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Gabriela Allemann findet klare Worte

«Ich bin wütend auf Herrn Locher»

Die evangelische Kirche hat ein Problem – Machtmissbrauch und sexuelle Übergriffe, mutmasslich begangen vom ehemaligen Präsidenten. Gabriela Allemann, Präsidentin der Evangelischen Frauen Schweiz, über Gleichstellung, Fortschritt – und warum sie momentan öfter in der katholischen Kirche anzutreffen ist als in der reformierten.

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EFS-Präsidentin Gabriela Allemann in der Pauluskirche in Olten. 

Paul Seewer

Ja, sie bezeichne sich als Feministin, sagt Gabriela Allemann. So ist es nicht verwunderlich, sind für die Präsidentin der Evangelischen Frauen (EFS) die jüngsten Geschehnisse in der Evangelischen Kirche Schweiz (EKS) ein Schlag ins Gesicht. Eine ehemalige Mitarbeiterin reicht intern eine Klage gegen deren Präsidenten Gottfried Locher wegen sexueller Grenzverletzung ein. Der Rat der EKS bearbeitet die Beschwerde. Der Vorfall liegt zehn Jahre zurück. Dem Rat gehört auch Sabine Brändlin an, welche zu diesem Zeitpunkt eine aussereheliche Beziehung mit Locher pflegt. Ihr Rücktritt Ende April bringt den Stein in der Öffentlichkeit ins Rollen.

In der Zwischenzeit melden sich sechs weitere Frauen wegen Grenzverletzungen seitens Lochers. Dieser spricht von einem Komplott, tritt aber unter dem Druck Ende Mai zurück. Trotz der Vorwürfe gegen ihn erhält er eine Abfindung. Bis die Untersuchungen abgeschlossen sind, gilt für Locher die Unschuldsvermutung. Aber der Schaden für die Evangelische Kirche ist nicht absehbar. Trotzdem sieht Gabriela Allemann in den Ereignissen auch eine Chance: «Es wurde zu lange geschwiegen. Wir müssen endlich über diese Themen reden!»

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Gabriela Allemann in ihrem Garten. Seit Sommer 2019 ist die Theologin Präsidentin der Evangelischen Frauen Schweiz. Zuvor war sie elf Jahre lang Pfarrerin in Münsingen BE. Mit ihrem Mann und zwei Töchtern (8 und 10 Jahre) lebt sie in Olten.

Paul Seewer

Einige Medien sprechen von der grössten Krise, in der die Evangelische Kirche Schweiz sich je befand. Sehen Sie dies auch so, Gabriela Allemann?
Es ist wichtig, zu differenzieren. Die Organisation EKS steckt in einer Krise, nicht die Evangelische Kirche als solche. Gerade die letzten Monate haben gezeigt, dass die Kirche für viele Leute wichtig ist. Die Sozialdiakonie und die Pfarrämter waren gefragt. Die Kirchgemeinden waren bei den Leuten und ihren Bedürfnissen, haben viel ausprobiert – zum Beispiel Online-Gottesdienste – was sehr geschätzt wurde.

Wurde diese Krise bei der EKS von Gottfried Locher ausgelöst oder war er einfach der Tropfen, der das Fass in einem sowieso schon löchrigen System zum Überlaufen brachte?
Die Person von Gottfried Locher ist schon lange umstritten. Seit seiner Wahl war er für die einen der grosse Hoffnungsträger, andere sahen ihn schon immer kritisch. Er wollte die oberste Ebene der Evangelischen Kirche stark personalisieren, die Strukturen anders gestalten, eine stärkere Hierarchie hereinbringen und Macht dort konzentrieren. Gottfried Locher ist eine Persönlichkeit, welche viele Leute fasziniert. Das hat ihm Macht über sie und die EKS verliehen.

Genau solche Leute, die es schaffen, das Volk für sich und die Kirche zu begeistern, braucht diese doch.
Ja, aber darin liegt eine gewisse Ambivalenz. Ich bin keine Freundin von solch starken Personalisierungen. Ich finde, Macht und Repräsentation sollten auf viele Schultern verteilt sein. Sie auf einen einzelnen Menschen zu konzentrieren, macht das System anfällig und entspricht auch nicht reformiertem Verständnis.

Und hat schlussendlich zu einem massiven Vertrauensverlust für die Gläubigen geführt.
Das macht mich wütend und traurig.

Wütend auf wen?
Auf Herrn Locher. Die Vorwürfe, die im Raum stehen, sind massiv. Angesicht dessen finde ich sein Verhalten nicht professionell und überhaupt nicht führungsstark.

«Es ist enorm wichtig, dass Frauen darauf sensibilisiert werden, dass sie sich bei jeglicher Art von Grenzverletzung an eine vertrauenswürdige Stelle wenden können - auch wenn es sich nicht um Vergewaltigung oder Nötigung handelt.»

Die ganze Geschichte zeigt ja exemplarisch auf, wie sehr auch die Frauen dieses patriarchale System schützen und stützen – und wenn es nur durch jahrelanges Schweigen ist. Für Sie als Vertreterin der Frauenanliegen in der Evangelischen Kirche muss das besonders bitter sein.
Es zeigt sich, dass wir noch lange nicht an einem Punkt sind, an dem Frauen sich trauen können, sexuelle Grenzverletzungen offen anzuklagen. Das ist aber nicht nur ein Problem der Kirche, sondern der Gesellschaft. Es ist enorm wichtig, dass Frauen darauf sensibilisiert werden, dass sie sich bei jeglicher Art von Grenzverletzung an eine vertrauenswürdige Stelle wenden können – auch wenn es sich nicht um Vergewaltigung oder Nötigung handelt. Wir müssen über diese Themen reden!

Warum haben diese Frauen so lange geschwiegen?
Vermutlich aus Angst davor, nicht ernst genommen und bagatellisiert zu werden. Gerade dann, wenn der Übergriff nicht justiziabel ist, es also nicht zur Anklage reicht. Aus Furcht, von der Öffentlichkeit erneut als Opfer stigmatisiert zu werden. Aus Scham, dass ihnen das passiert ist.

Kommt dazu, dass zumindest einer der Übergriffe innerhalb einer Beziehung passiert sein soll.
Das entschuldigt die Grenzverletzung nicht. Es macht die Schuldgefühle aber noch grösser.

Was müsste geändert werden, um solches künftig zu verhindern?
Zum einen müssten, demokratiepolitisch gesprochen, die Kontrollmechanismen gestärkt werden. Es müsste eine gute Balance herrschen, so dass Macht nicht so sehr auf eine Person oder ein Gremium konzentriert ist. Zum anderen braucht es die Einsicht, dass die Gleichberechtigung von Frauen und Männern noch nicht erreicht ist, weder in der Gesellschaft noch in der Kirche. Es reicht nicht, Frauen zu bestärken, ihre Rechte, die sie auf dem Papier haben, wahrzunehmen. Es braucht eine andere Kultur, die davon lebt, dass Frauen und Männer sich aktiv und gleichgestellt einbringen. So sind zum Beispiel biblische Texte sehr von ihrer patriarchalen Herkunftsumgebung geprägt, das muss wahrgenommen und hinterfragt werden.

«Mit Stereotypen wurde ich oft konfrontiert. So wollte man zum Beispiel Gespräche um die Mittagszeit abbrechen, weil ich doch nach Hause müsste, um zu kochen.»

Ist das in einer so traditionsbewussten Institution wie der Kirche überhaupt möglich?
Davon bin ich überzeugt. Gerade die Reformierte Kirche hat sich ja «Semper Reformanda» – also den Willen zur ständigen Veränderung – sozusagen als Slogan gegeben. Das ist ein Versprechen, das wir ernst nehmen müssen und dürfen. Gerade auch, wenn es um Geschlechterrollen geht.

Wo steht die Reformierte Kirche Ihrer Meinung nach in Sachen Gleichstellung?
Ich denke, es ist schon sehr viel passiert. Pfarrerinnen sind zum Beispiel nicht mehr so exotisch wie noch vor 20 Jahren. Und ich nehme wahr, dass der Wille da ist. Zum Beispiel ist es ein Ziel, den Frauenanteil in den Synoden der Landeskirchen und den Exekutiven zu erhöhen. Es gibt, initiiert von den Genderfachstellen der Kantonalkirchen, Mentoringprogramme und Coachings für Pfarrerinnen oder für Frauen, welche in die Kirchenpolitik möchten. Das Bewusstsein, dass Frauen und Männer gemeinsam die Kirche gestalten sollten, ist vorhanden.

Haben Sie als Frau in der Institution Kirche je negative Erfahrungen gemacht?
Nicht explizit. Aber mit Stereotypen wurde ich oft konfrontiert. So wollte man zum Beispiel Gespräche um die Mittagszeit abbrechen, weil ich doch nach Hause müsste, um zu kochen. Dass mein Mann dies macht, sorgte öfter für Erstaunen.

Die Gesellschaft befindet sich im Umbruch — die Ehe für alle hat den Segen des Nationalrates, man geht gegen Rassismus auf die Strasse. Zieht die Evangelische Kirche hier mit?
Die Kirche steht nicht ausserhalb der Gesellschaft, sondern ist ein Teil von ihr. Die Reformierte Kirche ist oftmals Vorreiterin, im Engagement gegen Diskriminierung und Umweltzerstörung zum Beispiel. Es ist wichtig, dass die Debatten sorgfältig und respektvoll geführt werden, dass die Menschen sich gehört fühlen und sich bewegen können in ihren Positionen. Das hat sich bei der Ehe für alle stark gezeigt. Die Evangelischen Frauen Schweiz EFS hat die Ehe für alle schon in der Vernehmlassung unterstützt. Es gibt aus unserer Sicht nichts, was dagegen spricht, dass zwei Menschen ihre Liebe offiziell und verbindlich machen.

«Ich wünsche mir eine Kirche, welche den Mut hat, zu Fehlern zu stehen. »

Trotzdem hat die Kirche Mühe, die Menschen zu bewegen. Die Leute leben ihre Spiritualität lieber beim Yoga oder Meditieren aus.
Ein Bedürfnis nach Spiritualität ist offenbar da – und dass die Kirche darauf kein Monopol mehr hat, ist ja nicht so schlecht. Ich denke, die Kirche muss und darf sich gesellschaftspolitisch klarer positionieren, um greifbarer – und auch angreifbarer! – zu werden. Kirche hat den Auftrag, Partei zu nehmen für die Schwachen und Ausgeschlossenen der Gesellschaft.

Gehen Sie noch in die Kirche seit Sie nicht mehr selbst als Pfarrerin predigen?
Ich muss gestehen, dass ich in der Reformierten Kirche an meinem Wohnort bisher nicht richtig angekommen bin. Meine Töchter und ich singen im Katholischen Kirchenchor, deshalb bin ich mehr in der Katholischen Kirche anzutreffen – gelebte Ökumene!

Waren die vergangenen Geschehnisse in der Reformierten Kirche ein Thema bei Ihnen zu Hause?
Ja, ich habe meinen Töchtern erklärt, dass dem Präsidenten von verschiedenen Frauen vorgeworfen wird, ihre Grenzen nicht respektiert zu haben. Wir sprechen auch über Sexismus, Rassismus oder Feminismus.

Welche Art von Kirche wünschen Sie sich für die Zukunft?
Eine engagierte Kirche. Eine Kirche, welche klar Stellung bezieht und fassbar ist. Eine Kirche, die ein sicherer Ort ist. Eine, in der Macht geteilt wird und in der über Macht reflektiert wird. Eine Kirche, welche den Mut hat, zu Fehlern zu stehen. Das bedingt flache Hierarchien und den Bezug zu den Menschen an der Basis. Denn um sie geht es schlussendlich.

Wen sehen Sie als Nachfolger von Herrn Locher? Oder als Nachfolgerin?
Ich wünschte mir ein Präsidium, welches weiss und zeigt, wie vielfältig die Kirche ist und dass ein Mensch allein nicht reicht, um diese Vielfalt zu repräsentierten. Und gleichzeitig auch eine oder mehrere Personen, die bereit sind, die Macht zu teilen und die Basis stärker einzubeziehen. Es könnte gut sein, dass das eine Frau ist.

Von Sandra Casalini am 05.07.2020
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