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Chantal Galladé zur Schulöffnung

«Halbklassen schaffen Vertrauen»

Die Schulkinder sind zurück. Schulpräsidentin und alt Nationalrätin Chantal Galladé verteidigt das Halbklassensystem, kritisiert jene, die stur auf Abschlussprüfungen beharren, und berichtet von ihrer Lockdown-Erfahrung.

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Schulpräsidentin Chantal Galladé freut sich, dass die Kinder wieder zur Schule gehen können.

Pascal Mora

Für fast eine Million Schülerinnen und Schüler haben am 11. Mai in der Schweiz die Schulen wieder geöffnet. Auch Chantal Galladé, 47, kehrt zurück in ihr Büro. Seit 2018 wacht die ehemalige Nationalrätin als Schulpräsidentin über elf Schulhäuser im Kreis Winterthur Stadt-Töss.

Frau Galladé, die Schulen sind wieder offen. Grund zur Freude oder zur Sorge?
Ich freue mich für die Kinder, dass sie wieder zur Schule können. Ich hoffe, dass das der richtige Zeitpunkt war, habe da aber Vertrauen.

Weshalb zögern Sie?
Ich glaube, die Krise hat uns alle sensibilisiert, auch die Eltern. Alle wissen, dass sie ihr Kind nicht zur Schule schicken sollen, wenn es mal im Hals kratzt. Aber wir müssen die Entwicklung beobachten und aufmerksam sein. Ich bin zuversichtlich, dass es gut kommt.

Wie beurteilen Sie die Homeschooling- Phase?
Ich bin positiv überrascht, wie gut und schnell der digitale Unterricht lanciert wurde. Die Schulen in meinem Kreis habe ich schon vor dem Lockdown angewiesen, sich darauf vorzubereiten, und sie haben das wirklich bewundernswert und engagiert gemeistert. Klar musste man Neues lernen, und es war nicht von Anfang an alles perfekt. Das musste es auch nicht.

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Wie wirken die zurückgekehrten Kinder?
Die bisherigen Rückmeldungen sind gut. Die Kinder seien sehr diszipliniert. Sie waschen sich fleissig die Hände und halten sich an die Regeln. Sie seien teilweise sogar sehr still. Es muss speziell sein, sich plötzlich wieder in einer Gruppe mit anderen Kindern zu befinden. Gerade darum bin ich sehr dankbar für die Halbklassenlösung im Kanton Zürich.

Weniger dankbar sind viele Eltern. Ihnen bereitet das System Probleme bei der Betreuung.
Dass die Lösung nicht allen gerecht wird, ist mir klar. Eine Ideallösung gibt es einfach nicht. Ich habe aber viel Verständnis für die Herausforderungen der Familien, ich bin ja selber Mutter. Auch Ganzklassen werfen Fragen auf: Wir haben teilweise sehr kleine Schulzimmer. Wie sollen da Abstandsregeln eingehalten werden? Das Halbklassensystem braucht zwar grossen Aufwand, aber nur dank dem können Lehrpersonen individuell auf die Kinder eingehen. Und das ist nach dem Lockdown besonders wichtig

das ist.

Die Erziehungswissenschaftlerin Chantal Galladé, 47, sass 15 Jahre lang für die SP im Nationalrat. 2019 wechselte sie zu den Grünliberalen. Heute amtiert die zweifache Mutter als Kreisschulpräsidentin in Winterthur.

Wie wirkt sich diese Halbklassenstrategie bei Ihnen zu Hause aus?
Die kleine Tochter ist vier, sie geht noch nicht zur Schule. Die Betreuung übernehmen der Kindsvater und ich abwechslungsweise. Und die 15-Jährige geht ins Gymi, das voraussichtlich erst am 8. Juni wieder öffnet. Daher bin ich selbst nicht so stark davon betroffen.

Wie erlebten Sie den Lockdown? Ich arbeitete mehrheitlich im Homeoffice. Amélies Gymi hat den digitalen Unterricht nahtlos lanciert, sie war also beschäftigt. Wenn die Kleine gerade nicht beim Vater war, musste ich improvisieren wie viele andere auch. Manchmal halfen Nachbarn, denn zum Grosi gab ich sie während des Lockdown nicht mehr. Meine Mutter ist 78 und eigentlich topfit. Aber ich nehme die Pandemie sehr ernst und will nichts riskieren. Wir unterhielten uns über den Balkon. Inzwischen sehen wir uns mit Vorsichtsmassnahmen wieder.

Auch unter dem Lehrpersonal gibt es Risikopersonen. Wie sorgen Sie für deren Schutz?
Das Volksschulamt hat ein Konzept gemacht. Jede Schule setzt dieses passend um. Damit es kein Gedränge gibt, betreten die Klassen das Schulhaus gestaffelt. Die Lehrpersonen kön- nen ausserdem auf Wunsch Plexiglasscheiben bestellen.

Lehrer fallen aus, weil sie zur Risikogruppe gehören, in Quarantäne oder krank sind. Wie viele blieben bei Ihnen zu Hause?
Eher wenige, die genaue Zahl habe ich nicht. Hier zeigt sich aber noch einmal ein Vorzug des Halbklassensystems: Auch Lehrpersonen der Risikogruppe fühlen sich dadurch sicherer, einige von ihnen kommen nur dank Halbklassen trotzdem in den Präsenzunterricht.

Es soll Eltern geben, die ihre Kinder trotz Öffnung nicht zur Schule schicken. Wie sind Ihre Erfahrungen damit?
Unterschiedlich. Schon vor der Schulschliessung schrieben mir manche Eltern, sie wollten ihr Kind nicht mehr schicken. Bei der Öffnung gab es das weniger. Der Halbklassenunterricht hat bei uns Vertrauen geschaffen.

«Direkt zu büssen, wenn ein Kind nicht auftaucht, ist nicht der richtige Weg. Es gilt, eine gemeinsame Lösung zu finden»

Chantal Galladé

Normalerweise werden Eltern gebüsst, wenn sie ihre Kinder nicht zur Schule schicken.
Kinder mit Vorerkrankungen dürfen zu Hause bleiben. Sie lernen weiterhin daheim. Darin haben wir ja jetzt Übung. Wenn sich Eltern sonst weigern, suchen wir das Gespräch, das ist eine hochemotionale Sache. Wir dürfen nicht vergessen: Die Schulpflicht ist das Recht des Kindes auf Bildung. Direkt zu büssen, wenn ein Kind nicht auftaucht, ist nicht der richtige Weg. Es gilt, eine gemeinsame Lösung zu finden.

Die Schulöffnung erfolgt ganz nach Kantönligeist. Die Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) hat die Gelegenheit verpasst, überall im Land gleiche Voraussetzungen zu schaffen. Hat sie versagt?
Bildung ist in der Hoheit der Kantone. Der Föderalismus lässt Individuallösungen zu, das finde ich für die Volksschule ein gutes System. Seit ich Schulpräsidentin bin, sogar umso mehr.

Ein Flickenteppich zeigt sich auch an Gymis. Der Kanton Zürich führt dieses Jahr keine Matura-Prüfungen durch. Finden Sie das fair?
Ja, ich finde das fair. Die Jugendlichen durchleben eine ausserordentliche Situation. Manche Familien haben Angst um ihre Existenz. Die Jugendlichen leben in unterschiedlichen Wohnsituationen, haben unterschiedliche Mittel, um zu lernen. Da wären Matura-Prüfungen unfair gewesen. Die Erfahrungsnoten müssen dieses Jahr halt reichen. Aussergewöhnliche Situationen verlangen aussergewöhnliche Massnahmen.

Daniel Koch vom Bundesamt für Gesundheit verkündete, Kinder seien «keine Treiber der Pandemie». Was dachten Sie, als Sie das hörten?
Ich orientiere mich an wissenschaftlichen Berichten. Mein Stand ist: Es gibt dazu unterschiedliche Studien und Einschätzungen. Ich war ehrlich gesagt verwirrt. Man hätte sagen müssen, man wisse es nicht. Die Deutlichkeit hat mich irritiert

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An den Bildern in Galladés Büro haben beide Töchter gemeinsam gearbeitet. Die Mama ist sehr stolz.

Pascal Mora

Erachten Sie die Schulschliessungen heute überhaupt noch als gerechtfertigt?
Ich trat dezidiert für Schulschliessungen ein. Es ist doch besser, im Nachhinein zu sagen, man hätte zu viel gemacht als zu wenig. Wären die Intensivstationen überfüllt gewesen, hätte man über zu spätes Handeln geklagt. Man realisiert erst im Nachhinein, ob eine Massnahme angemessen war. Und wir wissen ja nicht, wie viele Verstorbene die Lockdown-Massnahmen verhindert haben und in welchem Ausmass sie die Ausbreitung des Coronavirus eindämmten.

Sie sind also zufrieden mit dem Bundesrat?
Ich habe höchsten Respekt vor Menschen, die so schwerwiegende Entscheide fällen müssen. Natürlich leidet die Wirtschaft unter dem Lockdown. Aber die Verantwortlichen müssen mit dem Wissen Entscheide treffen, das ihnen zur Verfügung steht. Ich finde, das lief nicht schlecht.

Wir werden die Krise nie vergessen. Was bedeutet das für den Lebenslauf eines Schülers?
Es ist noch zu früh, um das zu sagen. Aber ich beobachte, dass Kinder und Jugendliche in dieser schweren Zeit Kompetenzen entwickelt haben. Manche wurden total kreativ, wollen Unternehmen gründen, lancieren Podcasts, schreiben Kochbücher, knüpfen Hängematten. Es gibt auch Kinder, die realisieren, wie gerne sie zur Schule gehen und wie wichtig ihnen die Gspänli sind.

Werden die «Corona-Jahrgänger» nicht ihr Leben lang einen Tolggen im Heft haben?
Das glaube ich nicht. Wir durchleben ja alle die gleiche Krise. Es handelt sich hier nicht um individuelle Schicksale. Das Verständnis ist deshalb sehr gross. Ich halte nichts von Pessimisten, die von drohenden Bildungslücken sprechen.

Sie waren früher Berufsschullehrerin, gilt Ihre Meinung auch für solche, die kurz vor der Lehrabschlussprüfung (LAP) stehen?
Die Berufslehre besteht nicht nur aus der LAP, man lernt über mehrere Jahre seinen Beruf, besucht die Schule und absolviert Prüfungen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es einen verpönten «Corona-Jahrgang» geben wird. Wären diese Schülerinnen und Schüler nicht gut genug für ihren Beruf, wären sie gar nie bis kurz vor die LAP gekommen.

das sagt.

Natalie Rickli, 43, Regierungsrätin SVP/ZH: «Als langjährige Bildungspolitikerin ist Chantal prädestiniert, in der Pandemie die richtigen Entscheide für ihre Schulen zu fällen. Persönlich hoffe ich, dass ich meine Freundin bald wieder einmal treffe, zum Beispiel wie früher zum gemeinsamen Yoga.»

Von Onur Ogul am 15.05.2020
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