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Tipps von der Expertin

«Besser wäre, das Kind ohne Nuggi zu beruhigen»

Babys verlangen lautstark nach Nähe und Kuscheleinheiten – und kriegen stattdessen oft bloss einen Nuggi in den Mund gesteckt. Kann das ein guter Trost sein? Wir haben eine Expertin gefragt, was ein gesunder Umgang mit dem heiss geliebten Schatz vieler Babys ist.

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Gewöhnt man ein Baby erst gar nicht an den Nuggi, ist es auch ohne glücklich.

Getty Images/iStockphoto

Beatrice Seyr, was raten sie frischgebackenen Eltern: Nuggi ja oder nein?
Grundsätzlich gilt wie bei allen Beratungen: Die Antwort gibt es nicht, das ist sehr individuell. Es kommt unter anderem darauf an, ob und wie das Stillen klappt. Babys haben von Natur aus ein Saugbedürfnis. Wenn man ein Neugeborenes gleich nach der Geburt auf den Bauch der Mutter legt, robbt es automatisch zur Brust und saugt. Einen Nuggi hingegen drücken Neugeborene meistens gleich wieder aus dem Mund.

Aber grössere Babys lieben den Nuggi doch heiss.
Sie lernen ihn zu lieben, er ist ein Ersatz für Mamas Brustwarzen.

Also lieber grad ganz darauf verzichten?
Sagen wir es so: Die ersten sechs Wochen nach der Geburt sind sehr wichtig. Am liebsten würden wir allen Müttern für diese sensible Zeit mit ihrem Baby ans Herz legen, ausschliesslich zu stillen und sich kennenzulernen. Ein Nuggi ist da ein Fremdkörper, der Unterschied des Saugverhältnisses von Nuggi und Brust, das sind Welten! An der Brust muss das Kind wie ein Kätzchen wellenförmige Zungenbewegungen machen, am Nuggi nur ziehen. Dadurch kann sogar eine Saugverwirrung entstehen.

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Aber ein Baby ganz ohne Nuggi grosszuziehen, klappt das?
Grundsätzlich ist dies möglich. Ein Kind kann ohne Nuggi auskommen, wenn man es dabei unterstützt.

Will heissen?
Die Eltern müssen versuchen, Strategien zu entwicklen, wie sie ihr Kind anders beruhigen können, wenn es vor sich her schimpft oder sonst unruhig ist: durch Nähe, Zuwendung, Tragen.

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Tut auch Mama gut: Viel Kuscheln ist doch viel schöner, als dem Baby bei jedem Pieps den Nuggi in den Mund zu stecken.

Getty Images

Fehlen uns Eltern heute im stressigen Alltag Zeit und Geduld dafür? Denn eigentlich ist es ja verrückt, dem Kind einfach einen Nuggi in den Mund zu stecken, wenn es uns mitteilt, dass es unsere Nähe braucht.
Möglicherweise spielt das auch mit. Es ist halt schwieriger, ein Kind ohne Nuggi zu beruhigen. Sobald das Kind ihn kennt, kommt es schwer davon los. Besser wäre es, das Kind so zu begleiten, dass es sich selbst zu beruhigen lernt. So kann es seine Eigenwahrnehmung stärken und üben, mit Gefühlen umzugehen. In der Mütter- und Väterberatung bekommen wir oft Rückmeldungen von den Eltern, dass sie doch sofort reagieren müssten, wenn sich ihr Kind mitteilt. 

Was ist daran falsch?
Ab und zu sollte man dem Kind die Möglichkeit geben, selber zu lernen, sich zu beruhigen. Und ihm dabei signalisieren: «Wenn du mich brauchst, bin ich unterstützend da.» Immer sofort zu handeln ist nicht immer nötig.

Hat sich die Einstellung zum Nuggi in den vergangenen Jahren verändert?
Früher übernahmen Eltern häufig einfach die Gepflogenheiten aus ihren Familien, der Nuggi wurde nicht in Frage gestellt. Vielleicht wusste man auch einfach noch nicht so viel über seine Auswirkungen. Heute sind die Eltern stark gefordert mit den vielen Medien: Überall lesen und hören sie Informationen, und müssen sich dann entscheiden, was das Beste ist für ihr Kind. Das ist sehr schwierig – hier bieten wir von der Mütter- und Väterberatung Hilfe.

«Sinnvoll ist ein «Parkplatz» für den Nuggi, möglichst an einem Ort, wo er nicht immer verfügbar ist.»

Wie pflegt man einen «gesunden» Umgang mit dem Nuggi?
Indem man ihn dem Kind nur dann gibt, wenn es wirklich das Bedürfnis danach hat, etwa zum Einschlafen. Oder wenn es sich anders nicht beruhigen lässt. Wenn es hingegen weint, weil es hingefallen ist, kann man es zuerst einmal in den Arm nehmen, ganz oft reicht das schon. Und wenn es unruhig ist, geduldig sein, dem Kind die Chance geben, sich selbst zu beruhigen – und zeigen, dass man da ist, statt gleich zum Nuggi zu greifen.

Der Nuggi scheint manchmal fast eher der Beruhigung der Eltern zu dienen.
Ja, manche stecken dem Kind, kaum ist der Mund leer, den Nuggi hinein.

Den Nuggi also besser nicht mit einer Nuggikette am Pulli befestigen.
Genau, sonst ist er immer sichtbar und allzu schnell im Mund. Sinnvoll ist ein «Parkplatz» für den Nuggi, möglichst an einem Ort, wo er nicht immer verfügbar ist.

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So besser nicht: Wenn das Kind den Nuggi an der Nuggikette immer mit dabei hat, steckt es ihn sich auch in den Mund, wenn es ihn gar nicht wirklich braucht.

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Was kann man dem Baby anstelle des Nuggis geben, wenn es sich durch Körperkontakt nicht beruhigen lässt – und auch keinen Hunger hat oder müde ist?
In den ersten Wochen nuckeln Neugeborene auch gerne an ihrer eigenen Faust oder an Mamas Finger. Später kann man dem Baby zum Beispiel ein Schnuffeltuch geben.

Ist da ein Nuggi nicht hygienischer?
Nicht unbedingt. Ein Nuggi hat ja nach dem Abkochen Wasser drin, bei Mikroverletzungen im Material können so Verunreinigungen entstehen. Manchmal sieht man bei Babys und kleinen Kindern Pickelchen um die Lippen – ein möglicher Grund können Speichel und Wärme unter dem Nuggi sein, wenn sie ihn zu oft und zu lange im Mund haben. Ein Schnuffeltuch kann man waschen – zudem kann das Baby auch kuscheln damit.

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Es muss nicht immer ein Nuggi sein: Auch ein Kuscheltier kann kleinen Kindern helfen, ins Land der Träume hinüber zu schlummern.

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Was kann der Nuggi, und was nicht?
Er kann ein Kind, das sich daran gewöhnt hat, beruhigen, trösten und sein Saugbedürfnis stillen. Er täuscht dem Kind vor, an der Brust zu sein – bloss kommt nichts. Sein grösster Negativpunkt ist, dass er den Gaumen verändern und Kieferfehlstellungen fördern kann. Den Nuggi deshalb unbedingt aus Babys Mund nehmen, sobald es eingeschlafen ist. Vier Stunden dauerndes Nuckeln verformt Zahnstellung und Gaumen.

Welche Nuggis schaden diesbezüglich am wenigsten?
Die vielen Nuggimöglichkeiten schauen wir in der Beratung mit den Eltern lieber individuell an, um ihnen zu helfen, sich für den Passenden zu entscheiden, wenn sie für ihr Kind einen möchten.

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Auch aufs strahlende Lächeln hat der Nuggi einen Einfluss: Wer sein Kind zu oft daran nuckeln lässt, riskiert Gaumenverformungen und Zahnfehlstellungen.

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Wann beginnt man am besten mit dem Abgewöhnen des Nuggis?
So früh als möglich. Wenn das Kind beide Hände zum Spielen braucht, sollte es keinen Nuggi im Mund haben. In dieser Zeit erkundet es viel mit dem Mund – wenn da schon ein Nuggi steckt, fehlt dem Kind dieser wichtige Entwicklungsschritt. Sobald es zu plaudern beginnt, bieten sich immer wieder gute Momente, um zu sagen: «Ich verstehe dich nicht, wenn du mit dem Nuggi im Mund sprichst, komm, wir legen ihn auf seinen Parkplatz.» Für die Sprachentwicklung ist es nicht förderlich, wenn ein Fremdkörper im Mund steckt …

Wie gelingt das Abgewöhnen?
Meistens sind die Kinder beim Abgewöhnen schon so gross, dass sie sich den Nuggi selber holen, und haben schon einen festeren Willen. Dann ist es idealerweise so, dass sie den Nuggi bewusst abgeben wollen, und ihn zum Beispiel mit Mama oder Papa zusammen in den Abfall werfen, oder ihn dem Osterhasen oder dem Samichlaus mitgeben.

Und dafür ein kleines Geschenk erhalten?
Wir empfehlen, möglichst nicht mit Belohnungen zu «arbeiten». Aber beim Nuggi kann ein Austausch eine Hilfe sein.

Beatrice Seyr vom Ostschweizer Verein für das Kind OVK  ist Mütter- und Väterberaterin, Still- und Laktationsberaterin BSS, Erziehungsberaterin AAI und Dipl. Pflegefachfrau HF.

Von Christa Hürlimann am 05.09.2019
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