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Einheitlich glücklich?

Schuluniformen hätten ein paar Vorteile

In England sind sie meistens Pflicht, in der Schweiz kennt man sie nicht. Wer über Schuluniformen nachdenkt, fühlt sich ein paar hundert Jahre in die Vergangenheit versetzt. Praktisch wären sie aber dennoch.

LONDON, UNITED KINGDOM - SEPTEMBER 5: Princess Charlotte arrives for her first day of school, with her brother Prince George and her parents the Duke and Duchess of Cambridge, at Thomas's Battersea in London on September 5, 2019 in London, England. (Photo by Aaron Chown - WPA Pool/Getty Images)

Prinzessin Charlotte und Prinz George auf dem Weg zur Schule. In England ist die Standardbekleidung ziemlich üblich. 

Getty Images

Wir leben in einer Zeit, in der Selbstliebe (aktuell: «Selflove») das höchste aller Güter ist. Selbstliebe hat viel mit gesundem Individualismus und wichtigem Selbstvertrauen zu tun. Wir horchen in uns hinein und versuchen, unser Inneres nach Aussen zu kehren und auf eine Art zu leben, die uns gut tut. Übrigens auch keine ganz neue Lebenseinstellung. So hatten die Stürmer und Dränger im 18. Jahrhundert ganz ähnliche Gedanken. Glücklicherweise kippts bei uns noch nicht so sehr wie bei unseren Vorfahren – die literarischen Helden dieser Epoche hatten ihre Rückkehr ins Innere selten unbeschadet überstanden. Zurück also in die Gegenwart. 

Kleider sind Privatsache, da quatscht keiner rein

In einer Konsumgesellschaft haben wir wahnsinnig viele Möglichkeiten, unsere Selbstliebe nach Aussen zu tragen. Sie bestimmt die Art, wie wir leben – und Entscheidungen treffen. Dazu gehört auch die Klamottenwahl. Da sind wir frei, wie wir uns modisch ausdrücken wollen. Unsere Kleider machen eine Aussage über uns selbst (Gottfried Keller hat 1874 sogar ein Buch zu dem Thema verfasst). 
 
Schuluniformen nehmen unseren Kindern bis zu einem gewissen Grad diese Ausdrucksmöglichkeit weg. Dafür – so argumentieren Freunde der Schuluniform – wären dann alle gleich, zumindest optisch. Statussymbol Klamotten? An der Wurzel ausgerissen (wobei das ehrlich gesagt ziemlicher Blödsinn ist. Auch Turnschuhe oder andere Accessoires sind soziale Codes und können darüber hinaus auch eine Aussage über den finanziellen Zustand des elterlichen Kontos machen). Gegner argumentieren auch gerne, dass die Kleidung der Kinder in den Ermessensbereich der Familie gehört – und dass da, Bitteschön keiner rein quatschen soll. Ein guter Punkt. Und so dreht sich das Rad weiter. Mit einer gewissen Überzeugung lässt sich sagen: In der Schweiz wird es vermutlich nie Schuluniformen geben. 

Dabei gibt es ein gutes Argument dafür: Der tägliche Krieg am frühen Morgen. Es ist nicht immer leicht, die Kinder schulfertig zu kriegen. Das Anziehen jeder Unterhose, jede Socke wird zum Kraftakt. Dies vor dem Hintergrund eines Zeitfensters, das normalerweise kaum für eine Tasse Kaffee reicht. Thanks. But no thanks. Das passiert selbst den besten unter uns, denen nämlich, die abends vor dem ins Bett gehen noch fein säuberlich Kleiderhäufchen für den nächsten Tag vorsortieren. Selbst Vierjährige beziehen den Grundsatzrat «schlaf doch noch eine Nacht drüber» in ihren modischen Entscheidungsfindungsprozess mit ein. War die pinke Glitzersocke am frühen Abend noch das Nonplusultra eines bestimmten Lieblingsoutfits, ist sie am frühen Morgen nur noch blöd. Und das Spiel geht von vorne los. Das ist wahnsinnig anstrengend und super nervig.

Erfolgreiche Manager und ihre Kleiderphilosophie

Vor rund zwei oder drei Jahren wurde die These kolportiert, dass erfolgreiche Menschen eines gemeinsam haben: Sie gehen in einer Art Uniform arbeiten. So zieht sich Mark Zuckerberg meist ein blaues oder graues T-Shirt zu Jeans über und Steve Jobs hatte zeitlebens auch einen ganz klaren Signature-Style. Die These im Hintergrund: Erfolgreiche Menschen verlieren dank ihrer Uniform keine Zeit fürs Wesentliche.

Nun, so plakativ würden wir das jetzt nicht formulieren. Individualismus ist nicht nur schlecht, Freude an Mode und ihren Möglichkeiten auch nicht. Doch dann und wann, so ganz still und leise, wünschen wir uns am frühen Morgen, wenn die pinke Glitzersocke voller Wut unters Sofa geschleudert wird, eine Schuluniform. Die wird einfach übergezogen. Fertig. Und wir könnten gemeinsam und gemütlich beim Frühstück über den Weltfrieden nachdenken.  

Von Bettina Bendiner am 31.10.2019