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Schweizer Helferin im Flüchtlingscamp Moria

«Ich bin wütend, dass man die Menschen nicht abholt!»

Ein Brand zerstörte das Flüchtlingslager Moria auf Lesbos. 12'000 Flüchtlinge lebten dort in prekären Verhältnissen. Andrea Blum aus Burgdorf BE hilft vor Ort. «Wir erwarten jeden Moment eine weitere Eskalation.»

Refugees and migrants sleep on by the roadside following a fire at the Moria camp on the island of Lesbos.More than 13,000 Asylum seekers  flee fire at Greece's largest migrant Moira camp at lesbos. They have been stranded on the street before the town of mitilini and prevented to enter the harbour by police. - Afshin Ismaeli//SOPAIMAGES_16133/2009150949/Credit:SOPA Images / SIPA/SIPA/2009150957 (FOTO: DUKAS/SIPA)

12 000 Flüchtlinge, davon rund 4000 Kinder, müssen am Strassenrand ausharren oder ins neue Camp Kara Tepe ziehen.

Dukas

Andrea Blum, wie erlebten Sie den Brand letzte Woche im Flüchtlingscamp Moria?
Erst rochen, dann sahen wir das Feuer. Eigentlich nichts Aussergewöhnliches, da es auf Lesbos immer wieder brennt. Doch dann entschieden unsere Koordinatoren zu evakuieren. Dabei sahen wir, wie die Feuerwehr statt hin zum Brand wegfuhr.

Wieso das?
Die Einheimischen fürchteten Ausschreitungen der Flüchtlinge.

Was erwartete Sie am nächsten Morgen?
Alles lag in Schutt und Asche. Unsere Klinik im Camp war komplett abgebrannt. Wir konnten nur noch wenig Equipment retten.

Und die Flüchtlinge?
Sie wurden an den Strassenrand verbannt, 12 000 Menschen, teils in Zelten eingepfercht, die sie selber aus Bambus bauten. Die Polizei lässt niemanden weg, unter dem Vorwand der Corona-Pandemie. Das Gesetz verbietet den Transport von Flüchtlingen, niemand darf ihnen Obdach geben. Der Umgang mit den Menschen schockiert mich.

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View of the remains of Camp Moria , in Lesbos Island, Greece, on September 14, 2020 (Photo by Grigoris Siamidis/NurPhoto)

Jugendliche ­Migranten sollen den Brand im Flüchtlingscamp gelegt haben, melden griechische Behörden. 

Dukas

Wie verhalten sich die Einheimischen?
Polizisten schreien Flüchtlinge an, als wären sie Tiere. Es ist einfach nur schrecklich. Es gibt viele wütende Inselbewohner, die Strassen blockieren. Sie bedrohen nicht nur die Flüchtlinge, sondern auch uns. Regelmässig werden Autos von Hilfsorganisationen angegriffen.

Wie versorgen Sie die Flüchtlinge jetzt?
Wir versuchten erst, aus unseren Autos heraus medizinische Hilfe zu leisten. Doch die Polizei lässt uns oft nicht durch. Unsere Organisation hat einen Truck gekauft mit Behandlungsräumen drin, eine fahrende Klinik. Die bauen wir gerade auf.

Andrea Blum, Pflegefachfrau
ZVG

Andrea Blum, 28, Pflegefachfrau

Die holländische Hilfs­organisation Boat Refugee Foundation (BRF) sorgt auf Lesbos für die Gesundheit und Bildung von Flüchtlingen. Pflegefachfrau Andrea Blum aus Burgdorf BE packt seit Juni mit an. Nun kehrt sie nach Hause zurück.

Was sind die drängendsten Probleme?
Bei Kara Tepe, einem anderen Flüchtlingscamp, hat man nun Zelte für 2000 Menschen aufgebaut. Doch in Moria wohnten 12 000! Die Verzweiflung ist gross. Manche sagen: «Ich sterbe lieber hier auf der Strasse, als in ein neues Camp zu ziehen.» Einige treten in den Hungerstreik oder verweigern Hilfe. Es gibt viel zu wenig Nahrung, Babys hungern, Wasser fehlt – eigentlich fehlt es an allem!

Wie geht es weiter?
Wir erwarten jeden Moment eine Eskalation: Massenpanik, ausufernde Demos oder weitere Brände. Wir packen Hilfsmaterial in Boxen, um auf alles vorbereitet zu sein.

Zur prekären Situation der Flüchtlinge hinzu kommt die Corona-Pandemie. Wie ­gestaltet sich da die Situation?
Die Griechen haben das Coronavirus überhaupt nicht im Griff. Angeblich testen die Behörden die Flüchtlinge, die ins neue Camp ziehen. Die Resultate sollen schon innert 15 Minuten da sein. Ich bezweifle, dass es so etwas überhaupt gibt. Es fehlt an Masken und Wasser, um sich zu waschen. Wir beobachten einen Anstieg von Flüchtlingen mit Husten und Fieber. Die Todeszahlen hingegen sind noch nicht bekannt.

In Europa laufen Diskussionen darüber, ­welche Länder wie viele Menschen aus Moria aufnehmen könnten. Was ­erwarten Sie von der Schweiz?
Die Schweiz hat viele Hilfsgüter geschickt. Ich bin aber enttäuscht und wütend, dass man die Menschen hier nicht abholt. 12 000 Flüchtlinge auf Europa zu verteilen, ist keine grosse Sache. In der Schweiz schliessen wir ja sogar Asylzentren, weil sie leer stehen. Wir müssen als Vorbild vorangehen und nicht abwarten, was die EU macht. Moria muss jetzt evakuiert werden! Menschen­rechte werden hier verletzt, und keiner wird dafür bestraft.

Wie geht es Ihnen persönlich?
Die Arbeit ist sehr belastend. Ich kehre am Sonntag zurück in die Schweiz. Nur schon meiner eigenen psychischen Gesundheit zu liebe.

Von Onur Ogul am 19.09.2020
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