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Gemeinsam Farbe bekennen

Warum das «Ja» zum Schutz vor Hass wichtig ist

Kommenden Sonntag stimmt die Schweiz über die Erweiterung der Anti-Rassismus-Strafnorm ab. Wir haben mit Elay Leuthold über seine Erlebnisse als Homosexueller in der Schweiz gesprochen und erfahren, warum er täglich mit seiner Selbstverwirklichung zu kämpfen hat.

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Dieses Wochenende findet die Abstimmung um die neue Rassismus-Strafnorm statt.

Getty Images

Elay, 23, läuft mit seinem Freund durch eine Unterführung am Bahnhof Oerlikon. Es ist Nachmittag, die Strasse ist leer, sie wollen nur kurz etwas einkaufen. Plötzlich fahren ihnen zwei junge Teenager auf einem Mofa entgegen. «Seid ihr schwul?», donnert der eine dem homosexuellen Paar mit vorwurfsvoller Stimme zu. Elay antwortet: «Ja. Und du?» Eine anständige Antwort, doch die Gegenfrage provoziert den Mofa-Fahrer. Er und sein Kollege steigen ab und packen das junge Paar, drücken sie an eine Wand und spucken ihnen ins Gesicht. «Das nimmst du zurück!», schreit er. «Du hast mich ja das gleiche gefragt», kontert Elay. Zögernd lassen die Teenager von ihm ab und machen sich aus dem Staub.

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Elays Mutter hat ihn bei seinem Outing gewarnt

Ein solcher Angriff ist für Homosexuelle leider keine Seltenheit. Viel eher hatte das Paar noch Glück, glimpflich davongekommen zu sein – nicht selten kommt körperliche Gewalt zum Einsatz. Aber allein die Beschimpfungen und Beleidigungen schmerzen genug: «Ich weiss manchmal nicht, ob ein Schlag noch einen Unterschied machen würde».

Zu Hause hat Elay zum Glück andere Erfahrungen gemacht. Mit 19 outete er sich vor seinen Eltern, die ihn nach wie vor akzeptieren und unterstützen. Seine Mutter gestand damals allerdings, sie habe Angst um ihn. «Sie sagte mir, dass nicht alle Menschen so tolerant seien und ich auf mich aufpassen solle», erzählt er. «Diese Worte werde ich nie mehr vergessen.»

Selbstschutz vs. Selbstverwirklichung

Dass Homophobie auch in der Schweiz existiert, hat Elay mittlerweile mehrmals am eigenen Leib erfahren müssen. Er und sein Freund sind deshalb vorsichtiger geworden. «In der Öffentlichkeit halten wir nicht mehr Händchen und küssen uns auch nicht», erzählt der 23-Jährige. Er könnte es nicht verkraften, wenn ihm oder seinem Freund wegen eines homophoben Angriffs etwas zustossen würde. «Lieber schützen wir uns selbst.»

Doch egal, ob in den eigenen vier Wänden, oder in einer Unterführung am Bahnhof – Homosexuelle sollten zu ihrer sexuellen Orientierung stehen dürfen.

«Es ist eine Gratwanderung»,

sagt Elay. «Ich will zu mir stehen und für junge Homosexuelle ein Vorbild sein. Gleichzeitig möchte ich mich und mein Umfeld nicht unnötig in Gefahr bringen.» Ein komplexer Zwiespalt, der Homosexuelle tagtäglich beschäftigt: Sollen sie ihre Liebe und ihr wahres Ich ausleben oder sich lieber zurückhalten und verstecken, weil sie sich damit in Gefahr bringen und diskriminiert oder angegriffen werden könnten? Um auf diese schwierige Thematik aufmerksam zu machen, hat Elay auf Instagram einen «Ja zum Schutz vor Hass»-Filter kreiert:

Am Sonntag können wir Homosexuellen diese Gratwanderung erleichtern

Glücklicherweise können wir uns dieses Wochenende dafür einsetzen, dass aus der heiklen Gratwanderung ein sicherer Spaziergang wird: Am Sonntag stimmt die Schweiz über die Erweiterung der Anti-Rassismus-Strafnorm ab. Die soll nicht die allgemeine Meinungsfreiheit einschränken, sondern Diskriminierung verbieten. Elay bringt es auf den Punkt: 

«Du kannst mir sagen, dass du Homosexualität nicht akzeptierst, aber du kannst mich deshalb nicht beleidigen, beschimpfen oder angreifen.»

Elay ist sich bewusst, dass Homophobie auch durch die kommende Abstimmung nicht einfach von der Bildfläche verschwinden wird. Aber sie würde zumindest registriert und bestraft. Das würde ihm und der ganzen LGBT-Community der Schweiz Anerkennung und vor allem Sicherheit schenken: «Dann weiss ich, dass der Staat auf meiner Seite ist.» Und er könnte endlich zu sich und seinem Freund stehen.

Von Lara Zehnder am 03.02.2020
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