-Models tragen wohl kaum Kleidung, die grösser als Konfektionsgrösse 36 ist. Auch wenn die Mehrheit der Frauen in Wirklichkeit anders aussieht, es scheint, als würden wir die neusten Kollektionen trotzdem immer noch gern an schlankeren Menschen serviert bekommen. Und andere Plus-Size-Model-Namen als Ashley Graham? Fallen uns so ganz spontan wohl eher wenige ein.

Unsere Gesellschaft verstrickt sich derzeit also in einen Widerspruch. Auf der einen Seite kämpfen wir heuchlerisch für mehr Diversität, vergöttern auf der anderen Seite trotzdem die, die uns optisch etwas anderes vermitteln. Und seien wir mal ehrlich, eine Jameela Jamil oder Anja Zeidler haben ja leicht reden mit ihrem «Lerne dich zu akzeptieren». Beide tragen schätzungsweise Grösse 36, höchstens 38 und sind wunderschöne, nahezu «perfekte» Frauen. Die Message, die sie vermitteln, ist toll, keine Frage. Und sicherlich sollten wir uns alle endlich mal ein paar Scheiben davon abschneiden.

Aber welche Frau fühlt sich schon zu 100 Prozent wohl in der Badi? Das können vermutlich nur die wenigstens von sich behaupten. Und das liegt nicht nur an der Konfektionsgrösse. Body Positivity geht viel weiter, als nur «Plus Size» zu etablieren. Body Positivity predigt, dass jeder Körper schön ist, JEDER. Optisch akzeptiert werden sollten also alle: Kleine, Grosse, Dürre, Kurvige, die mit Pickel, die ohne, die mit Prothesen, die mit Narben, die mit Dehnungsstreifen, die mit Cellulite …  Jetzt noch mal die Frage: Haben wir all die schon mal auf Magazin-Covern oder Laufstegen gesehen? Eben: Haben wir nicht. Von der erstrebenswerten, bedingungslosen Body-Positivity-Welt, die wir uns schon einreden, sind wir also doch noch Lichtjahre entfernt. 

Von Denise Kühn am 21. Juni 2019