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Wenn ein Kind stirbt

Mutter erzählt: «Viele Eltern plagen Schuldgefühle»

Jedes Jahr verlieren in der Schweiz rund 1200 Familien ein Kind. Petra Zürcher, Vorstandsmitglied im Verein Regenbogen Schweiz, ist eine betroffene Mutter. Im Gespräch redet sie darüber, was dieser Verlust auslöst und wie man am besten auf trauernde Eltern zugeht.

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Petra Zürcher: «Für die Gesellschaft ist die Trauer nach etwa einem Jahr abgeschlossen. Für Eltern nie.»

plainpicture/Millennium/Slaven Gabric
Maria Ryser
Maria Ryser

Journalistin und Mutter einer erwachsenen Tochter und zweier Söhne.

Frau Zürcher, ein Kind stirbt. Für Aussenstehende ist unvorstellbar, was das mit den Eltern macht.
Der Verlust eines Kindes ist immer ein traumatisches Ereignis. Egal, wie es passiert ist. Ob durch Unfall, Krankheit oder Suizid. Man steht lange Zeit unter Schock und ist emotional komplett gefroren. Man empfindet keine Freude mehr, nichts. Wenn es ein Gefühl gibt, dann ist es Ohnmacht: Wann wache ich wieder aus diesem Alptraum auf?

Der Verein Regenbogen Schweiz unterstützt betroffene Eltern. In welcher Form konkret?
Wir bieten zum Beispiel telefonischen Erstkontakt und die Trauerbegleitung in verschiedenen Selbsthilfegruppen an.

Insgesamt unterscheiden sich die Gruppen in vier verschiedene Themen. Wozu diese Unterteilung?
Es geht um die gemeinsame Gesprächsgrundlage: Ob die Polizei plötzlich vor der Türe steht und man sein Kind durch Suizid oder ob man es nach der Geburt verloren hat, ist nicht dasselbe. Und die Gruppe «Life with» richtet sich an Geschwister.

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«Es gibt Betroffene, die sofort offen über den Verlust ihres Kindes reden möchten und können. Andere ziehen sich vollständig hinter eine dicke Mauer zurück.»

Der Schmerz ist überall gleich gross.
Ja und deshalb ist uns sehr wichtig, dass innerhalb der Gruppen und auch sonst nicht gewertet wird. Sätze wie «Ihr hattet euer Kind wenigstens ein paar Jahre, wir haben unseres schon bei der Geburt verloren» führen ins Leere.

Wie reagieren Eltern in der ersten Zeit nach dem Verlust ihres Kindes?
Die Reaktionen sind sehr unterschiedlich. So wie auch die Trauerarbeit sehr individuell verläuft. Es gibt Menschen, die sofort offen darüber reden möchten und können. Andere ziehen sich vollständig hinter eine dicke Mauer zurück. Die einen stürzen sich in Arbeit, die wenigstens ein bisschen Normalität sichert, andere können jahrelang nicht mehr arbeiten.

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Kleine Gesten, etwa Blumen auf dem Grab, oder eine Kerze oder ein Stein, sind besonders schön. Auch Jahre später noch.

plainpicture/Martin Langer

«Lange Zeit sucht man verzweifelt nach jedem noch so winzigen Puzzlestück, das eine Antwort geben könnte. Warum musste mein Kind sterben? Doch es gibt darauf kaum Antwort.»

Was ist allen gemein?
Die meisten Eltern plagen Schuldgefühle. Wäre es nicht passiert, wenn. Hätte ich doch noch. Lange Zeit sucht man verzweifelt nach jedem noch so winzigen Puzzlestück, das eine Antwort geben könnte. Warum musste mein Kind sterben? Doch es gibt darauf kaum Antwort.

Gibt es weitere Reaktionen, die alle Betroffenen kennen?
Das Urvertrauen ins Leben wird durch den Verlust des Kindes komplett zerstört. Es wäre den meisten Eltern egal, wenn sie in dem Moment auch sterben müssten. Viele sagen sich auch: «Mich kann nichts mehr umhauen. Das Schlimmste ist mir schon passiert.»

Ist die Trauer irgendwann abgeschlossen?
Für die Gesellschaft ist sie es nach etwa einem Jahr. Für Eltern nie. Man hat zwar die verschiedenen Trauerphasen durchlaufen, von der Ohnmacht über erlösende oder auch erdrückende Tränen bis hin zur Wut und wieder zurück. Man lernt mit der Zeit, damit zu leben. Die Trauer bricht aber immer wieder aus. Vor allem an Triggertagen wie Geburtstag, Todestag und Weihnachten

«Trauernde verhalten sich oft irrational. Es hilft, das einfach zu akzeptieren.»

Wie gehen Aussenstehende am besten auf eine trauernde Familie zu?
Trauernde verhalten sich oft irrational. Es hilft, das einfach zu akzeptieren. Ihnen Zeit lassen und mit offenem Ohr zuzuhören.

Was sollte man unbedingt vermeiden?
Auf keinen Fall den Tod des Kindes tabuisieren. In den geteilten Erinnerungen und in unseren Herzen leben die Kinder weiter. Ratschläge, auch gut gemeinte, können sehr schmerzhaft sein.

Haben Sie ein Beispiel dafür?
Einer Frau, die ihr Kind durch Fehlgeburt verloren hat, zu sagen: «Du bist ja noch jung und kannst sicher noch viele Kinder bekommen.» Das ist einfach nicht einfühlsam. Ein weiterer Satz, der gerade Frischbetroffenen weh tut, ist: Zeit heilt alle Wunden.

Was hilft trauernden Eltern am meisten?
Immer wieder Verständnis zeigen. Manchmal ist eine Umarmung besser als viele Worte. Kleine Gesten, etwa Blumen auf dem Grab, oder eine Kerze oder ein Stein, sind besonders schön. Auch Jahre später noch.

Verein Regenbogen Schweiz

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Petra Zürcher, 59, ist seit zehn Jahren Vorstandsmitglied im Verein Regenbogen Schweiz.

ZVG

Der Verein Regenbogen Schweiz unterstützt Eltern, die um ein Kind trauern. In verschiedenen Selbsthilfegruppen fördert er die Freundschaft und Solidarität unter den Betroffen. Weitere Infos findet ihr hier.

Von Maria Ryser am 06.09.2019
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