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  4. «Achtung Väter» auf SRF: Der Sohn von Remo Stalder lebte in einer Pflegefamilie

SRF-Serie «Achtung Väter!»

«Per Post erfuhr ich, dass ich Vater bin»

Remo Stalder erfuhr erst, dass er Papa ist, als sein Sohn schon acht Monate alt war. Bevor er ihn zu sich nahm, lebte das Baby in einer Pflegefamilie – wie schätzungsweise 17'000 andere Kinder in der Schweiz. In der SRF-Serie «Achtung Väter!» wurde gestern das Porträt des Vater-Sohn-Duos ausgestrahlt.

Remo Stalder von der SRF-Serie Achtung Väter

Plötzlich Papa: Remo Stalder erfuhr erst, dass er Vater ist, als sein Sohn schon acht Monate alt war.

SRF

In der vierten und letzten Folge der SRF-Serie «Achtung Väter!» diskutierten die vier teilnehmenden Männer gestern Abend über das Lebensmodell von Remo Stalder, 29. Er ist alleinerziehender Vater des vierjährigen Leonidas, ernährt sich und seinen Sohn vegan und ohne Industriezucker, ist strikter Impfgegner – und erzählte im Porträt von seiner speziellen Geschichte als Papa: Er erfuhr erst, dass er Vater ist, als sein Sohn bereits acht Monate alt war.

Plötzlich Papa – und das schon seit acht Monaten

Remo Stalder bekam damals einen Brief, dass er als Vater eines mittlerweile achtmonatigen Buben in Frage käme. «Mit der Mutter hatte ich eine viermonatige Beziehung, die ging dann auseinander, sie zog weg, und wir haben uns nie mehr gesehen», erzählt Remo Stalder im Interview mit Schweizer Illustrierte online. Den Brief von der Beiständin des Babys erhielt er schliesslich, weil die Mutter es zur Adoption freigeben wollte. Und dafür ist das Einverständnis beider Elternteile nötig. Bis dahin hatte das Baby seit seinem dritten Lebenstag bei einer Pflegefamilie gelebt. 

Achilles Schnider und Dario De Salvatore und David Van Aepelen und Remo Stalder in der SRF-Serie Achtung Väter

Remo Stalder (rechts) mit den anderen drei Porträtierten der SRF-Serie «Achtung Väter»: Von links Achilles Schnider, Dario De Salvatore und David Van Aepelen.

SRF

Rund 17'000 Kinder sind in der Schweiz ausserfamiliär platziert

Wie viele Kinder in der Schweiz ausserfamiliär platziert sind, ist nicht genau bekannt. «Es gibt keine Statistik dazu», sagt Karin Meierhofer, Geschäftsleiterin von der Organisation Pflege- und Adoptivkinder Schweiz PACH, «aber unsere Hochrechnung aufgrund von unseren Bestandesaufnahmen ergab, dass wohl rund 17'000 Kinder – die Zahl ist mit Vorsicht zu geniessen – ausserhalb ihrer leiblichen Familie zum Beispiel in einem Heim oder in einer Pflegefamilie wohnen und betreut werden.» Dies geschieht, wenn das Kindeswohl gefährdet ist und die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (KESB) eine Umplatzierung anordnet, oder wenn Eltern sich freiwillig melden, weil sie sich zeitlich oder psychisch nicht mehr imstande fühlen, sich gut um ihre Kinder zu kümmern.

Je nachdem, wie es um die leiblichen Eltern steht, kommen die Pflegekinder irgendwann vielleicht wieder zurück zu ihnen. Oder sie bleiben in der Pflegefamilie, bis sie erwachsen sind. Oder sie werden nach einiger Zeit in einer Übergangs-Pflegefamilie in die passende Adoptionsfamilie vermittelt. «Eine Pflegefamilie hilft den Kindern in den ersten Lebensmonaten, stabile Bindungen aufzubauen. Die Pflegefamilien sind für diese Kinder da – auch wenn deren Zukunft noch unklar ist: Vielleicht möchten die leibliche Mutter oder der leibliche Vater das Kind behalten, oder sie geben das Kind definitiv zur Adoption frei», sagt Karin Meierhofer.

«Die ersten Treffen mit meinem Sohn waren etwas seltsam für mich, mir fehlte die Bindung, die Eltern normalerweise von Geburt an aufbauen können»

Remo Stalder

Schulden, Ausbildung – und Vaterpflichten

Für Remo Stalders Ex-Partnerin war der Fall klar: Sie wollte ihr Baby zur Adoption frei geben. Und er, der nach dem entsprechenden Test offiziell als Vater anerkannt war, stand vor der Wahl: Der Adoption zustimmen oder das Sorgerecht für seinen Sohn beantragen und ihn zu sich nehmen. «Meine Situation war kompliziert: Ich hatte gerade meine Firma mit Verlust geschlossen und stand zwei Wochen vor dem Start zur Offiziersschule und anschliessendem Auslandeinsatz im Kosovo, um meine Schulden zu tilgen.» Trotzdem entschied er sich für seinen Sohn. Dies, obwohl auch eine Adoptionsfamilie infrage gekommen wäre, bei der er trotzdem Kontakt zu ihm hätte pflegen können. Schon beim ersten Telefongespräch mit der Beiständin seines Sohnes habe er gesagt: «Ich fände es komisch, wenn er irgendwo anders aufwachsen würde.» Und er fügt lachend an: «Ich lebe vegan, bin gegen jeglichen Medienkonsum und gegen Impfen – und hätte zuschauen müssen, wie all das an meinem Kind gemacht wird. Das hätte wohl grosse Probleme gegeben…»

Nach einem längeren Prozess mit diversen Ämtern und Behörden durfte Remo Stalder in einer Übergangsphase seinen Sohn bei der Pflegefamilie immer öfter besuchen und Zeit mit ihm verbringen. «Am Anfang war es noch seltsam für mich, ich hatte bisher keinen Zugang zu Babys, und mir fehlte die Bindung, die Eltern normalerweise von Geburt an aufbauen können», sagt Remo Stalder. Im Mai 2016 erhielt er schliesslich das Obhutsrecht. «Den ersten Geburtstag feierten wir bei mir zu Hause. Ich war froh, endlich unbeobachtet mit ihm zusammen sein zu können.» Im Herbst darauf erhielt er das Sorgerecht. Und wurde dann noch eineinhalb Jahre lang durch die Mütter- und  Väterberatung begleitet.

«Es ist lustig zu erleben, wie mein Sohn die Sachen anschaut. Und damit aufzeigt, wie sehr wir in Denkmustern gefangen sind»

Eingespielter Papa-Sohn-Alltag

Heute haben die beiden einen eingespielten Familienalltag, in dem es auch mal drunter und drüber geht, wie bei allen berufstätigen Eltern: Der gelernte Multimediaelektroniker arbeitet zurzeit in einer Temporäranstellung an vier Tagen auf dem Bau, macht nebenher die Zweitwegmatura. Sein Sohn geht in den Kindergarten und am Nachmittag in die Kita, und wenn Papa mal länger Schule hat, holt ihn die Grossmutter ab. Oder im Notfall, wenn das Grosi, zum Beispiel wie jetzt gerade wegen eines gebrochenen Fusses, im Spital ist, sein Götti oder eine Freundin der Grossmutter.

«Ich finde es easy als Papa», sagt Remo Stalder. «Leonidas hat ein gutes Selbstbewusstsein, es geht ihm gut in Kita und Kindergarten, er ist experimentierfreudig und geht gern auf fremde Leute zu», erzählt er. «Es ist spannend, wie aufnahmefähig er schon ist. Und lustig zu erleben, wie er die Sachen anschaut. Und damit aufzeigt, wie sehr wir in Denkmustern gefangen sind, wie man sonst auch noch denken könnte.»

Wenn es euch interessiert, was es braucht, um Pflegeeltern werden zu können, erfahrt ihr hier mehr. Alles zu Adoptionen in der Schweiz lest ihr nächste Woche in einem Artikel bei uns.

Von Christa Hürlimann am 18.10.2019