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Kinder zweisprachig erziehen

«Es reicht nicht, einfach gut Englisch zu sprechen»

Wir leben in einer multikulturellen Gesellschaft, in der viele Kinder in mehrsprachigen Elternhäusern aufwachsen. Entwicklungspsychologin Anja Gampe verrät, worauf es bei einer zweisprachigen Erziehung ankommt und wie man nicht nur Sprache, sondern auch Heimat vermitteln kann.

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Im Idealfall beginnen Eltern gleich nach der Geburt des Kindes mit der zweisprachigen Erziehung.

Getty Images

Frau Gampe, können Kinder gut mit einer zweisprachigen Erziehung umgehen?
Ja, das können sie auf jeden Fall. Je nach Sprache kann es einfach länger dauern, bis das Kind sie beherrscht. Dies hängt auch davon ab, wie oft mit dem Kind in der Zweitsprache gesprochen wird. Je öfter Kinder mit ihr konfrontiert sind, desto schneller lernen sie.

Wie gut müssen Eltern eine Sprache beherrschen, damit sie diese ihrem Kind richtig beibringen können?
Sie sollten auf dem Muttersprach-Niveau sprechen können. Einfach gut Englisch zu sprechen reicht da nicht. Ohne wirklichen Background empfehlen wir Eltern die zweisprachige Erziehung nicht, da sprachliche Eigenheiten, Spezialausdrücke und kulturelle Elemente fehlen. Besser wäre es in diesem Fall, das Kind in eine englische Kita zu schicken.

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Wann sollte man mit der zweisprachigen Erziehung beginnen?
Idealerweise natürlich von Geburt an. Damit machen Kinder die besten Erfahrungen. Aber man kann sich auch später erst dazu entscheiden.

Gibt es eine Obergrenze, wie viele Sprachen ein Kind gleichzeitig lernen kann, ohne dass es zu einer Überforderung kommt?
Dazu gibt es noch nicht viele wissenschaftlichen Erkenntnisse, da sich die Forschung bisher mehrheitlich auf zwei- und nicht auf mehrsprachige Kinder konzentriert hat.

Können Sie ein Alter nennen, ab welchem die sprachlichen Bemühungen der Eltern nur noch wenig bringen?
Forscher haben herausgefunden, dass Kinder, die vor dem zehnten bis zwölften Lebensjahr eine Zweitsprache lernen, ein sehr hohes, wenn nicht sogar Muttersprach-Niveau erreichen können. Dass es später nichts mehr bringt, würde ich aber nicht sagen.

Welche Tipps haben Sie für Eltern, die sich für eine zweite Sprache in der Erziehung entscheiden? 
Seien sie geduldig und erwarten Sie nichts vom Kind. Übersetzen Sie, wenn es das Gesagte nicht versteht und lassen Sie sich nicht verunsichern, wenn es konsequent in der anderen Sprache antwortet. Wenn möglich, sollten zweisprachige Eltern konsequent in der gewählten Sprache sprechen, wenn sie mit dem Kind alleine sind. Wenn alle zusammen Zeit verbringen, können Sie sich auf eine Familiensprache einigen, die alle verstehen. Von Vorteil ist, wenn das Kind noch weitere Bezugspersonen wie zum Beispiel Grosseltern hat, die mit ihm diese zweite Sprache sprechen. Alles was unternommen wird, hilft den Kindern beim Erlernen der Sprache. Gehen Sie von verschiedenen Seiten ans Thema heran, so verfestigt sich das Gelernte: sprechen, Musik hören, singen, tanzen – eine Sprache lernt man mit allen Sinnen.

Zur Person

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ZVG/Marco Bleiker

Dr. Anja Gampe ist Oberassistentin am Psychologischen Institut für Entwicklungspsychologie im Säuglings- und Kindesalter der Universität Zürich. Ihre Forschungsschwerpunkte umfassen das Handlungsverständnis, die Imitation, den Erwerb und die Weitergabe von Wissen, monolingualen und bilingualen Spracherwerb und die Zusammenhänge zwischen Sprache, Handlung und Kognition.

Viele junge Eltern mit Wurzeln in einem anderen Land beherrschen ihre Muttersprache ganz anständig, dennoch fühlen sie sich im Schweizerdeutschen sicherer. Sollen Sie mit ihren Kindern trotzdem ihre Muttersprache sprechen?
Solange sie die Sprachstruktur richtig verstehen und benutzen und die Aussprache richtig beherrschen, können sie das auf jeden Fall tun. Es ist nicht schlimm, wenn sie nicht alle Wörter und modernen Sprachtrends kennen. Wenn das Fundament jedoch brüchig ist, dann kann es für das Kind sehr schwierig sein.

Sprache hat auch mit Heimat zu tun. Wie vermittle ich meinem Kind nicht nur die Sprache, sondern auch dieses Gefühl?
Lesen Sie typische Kinderbücher, pflegen Sie Bräuche, singen Sie Lieder, kochen Sie spezielle Gerichte – tun Sie all die Dinge, die Sie in Ihrem Herkunftsland auch machen würden. So vermitteln Sie nicht nur die Sprache, sondern auch Werte und Traditionen.

Von Edita Dizdar am 11.06.2020
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