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Hebamme warnt

«Geburt ohne Partner wäre für viele Frauen verheerend»

In vielen Deutschen Spitälern stehen Papas wegen der Coronakrise bereits vor verschlossener Spitaltür. In der Schweiz ist es noch nicht so weit. Im Gespräch mit schweizer-illustrierte.ch erklärt Hebamme Beatrix Ulrich, warum die Begleitperson für Gebärende so wichtig ist.

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Grosse Stütze: Niemand kennt die Gebärende so gut wie die Vertrauensperson. (Symbolbild)

Getty Images

Hebamme Beatrix Ulrich, 52, kennt die Ängste und Bedürfnisse werdender Mütter. Eine Sorge, die in der Coronakrise viele hochschwangere Frauen umtreibt: Darf mein Partner überhaupt bei der Geburt dabei sein oder muss ich am Ende alleine gebären?

Und diese ist berechtigt: In vielen deutschen Spitälern stehen Papas bereits vor verschlossener Spitaltür. Auch in der Schweiz herrscht zur Eindämmung des Covid-19 Virus ein Besuchsverbot für Spitäler, das kantonal geregelt wird.

Im Kanton Zürich etwa gelten folgende Ausnahmen. Folgende Personen dürfen Angehörige sehen: «Eltern von Kindern, Partner von Gebärenden oder Besucherinnen und Besucher von palliativen Patientinnen und Patienten», sagt Patrick Borer, Kommunikation Gesundheitsdirektion des Kanton Zürichs, auf Anfrage von schweizer-illustrierte.ch

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Beatrix Ulrich hofft, dass diese Regelung beibehalten wird. «Eine Geburt ohne Partner oder Partnerin wäre für viele Frauen verheerend», sagt die erfahrene Hebamme im Gespräch mit schweizer-illustrierte.ch.

Partner schenken Sicherheit und Vertrauen

Laut Ulrich sind drei Faktoren für ein positives Geburtserlebnis entscheidend: 1.) Vertrauen, 2.) Zeit und 3.) Ruhe. Die Begleitperson kann die Gebärende in allen drei Bereichen entscheidend unterstützen. Durch massieren, mitatmen oder mittönen etwa hilft sie der werdenden Mutter sowohl physisch als auch psychisch.

«Legt der Partner oder die Partnerin zum Beispiel eine Hand während der Eröffnungswehe mit Druck aufs Kreuz der Frau, entspannt das die Gebärende zum einen körperlich und gleichzeitig schenkt es ihr Sicherheit und Vertrauen», so Ulrich.

Partner können während der Geburt auch eine Art Sprachrohr sein. «Schliesslich kennen sie die Gebärende am besten und wissen im Idealfall, was sie mag und was nicht.»

Daraus ergibt sich eine einfache Formel: Wer sich sicher fühlt, kann leichter gebären und steigert die Chance auf ein positives Geburtserlebnis.

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Egal ob bei Kaiserschnitt oder Spontangeburt: Der Partner ist für die meisten Frauen sehr wichtig.

Getty Images

Gefahr einer traumatischen Geburt nimmt zu

Nimmt man der werdenden Mutter beim Gebären hingegen die Vertrauensperson weg, können die ohnehin vorherrschenden Unsicherheiten und Ängste vor einer Geburt verstärkt werden.

Das führt schnell zu einer Negativspirale: «Angst verkrampft den Körper, was zu mehr Schmerzen führt und die Angst wiederum vergrössert», erklärt Ulrich. «Die Kunst des Gebärens liegt in der Entspannung unter der Spannung. Also unter den Wehen loslassen und mit den Schmerzen mitfliessen.»

Beatrix Ulrich weiss wovon sie spricht. Seit vielen Jahren begleitet die passionierte Hebamme in ihrer eigenen Praxis Frauen bei der Verarbeitung traumatischer Geburtserlebnisse.

«Viele Frauen etwa fühlten sich in den Spitälern von den Hebammen im Stich gelassen, weil diese zwischen zwei Geburten hin- und herrennen mussten.» 

Das sei nicht der Fehler der Hebammen, sondern liege an den Sparmassnahmen unseres Gesundheitssystem», ärgert sich Ulrich und betont: «Umso wichtiger ist die Anwesenheit der Vertrauensperson.»

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Beatrix Ulrich arbeitet seit Jahrzehnten als Hebamme. In ihrer eigenen Praxis hilft sie Frauen bei der Verarbeitung traumatischer Geburtserlebnisse.

ZVG

Versorgungssituation würde verschärft

Eine steigende Anzahl traumatischer Geburtserlebnisse wäre das eine. Beatrix Ulrich sieht aber noch eine weitere Gefahr: Sollte eine Regelung in einzelnen Kliniken kommen, die den Partner oder die Partnerin bei der Geburt ausschliesst, besteht die Gefahr, dass die Gebärenden in andere Spitäler ausweichen, welche die Begleitung erlauben.

«Das würde die Versorgungssituation dort sehr verschärfen und die Fachpersonen könnten diese Mehrbelastung kaum adäquat auffangen», warnt die Hebamme.

Von Maria Ryser am 28.03.2020
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