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Oberste Apothekerin

«Wir können die dritte Welle bremsen»

Sie will ihrem Berufsstand mehr Anerkennung verschaffen: die höchste Apothekerin Martine Ruggli. Welche Hoffnungen die Freiburgerin in die Corona-Selbsttests setzt, warum sie nicht Ärztin wurde und welchen bekannten Bruder sie frühmorgens anruft.

Martine Ruggli-Ducrot, Praesidentin des Schweizerischen Apothekerverband pharmaSuisse.   Aufgenommen am 06.04.2021  Bild © Remo Naegeli

Hier hat ihre Karriere begonnen: Martine Ruggli in der Zähringerapotheke in Bern.

Remo Nägeli

In dieser Apotheke kennt Martine Ruggli, 56, noch immer fast jede Schublade. «Ich könnte gleich wieder loslegen», sagt die Präsidentin von Pharmasuisse zu Silvio Ballinari, 70, Inhaber der Berner Zähringer Apotheke. 1986 absolvierte Ruggli hier ihr Praktikum und arbeitete danach zehn Jahre im Betrieb. «Dir würde ich den Schlüssel jederzeit geben. Ich weiss ja: Du bist unbestechlich!», sagt ihr ehemaliger Chef und fügt grinsend hinzu: «Hast du den ‹Böögentest› eigentlich immer dabei?»

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Mit dem «Böögentest» meint Ballinari den Corona-Selbsttest von Roche, der in den Apotheken seit Mittwoch gratis verfügbar ist (siehe Box). «In den ersten sechs Stunden wurden allein im Kanton Zürich 100 000 Selbsttests bezogen.» Dies sei erfreulich, denn bisher habe sich nur gerade ein Drittel der Bevölkerung überhaupt testen lassen. Dennoch: Die Selbsttests sind für die höchste Apothekerin kein Ersatz für die Schnell- oder die PCR-Tests – aber eine wichtige Ergänzung. «Etwa wenn jemand keine Symptome hat und am Abend ein Fest plant.»

Martine Ruggli-Ducrot, Praesidentin des Schweizerischen Apothekerverband pharmaSuisse mit ihrem ehemaligen Chef dem Apotheker Silvano Ballirani.   Aufgenommen am 06.04.2021  Bild © Remo Naegeli

Martine Ruggli studiert mit Apotheker Silvio Ballinari den Corona-Gratistest.

Remo Nägeli

Acht Kinder und zwei Enkel

Seit letztem Herbst steht die Freiburgerin an der Spitze des Apothekerverbands. In einer Kampfwahl hat die Mutter von drei Kindern zwischen 24 und 27 Jahren den amtierenden Präsidenten geschlagen. «Eigentlich hatte ich ganz andere Pläne», sagt sie heute. Ihr zweiter Mann, der ehemalige Berner Kantonsarzt Jan von Overbeck, 66, wurde kürzlich pensioniert und erbte von seinen Eltern in Saint-Prex VD ein Grundstück, das sie mit einem Café beleben wollen. Zudem erhoffte sie sich mehr Zeit für die Familie – zusammen haben sie acht Kinder und zwei Enkel.

Doch die Unzufriedenheit bei einem Teil der Apotheker über die Ausrichtung des Verbands wurde so gross, dass Ruggli, die fast 19 Jahre bei Pharmasuisse arbeitete, von diversen Seiten zur Kandidatur ermuntert wird. «Für mich war klar: Es muss künftig weniger ums Image, sondern um eine Vergrösserung des Dienstleistungsangebots gehen. Deshalb trat ich an. Et voilà!»

Mutter war Nationalrätin

Ursprünglich will Ruggli Medizin studieren. Doch als sie in der Uni vor der Anmeldung steht, tritt sie im letzten Moment durch die Tür nebenan – und schreibt sich fürs Pharmaziestudium ein. «Ich dachte daran, wie gerne ich meinem Vater, einem Tierarzt, geholfen habe, seine Apotheke zu führen.» Zudem will sie einen Beruf, den sie mit Kindern ausüben kann. Vorbild ist ihre Mutter Rose-Marie Ducrot, die für die CVP im Nationalrat sass. «Als Ärztin war eine Karriere mit Kindern früher unmöglich.»

Als Apothekerin hingegen bleibt Ruggli nach der Geburt ihres ersten Kindes berufstätig. Was alles andere als selbstverständlich ist, da ihr Sohn mit einer Zerebralparese zur Welt kommt – einer schweren körperlichen und geistigen Behinderung. «Eine Arbeitskollegin hütete Simon einen Tag pro Woche, so konnte ich weiterhin arbeiten.»

Martine Ruggli-Ducrot, Praesidentin des Schweizerischen Apothekerverband pharmaSuisse mit ihrem Ehemann Jan von Overbeck.   Aufgenommen am 06.04.2021  Bild © Remo Naegeli

Martin Ruggli mit ihrem Mann Jan von Overbeck. Er war in Bern Kantonsarzt.

Remo Nägeli

Knallhart ehrlich

Bis Ende 2020 steht Ruggli regelmässig in der Apotheke hinter dem Tresen. «Ich liebe den Job, weil er so vielfältig ist und die Menschen uns vertrauen.» Oft seien es die Apotheker, die erfahren, wenn Patienten ihre Medikamente nicht richtig einnehmen. Zudem zeige eine Studie, dass 85 Prozent der Leute, die wegen häufiger Krankheiten wie Durchfall oder Erkältungen eine Apotheke aufsuchen, ohne Arzttermin geholfen werden kann. Dies senke die Kosten im gesamten Gesundheitswesen. «Manche Behörden sehen uns leider immer noch als Fachhändler, nicht als Medizialpersonen. Dabei studieren wir auch fünf Jahre!» Zu Hause sei sie die erste Anlaufstelle für ihre Kinder, wenn diese krank sind. «Da ruft mein Mann auch mal aus, wer hier der Arzt sei», sagt sie und lacht.

Die beiden haben sich 2010 bei einem Telemedizin-Projekt kennengelernt. «Sie ist knallhart ehrlich», sagt von Overbeck, der sich als Kantonsarzt stets dafür einsetzte, dass Apotheker mehr Kompetenzen erhalten – etwa beim Impfen. Ruggli ist wichtig, dass die Apotheker nicht mit den Hausärzten konkurrieren, sondern sie unterstützen. «Es gibt immer mehr Dörfer mit einem Hausärztemangel, hier können wir helfen – etwa bei der Betreuung der Patienten zwischen den Visiten.» Ruggli, bis 2019 Direktionsmitglied und Abteilungsleiterin für Innovationen und internationale Beziehungen bei Pharmasuisse, will mit Projekten den Austausch zwischen Hausärzten und Apothekern verbessern.

In 15 Minuten ein Ergebnis

Seit Mittwoch hat jeder Erwachsene in der Schweiz fünf Corona-Selbsttests pro Monat zugute. Diese sind für symptomfreie Personen gedacht. «Da das Virus bei Personen, die besonders ansteckend sind, auch in der Nase zu finden ist, können so einige Fälle aufgedeckt werden», sagt Martine Ruggli. Für den Bezug brauchts eine Krankenkassenkarte. Nach 15 Minuten liegt das Ergebnis vor. Ist der Test positiv, ist zusätzlich ein PCR-Test Pflicht.

Bruder ist SBB-Chef

Wichtiger Gesprächspartner, wenn es ums Thema Führung geht, ist ihr älterer Bruder Vincent Ducrot, 58. Mit dem Chef der SBB telefoniert Ruggli regelmässig um sechs Uhr morgens, wenn sie beide zur Arbeit fahren. «Als Chefin oder Chef hat man ähnliche Probleme.» Selbst wenn er 300 Millionen Franken einsparen müsse und sie «nur» deren 300 000. Auch sonst seien sich die beiden nah. «Seit seine Frau vor vier Jahren gestorben ist und er die sechs Kindern alleine grosszieht, versuche ich, ihn privat zu unterstützen.»

Zu diskutieren gibts auch künftig genug – denn schon im Mai folgt für die höchste Apothekerin die nächste Herausforderung. Ab dann können Apotheken ihre Kunden gegen Corona impfen. Für Ruggli steht fest: «Wir können die dritte Welle bremsen.»

Von Jessica Pfister am 9. April 2021 - 16:02 Uhr
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