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Berufsmesse Zürich

«Das Gymi ist nicht der einzige Weg»

Die Berufsmesse Zürich steht wieder vor der Tür. Im Gespräch mit schweizer-illustrierte.ch redet Thomas Hess, Geschäftsleiter KMU Gewerbeverband Zürich, darüber, wie Eltern ihr Kind bei der Berufswahl unterstützen können, weshalb Lehrlinge früher Verantwortung übernehmen und wie man auch ohne Matura erfolgreich sein kann.

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An der Berufsmesse Zürich werden 240 Lehrberufe und ebenso viele Weiterbildungsmöglichkeiten vorgestellt. 

Herr Hess, am Dienstag startet die Berufsmesse Zürich. Weshalb sollten Eltern unbedingt hingehen?
Allein das Angebot von 240 Lehrberufen auf einer Fläche ist einmalig. An der Messe werden dabei nicht nur diverse Berufe vorgestellt, man kann hier vor Ort mitanpacken und direkt mit Ausbildnern und Lernenden ins Gespräch kommen.

Gibt es für Eltern ein spezielles Angebot?
Ja, am Mittwochnachmittag und am Samstag finden speziell für Eltern Referate und Workshops statt. Beispielsweise zu den Themen «Wie geht mein Kind mit dem ersten Lohn um?», «Was hat sich verändert, seit ich auf Lehrstellensuche war?» oder «Wie sehr soll ich meine Kinder bei der Lehrstellensuche an die Hand nehmen?»

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Welche Eigenschaften werden heute von den Jugendlichen in der Berufswelt gefordert?
​​​​​​Es sind nicht nur die Noten, die zählen. Viele Ausbildungsbetriebe schauen beim Bewerbungsgespräch und der Schnupperlehre auch sehr genau auf die sogenannten Softskills. Werte wie Freundlichkeit, Pünktlichkeit und Verlässlichkeit sind nach wie vor mitentscheidend.

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Die Berufsmesse räumt mit Geschlechter Stigmatisierung auf: Warum nicht eine Lehre als Schweisserin?

Wie können Eltern ihr Kind bei der Berufswahl unterstützen?
Wichtig finde ich, dass Eltern keine vorgefasste Meinung haben und gemeinsam mit ihrem Kind herausfinden, wo die Stärken und Interessen liegen. Das Gymnasium etwa ist nicht der einzige allein selig machende Weg. Das duale Bildungssystem in der Schweiz bietet eine breite Palette an Möglichkeiten für eine erfolgreiche berufliche Laufbahn.

«Ein Kind auf Biegen und Brechen im Gymi zu behalten, auch wenn es bereits zweimal wiederholt hat, finde ich problematisch.»

Dennoch halten viele Eltern das Gymnasium für den einzig erfolgsversprechenden Weg.
Wenn das Gymnasium dem Kind leicht fällt und es sich dort «Zuhause» fühlt, ist überhaupt nichts dagegen einzuwenden. Ein Kind auf Biegen und Brechen im Gymi zu behalten, auch wenn es bereits zweimal wiederholt hat, finde ich problematisch. Eine Lehre mit Berufsmatur würde wohl alle Beteiligten glücklicher machen. Die KMUs sind sehr an starken Sekschülern interessiert! Zudem gibt es zahlreiche Biographien erfolgreicher Menschen, die ihren Weg nicht über die Matura gemacht haben.

Haben Sie ein Beispiel?
FDP-Ständerat Ruedi Noser absolvierte eine Mechanikerlehre und wurde selbständiger Unternehmer mit 500 Angestellten. Rennstallchef Peter Sauber ist gelernter Elektromonteur. Nadja Schildknecht, Coleiterin des Film Festivals Zürich, hat das KV gemacht. Es gäbe viele weitere Beispiele.

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Thomas Hess, 54, ist Geschäftsleiter KMU-Gewerbeverband Kanton Zürich.

ZVG

Mit einer Lehre verdient man ab 16 Jahren bereits sein eigenes Geld und hat danach einen Berufsabschluss. Was sind weitere Vorteile?
Die Jugendlichen übernehmen früher Verantwortung und werden schneller erwachsen. Es gibt einige, die aus ihrer Schulzeit einen regelrechten Lernverdruss entwickelt haben, und die in der Lehre richtig aufblühen und sich voll ins Zeug legen. Einige fassen sogar den Mut, sich nach der Lehre selbständig zu machen. Das passiert eher aus der Praxis als aus der Theorie heraus.

Wie zeigt sich denn dieses erwachsen werden?
Man sieht die Welt mit anderen Augen und aus einem anderen Blickwinkel. Mein Göttibub zum Beispiel hat vor einem Jahr eine Lehre als Koch angefangen. Kürzlich schaute er am Samstag zum Fenster raus und sah, wie ein Arbeiter im grössten Regen ein Dach flickte. «Das ist auch noch hart, bei diesem Wetter draussen zu arbeiten», sagte er. Das hätte er vorher nicht so gesehen.

Da möchte man gleich rufen: Eltern, lasst eure Kinder eine Lehre machen!
(lacht) Es geht überhaupt nicht darum, das Gymnasium gegen eine Lehre auszuspielen. Das tolle in der Schweiz ist tatsächlich diese Vielfalt an Laufbahn-Möglichkeiten. Dazu gehört auch die herausragende Qualität vieler Lehrbetriebe. An der Berufsmesse können die Besucher in diese Vielfalt eintauchen.

Berufsmesse Zürich 2019

An der Berufsmesse Zürich werden 240 Lehrberufe und ebenso viele Weiterbildungsmöglichkeiten vorgestellt. Viele Tätigkeiten können die Besucher selber ausprobieren. An jedem Stand sind Ausbildner und Lernende anwesend. Bei den Drogisten zum Bespiel wird eine geheimnisvolle Rheumacrème hergestellt. Zudem gibt es im Forum Referate über Berufswahl, Bewerbung, Berufsmaturität und vieles mehr. Die Berufsmesse auf dem Messegelände Zürich (neben dem Hallenstadion) findet vom 19. bis 23. November statt. Der Eintritt ist frei. Weitere Infos findet ihr hier.

Von Maria Ryser am 19.11.2019
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