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Interview mit Professorin Margrit Stamm

«Neue Väter brauchen neue Mütter»

Was braucht es, damit Väter eine gute Beziehung zu ­ihren Kindern aufbauen können? Neue Mütter, sagt Margrit Stamm. Im Gespräch erklärt die renommierte Erziehungswissenschaftlerin, was das konkret heisst und wie es sich umsetzen lässt.

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Spielerisch die Kräfte messen: «Väter sind anders als Mütter und das ist gut so», sagt Margrit Stamm (Symbolbild).

Getty Images
Maria Ryser
Maria Ryser

Journalistin und Mutter einer erwachsenen Tochter und zweier Söhne.

Wann sind Männer gute Väter? Für die einen sind sie es, wenn sie schon regelmässig Windeln wechseln oder sich am Mittwochnachmittag frei nehmen. Für andere nur dann, wenn sie gleichberechtigt mit der Partnerin leben. Sich also der Vater wie auch die Mutter um Einkommen, Kinder und den gemeinsamen Haushalt kümmern.

«Das muss jedes Paar letzten Endes selbst definieren», sagt die Erziehungswissenschaftlerin, Margrit Stamm, 69. Wie ihre Studien zeigen, betrachten aber viele Mütter das Familienmanagement als ihre Domäne. Wir haben mit der «Neue Väter brauchen neue Mütter»-Autorin darüber geredet und gefragt, wie sich das ändern liesse.

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Frau Stamm, was braucht es, damit Väter eine gute Beziehung zu ­ihren Kindern aufbauen können?
Wir wissen aus der Forschung, dass Mütter die Schlüsselfaktoren sind für eine gute Vater-Kind-Beziehung. Hat sie Vertrauen in ihn? Schenkt sie ihm Autonomie, so dass er eine Beziehung zu den Kindern aufbauen kann, die ihm entspricht? 

«Es gibt Mütter, die regelmässig zu Hause anrufen, um nachzufragen, ob der Vater alles richtig macht.»

Ist das nicht selbstverständlich?
Frauen bestimmen oftmals über die Standards, also wie etwas nach ihrer Ansicht gemacht werden muss. Es gibt Mütter, die regelmässig zu Hause anrufen, um nachzufragen, ob der Vater alles richtig macht. Kontrollsätze wie: «Hast du daran gedacht, dass...», «Warst du schon bei...»

Einige Väter vergessen tatsächlich vieles ...
Das sehe ich anderes und mag auf ein traditionelles Rollenbild zutreffen, wenn der Vater an Haushalt und Erziehung der Kinder wenig bis gar nicht interessiert ist. Doch wir reden hier von den neuen Vätern: Wie soll ein solcher Vater aktiv werden, wenn ihm die Partnerin kein eigenständiges Handeln zugesteht? Mütter müssen lernen, sich zurückzunehmen.

Warum fällt das vielen so schwer?
Es liegt auch an unserem Gesellschaftsbild, das den Müttern die Hauptverantwortung für die Familie und Fürsorge übergibt. Das lag lange Jahrzehnte in Frauenhand. In den Interviews unserer Studien sagten nicht wenige Frauen: «Mein Mann ist so schwer von Begriff und hört nicht zu, dann mache ich es lieber selbst.»

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«Das weibliche Element gilt als das Feinfühlige, Emotionale. Es ist eine grosse Bereicherung, wenn das Kind auch die männlichen Elemente erlebt», sagt Margrit Stamm.

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Haben Mütter zu wenig Geduld?
Darum geht es nicht. Es braucht gemeinsame Abmachungen. Und dann sollen die Frauen ihre Männer machen lassen. Auch wenn der Vater zu Beginn dem Baby die Windel auf dem Kopf anzieht. Lasst ihn machen!

«Es wäre fatal, wenn sich die Väter in emotionaler Hinsicht den Müttern anpassen würden. Eine solche Symbiose würde ein Kind ersticken.»

Warum ist es ein Segen für das Kind, wenn Papa anders ist als Mama?
Das alte Mutterbild verlangt eine intensive emotionale Beziehung zum Kind. Es wäre fatal, wenn sich die Väter in dieser Hinsicht den Müttern anpassen würden. Eine solche Symbiose würde ein Kind ersticken.

Was machen Väter anders?
Sie spielen anders mit dem Kind. Väter packen die Kinder robuster an, machen mit ihnen Mutproben, gestalten Spiele als Wettkampf. Im Idealfall fördern Väter das, was eine schöne Ergänzung ist zum Engagement der Mütter. Das weibliche Element gilt als das Feinfühlige, Emotionale. Es ist eine grosse Bereicherung, wenn das Kind auch die männlichen Elemente erlebt.

Es gibt Väter, die mütterlicher sind und umgekehrt.
Absolut und das ist auch gut so!! Meine Botschaft ist: Eltern sollten dem weiblichen und männlichen Teil genug Raum geben und sich nicht, wie es heute oft der Fall ist, beide dem Weiblichen angleichen. Das Kind braucht beide Polaritäten.

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Margrit Stamm, 69, ist Professorin em. für Pädagogische Psychologie und Erziehungswissenschaften an der Universität Fribourg. Seit ein paar Jahren führt sie das Forschungsinstitut Swiss Education, in Aarau das von ihr gegründet worden ist. Weitere Infos findet ihr hier.

Raffael Waldner
Von Maria Ryser am 03.11.2019
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