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Fünf Alkohol(iker)-Typen

«Rauschtrinken ist die häufigste Form der Sucht»

Bei Alkoholikern denken wir an Menschen, die schon am Morgen das erste Bier trinken. Doch nicht jede*r Süchtige konsumiert gleich viel – und auch nicht jede*r trinkt täglich. Ein Experte klärt auf, welche Formen es gibt und ab wann der Konsum riskant wird.

Frau liegt nach einer Party am Boden

«Das Problem beim Rauschtrinken ist, dass man die Sucht selbst nicht erkennt», sagt Alexander Wopfner.

Getty Images

Der amerikanische Forscher Elvin Jellinek hat 1960 fünf Trinker*innen-Typen identifiziert. Zwei davon gelten als (noch) nicht abhängig. Ihr Suchtpotenzial ist aber gross. «Die Einteilung ist schon älter und in der Realität nicht ganz so trennscharf», sagt Alexander Wopfner, Chefarzt der Suchtklinik Südhang. Dennoch gebe sie einen guten Überblick. 

Alpha- oder Konflikttrinker*innen

Sie haben keine Alkoholsucht, ihr Konsum ist aber riskant. Sie trinken nämlich, um seelischen Ballast loszuwerden. «Im Alkohol finden sie einen leichten Weg, sich von Sorgen und Ängsten zu befreien. Die Versuchung, diesen Weg öfters oder sogar regelmässig zu beschreiten, und so eine Abhängigkeit zu entwickeln, ist also gross», so Wopfner.

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Beta- oder Genusstrinker*innen

Mit Genuss hat dieses Trinkverhalten wenig zu tun. «Jellinek meint damit nicht Menschen, die ab und zu ein Glas guten Wein schätzen. Er spricht von jenen, die in Gesellschaft sehr gerne und viel konsumieren», so Wopfner. Sie koppeln Spass mit Alkohol und es fällt ihnen schwer, nicht zu viel zu konsumieren. Trotzdem: Süchtig sind sie meistens (noch) nicht. 

Gamma- oder Rauschtrinker*innen

Rauschtrinkende sind zwar nicht körperlich, dafür aber psychisch abhängig. Sie können gut Tage oder sogar Wochen ohne Alkohol auskommen, wenn sie aber konsumieren, können sie nicht mehr stoppen. Der Verlust der Kontrolle ist gemäss ICD 10 ein klares Zeichen für eine Abhängigkeit. Das Suchtverhalten wird meist in Situationen ausgelöst, wo sowieso Alkohol getrunken wird, wie an Festlichkeiten, in Bars oder in bestimmten Freundeskreisen.

«Das Problem beim Rauschtrinken ist, dass man die Sucht selbst nicht erkennt», sagt Wopfner. Meistens weisen einem Freunde auf den problematischen Konsum hin. Anzeichen können aber auch ein wiederkehrendes schlechtes Gewissen am nächsten Morgen sein oder wenn man in sozialen Kontexten ohne Alkohol keinen Spass mehr hat. Ein weiteres Indiz kann die Menge sein: «Wer regelmässig mehr als sechs alkoholische Getränke an einem Abend trinkt, der sollte seinen Konsum hinterfragen», rät der Suchtexperte.

Delta- oder Spiegeltrinker*innen

Bei einer Alkoholsucht denkt man meist an Spiegeltrinkende. Im Unterschied zu anderen Süchtigen sind sie auch körperlich abhängig. Nicht selten trinken sie schon am Morgen ein Glas Bier oder Schnaps, um in Gang zu kommen. Über den Tag müssen sie dann den Pegel beziehungsweise ihren Blutalkoholspiegel – daher die Bezeichnung «Spiegeltrinker*in» – konstant halten. Fehlt die Zufuhr, treten Entzugserscheinungen auf. «Wir behandeln in unserer Klinik häufig diese Form der Sucht, weil sie in der Regel einen stationären Entzug braucht. In der Realität ist jedoch Rauschtrinken oder eine Kombination aus Rausch- und Spiegeltrinken die häufigste Form der Sucht», sagt Wopfner.  

Epsilon- oder Quartalstrinker*innen

Sie funktionieren wie Gamma-Trinkende. Der Auslöser für eine unkontrollierte Trinkepisode ist bei ihnen aber häufig unbewusst. Ursache können zum Beispiel Stresssituationen oder ein emotionaler Tiefpunkt sein. 

Der schmale Grat zur Sucht

Der Grund für eine Abhängigkeit liegt im Belohnungssystem des Gehirns. Wopfner erklärt: «Das Gehirn lernt mit der Zeit, wie überlebenswichtige Bedürfnisse gestillt werden können. Also zum Beispiel: Ich habe Hunger, also tut es mir gut, etwas zu essen. Die Sucht greift in dieses System ein.» So kann das Gehirn von Genuss- oder Konflikttrinker*innen lernen, dass Alkohol zu sozialen Kontakten verhilft oder von Sorgen befreit. Auf diese Weise wird Alkohol Teil des Belohnungssystems und der Konsum als Lösung tief ins Gehirn eingespeichert. Das macht es so schwer, sich aus einer Sucht wieder zu lösen.

Wer in irgendeiner Form eine Angst mit sich bringt oder wem etwas im Leben fehlt, kann schnell auf Abwege geraten. «Eine Sucht hat nichts mit Schwäche zu tun. Sie ist nur ein Versuch, persönliche Probleme zu lösen oder einen Sinn im Leben zu finden. So gesehen besteht bei uns allen ein Stück weit das Risiko, abhängig zu werden.». Wichtig sei daher, sich selbst zu fragen, was einem im Leben wirklich wichtig ist. «Wer auf diese Frage eine sinnvolle Antwort abseits des Alkohols findet, ist kaum suchtgefährdet», so Wopfner.  

Von Deborah Bischof am 02.10.2021
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