Wenn Kinder Angst davor haben, im Restaurant ihr Getränk selber zu bestellen oder nach dem WC zu fragen, ist das – je nach Alter und Wesen des Kindes – völlig normal. Auch die Angst vor Dunkelheit, Gewittern oder Monstern ist üblich. Die gute Nachricht ist: Bei den meisten Kindern verschwinden diese Ängste mit der Zeit ganz von allein wieder.
Aber was, wenn nicht?
Wenn Ängste nicht mehr altersentsprechend scheinen und die Kinder in ihrer Entwicklung beeinträchtigen, weil diese beispielsweise gewisse Orte oder Aktivitäten vermeiden, sprechen Experten von Angststörungen. Laut der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich leiden etwa zehn Prozent aller Kinder und Jugendlichen einmal an einer Angststörung. Wann gilt ein Kind einfach als schüchtern und durchläuft gerade eine ängstliche Phase und wann ist professionelle Hilfe nötig? Die leitende Psychologin der Luzerner Kinder- und Jugendpsychiatrie Sabrina Notz gibt Antworten und konkrete Tipps für Eltern ängstlicher Kinder.
Warum haben manche Kinder Angst vor banalen Alltagssituationen wie nach dem WC fragen oder selber ein Getränk bestellen?
Kinder erleben je nach Alters- und Entwicklungsphase unterschiedliche Ängste, Sorgen und Befürchtungen – das gehört grundsätzlich zur normalen Entwicklung. Insbesondere im sozialen Bereich, wie in den genannten Beispielen, spielen Unterstützung durch die Eltern und andere Bezugspersonen, das wiederholte Üben sowie eigene positive Erfahrungen eine wichtige Rolle. Entscheidend ist dabei die Erfahrung, dass etwas gelingt und bewältigbar ist. Wenn Kinder solche Situationen vermeiden und nicht ausprobieren, fehlen ihnen oft diese stärkenden Erfolgserlebnisse.
Wie unterstützen Eltern ihre Kinder am besten, Alltagsängste zu überwinden?
Hilfreich ist zunächst ein grundlegendes Verständnis dafür, welche Ängste in welchen Entwicklungsphasen typisch sind und zur normalen Entwicklung gehören. Hierzu lohnt sich zum Beispiel die Anschaffung eines einfachen Lehrbuchs der Entwicklungspsychologie. Dieses Wissen kann Eltern helfen, altersübliche Ängste – etwa vor Gewittern, Monstern oder bestimmten sozialen Situationen – von stärker belastenden oder behandlungsbedürftigen Ängsten zu unterscheiden. Wichtig ist ausserdem, mit dem Kind über angstauslösende Situationen zu sprechen oder diese spielerisch zu üben. Kreative Methoden, etwa Rollenspiele mit Handpuppen oder Figuren, können Kindern helfen, neue Bewältigungsstrategien auszuprobieren und Sicherheit zu gewinnen. In einem weiteren Schritt kann es sinnvoll sein, solche Situationen gemeinsam im Alltag aufzusuchen und dort in kleinen, bewältigbaren Schritten zu üben. Positive Rückmeldungen, Ermutigung und angemessene Anerkennung von Fortschritten unterstützen dabei, dass Kinder Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten entwickeln.
Was ist sinnvoller: Kinder ihrer Angst aussetzen, damit sie lernen, sie zu bewältigen oder ihnen die Aufgabe ganz abnehmen, dass sie sich nicht fürchten?
Sinnvoll ist meist ein Mittelweg. Hilfreich ist es, angstauslösende Situationen gemeinsam zu benennen, zu verstehen und zunächst gedanklich oder spielerisch zu bewältigen. Wichtig bleibt jedoch, dass Kinder solche Situationen nicht dauerhaft vermeiden. Wenn Eltern ihnen alles abnehmen oder Ängste konsequent umgangen werden, fehlt oft die Erfahrung, dass Angst bewältigbar ist. Dadurch kann die Unsicherheit eher zunehmen – und mit ihr das Vermeidungsverhalten. Ziel ist also, Kinder schrittweise zu unterstützen, damit sie Vertrauen in ihre eigenen Bewältigungsfähigkeiten entwickeln.
Studien besagen, ängstliche Kinder haben auch ängstliche Eltern. Sie schauen das Verhaltensmuster quasi ab, was ist da dran?
Tatsächlich zeigen Studien, dass bei vielen psychischen – aber auch körperlichen – Erkrankungen eine genetische Mitveranlagung eine Rolle spielt. Wichtig ist dabei: Das bedeutet keine direkte «Vererbung» im engeren Sinne, sondern eher eine erhöhte Anfälligkeit. Haben beispielsweise beide Eltern eine ausgeprägte Angststörung, steigt auch für das Kind das Risiko, selbst eine Angsterkrankung zu entwickeln. Neben dieser biologischen Komponente kommt hinzu, dass sich Kinder stark am Verhalten ihrer Eltern und anderer Bezugspersonen orientieren. Wenn Eltern also selbst eher ängstlich reagieren oder belastende Situationen häufig vermeiden, kann sich dieses Bewältigungsmuster ebenfalls übertragen. Gleichzeitig sollten wir den Einfluss weiterer Umweltfaktoren – etwa Gleichaltrige, Schule, Grosseltern, Freundeskreis und das gesamte Lebensumfeld des Kindes – nicht unterschätzen.
Wo ist die Linie zwischen Schüchternheit und einer Angststörung?
Aus zahlreichen Studien wissen wir heute, dass schüchterne und zurückhaltende Menschen im sozialen und gesellschaftlichen Leben mindestens genauso erfolgreich sein können wie sehr extrovertierte oder furchtlose Personen – in manchen Berufen sogar besonders erfolgreich. Eine ruhige, zurückhaltende Art, verbunden mit einem gut entwickelten Schamgefühl oder Takt, ist also keineswegs problematisch, auch wenn diese Eigenschaften in unserer heutigen Gesellschaft nicht immer im Vordergrund stehen. Kritisch wird es dann, wenn sich Schüchternheit zunehmend auf immer mehr Lebensbereiche ausdehnt, stärker wird und dazu führt, dass sich ein Kind immer mehr zurückzieht oder bestimmten Stresssituationen gar nicht mehr aussetzt. Breiten sich die Ängste zudem auf weitere Lebenssituationen aus, sprechen Fachpersonen von sogenannten Generalisierungsprozessen und katastrophisierenden Denkweisen. Spätestens dann ist Aufmerksamkeit und gegebenenfalls fachliche Unterstützung angezeigt.
Wann verwandelt sich normale Angst in eine Angststörung?
Normale Angst ist in der Regel situationsgebunden, sinnvoll und alters- und entwicklungsabhängig. Sie erfüllt einen wichtigen Schutz- und Orientierungszweck und hilft Kindern wie Erwachsenen, Risiken einzuschätzen und sich anzupassen. Pathologische Angst im Sinne einer Panikstörung oder einer generalisierten Angststörung koppelt sich von konkreten Auslösern ab, verselbständigt sich und nimmt im Verlauf zu. Sie beginnt, immer mehr Lebensbereiche zu beeinflussen – auch solche, die zuvor nicht angstbesetzt waren. Hinzu kommen häufig ein anhaltender Leidensdruck sowie eine sogenannte «Angst vor der Angst», also die ständige Sorge, erneut Angst zu erleben oder die Kontrolle zu verlieren.
Was sind erste Anzeichen?
Erste Anzeichen können ein zunehmender Rückzug, die verstärkte Vermeidung belastender oder als schwierig erlebter Situationen sowie ein ausgeprägtes Ausweichverhalten sein. Manche Kinder wirken insgesamt vorsichtiger oder sozial zurückhaltender als zuvor. Wichtig ist dabei: Solche Verhaltensweisen sind nicht automatisch krankhaft. Entscheidend ist, ob sie deutlich zunehmen, länger anhalten, das Kind stark belasten oder den Alltag spürbar einschränken.
Wann sollten Familien sich professionelle Hilfe holen?
Familien sollen dann professionelle Unterstützung in Betracht ziehen, wenn sich die Ängste zunehmend ausweiten, mehrere Lebensbereiche betreffen und trotz liebevoller und steuernder Unterstützung der Eltern nicht verändert werden können. Auch ein anhaltender Leidensdruck oder spürbare Einschränkungen im Alltag sind wichtige Hinweise. Die gute Nachricht ist: Angststörungen lassen sich – wie viele andere psychische Erkrankungen auch – meist gut behandeln. Besonders verhaltenstherapeutische Ansätze zeigen oft rasch wirksame Ergebnisse. Dabei geht es vereinfacht gesagt darum, sich Ängsten schrittweise zuzuwenden.

