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Kindliche Entwicklung

«Eine frühe Pubertät ist meist kein Grund zur Sorge»

Wenn sich der Körper eines Kindes verändert, fragen sich viele Eltern: Beginnt jetzt schon die Pubertät? Eine Expertin erklärt, welche Anzeichen wirklich zählen und wann eine ärztliche Abklärung sinnvoll ist.

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Knabe, Mädchen, Teenager, Pubertät

Durchschnittlich beginnt die Pubertät heute ein Jahr früher als vor 50 Jahren.

Getty Images

Ursina Probst-Scheidegger, in welchem Alter kommen Kinder in die Pubertät?

Bei Mädchen beginnt die Pubertät definitionsgemäss im Alter von acht bis dreizehn Jahren, bei Knaben zwischen neun und vierzehn.

Man hört häufig, dass Kinder immer früher in die Pubertät kommen. Stimmt das?

Ja, es gibt Studien, die das belegen. In den letzten 50 Jahren hat sich der Beginn der Pubertät um ein Jahr nach vorne verschoben. Allerdings dauert die Pubertät heute etwas länger als damals. Sie ist also nicht zwingend auch ein Jahr früher zu Ende als vor 50 Jahren. 

Was sind die Gründe dafür, dass sich der Pubertätsbeginn in den letzten Jahrzehnten leicht verschoben hat?

Fachpersonen gehen davon aus, dass das Übergewicht von Kindern einen grossen Einfluss hat. So ist bekannt, dass Kinder in Amerika früher in die Pubertät kommen als Kinder aus Afrika – und durchschnittlich sind amerikanische Kinder auch schwerer als afrikanische. Eine weitere Ursache könnten bestimmte Chemikalien, sogenannte endokrine Disruptoren, sein. Sie kommen etwa in Plastikverpackungen und Reinigungsmitteln vor. Über die Atemwege oder die Haut gelangen sie in unseren Körper und können das Hormonsystem stören. Weiter haben Kinder, die zu klein zur Welt gekommen sind, ein höheres Risiko, früh in die Pubertät zu kommen.

Die Expertin

 Dr. med. Ursina Probs-Scheidegger

Dr. med. Ursina Probst-Scheidegger ist Leitende Ärztin pädiatrische Endokrinologie am Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin des Kantonsspitals Winterthur.

ZVG

Mit welchen Anzeichen macht sich der Beginn der Pubertät bemerkbar?

Bei Mädchen mit dem Wachstum der Brust, bei Knaben mit dem Wachstum der Hoden. Beginnen bloss erste Scham- und Achselhaare zu wachsen oder riechen die Kinder stärker nach Schweiss, sind das noch keine Zeichen fürs Einsetzen der Pubertät, sondern fürs Erwachen der Androgen-produzierenden Zone der Nebenniere. Das ist ab dem Alter von sechs Jahren physiologisch möglich. Kommt das nicht extrem früh vor, ist es völlig harmlos und nicht abklärungsbedürftig.

Welche Bedeutung hat die erste Monatsblutung bei Mädchen?

Anders als viele Menschen denken, läutet die erste Monatsblutung nicht die Pubertät ein. Mit dem Einsetzen der Menstruation endet die Pubertät.

Wann handelt es sich um eine vorzeitige Pubertät?

Im Grunde, wenn sie bei Mädchen vor dem achten, respektive bei Knaben vor dem neunten Geburtstag einsetzt. Je näher sie aber um diese Daten herum beginnt, desto grösser ist die Wahrscheinlichkeit, dass es sich um eine frühe Pubertät ohne Krankheitswert handelt. Liegt eine krankhafte Ursache zugrunde, dann sind die Kinder in der Regel deutlich jünger.

Welche krankhaften Ursachen könnten eine vorzeitige Pubertät auslösen?

In seltenen Fällen gibt es beispielsweise Babys oder Kleinkinder, die in die Pubertät kommen, weil ein Tumor Sexualhormone bildet. Auch angeborene Veränderungen der Hormondrüsen können dazu führen, dass sehr junge Kinder erste Anzeichen der Pubertät zeigen.

Kommt das oft vor?

Dass eine krankhafte Ursache Kleinkinder in die Pubertät versetzt, ist sehr selten. Dass Kinder bereits kurz vor dem achten oder neunten Geburtstag in die Pubertät kommen, sehen wir häufiger. Das ist jedoch selten problematisch.

Welche Risiken birgt eine vorzeitige Pubertät?

Kinder, die vorzeitig in die Pubertät kommen, haben ein erhöhtes Risiko, später übergewichtig zu werden und dadurch Typ-2-Diabetes, einen hohen Blutdruck oder hohe Cholesterinwerte zu entwickeln. Zudem besteht die Gefahr, dass sie früher aufhören zu wachsen. Der Wachstumsschub setzt zwar früher ein, endet aber oft auch früher. Das kann zu einer geringeren Endgrösse führen. Ausserdem haben die betroffenen Kinder ein leicht erhöhtes Risiko für psychische Probleme.

Wann raten Sie, mit dem Kind eine Fachperson aufzusuchen?

Wenn es noch sehr jung ist und bereits Anzeichen der Pubertät zeigt. Zudem, wenn Symptome wie Kopfschmerzen, Hautveränderungen oder epileptische Anfälle hinzukommen. Auch wenn die Eltern selbst eher spät in die Pubertät kamen und das Kind extrem früh dran ist, könnte das ein Hinweis auf ein gesundheitliches Problem sein. Zudem sollte eine psychologische Fachperson aufgesucht werden, wenn das Kind unter der Pubertät leidet.

Wie kann eine vorzeitige Pubertät behandelt werden?

Kommt ein Kind weit vor acht oder neun Jahren in die Pubertät, helfen Pubertätsblocker. Dank ihnen kann verhindert werden, dass das Kind zu früh nicht mehr wächst. Sie sind gut verträglich und blockieren die Produktion der Sexualhormone für eine gewünschte Zeit. Zudem ist es möglich, bei Mädchen, die sehr früh ihre Periode bekommen und damit überfordert sind, diese zu unterdrücken.

Was raten Sie Eltern, deren Kind früh in die Pubertät kommt?

Setzt die Pubertät deutlich vor dem achten oder neunten Geburtstag ein, ist es wichtig, rasch eine Fachperson aufzusuchen. Ansonsten ist eine etwas frühere Pubertät meist kein Grund zur Sorge – und genau das sollten die Eltern ihren Kindern vermitteln: Dass es gesund ist und alles seinen normalen Lauf nimmt.

Fabienne Eichelberger von Schweizer Illustrierte
Fabienne EichelbergerMehr erfahren
Von Fabienne Eichelberger am 17. März 2026 - 12:00 Uhr