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  4. Zweites Baby: Wie bereite ich mein Kind auf das Geschwisterchen vor?

Juhu! Das zweite Kind ist unterwegs

So freut sich euer Kind aufs Geschwisterchen

Wie schafft man es, dass sich auch die grosse Schwester oder der grosse Bruder aufs Baby freuen? Eltern sollen gut auf ihr Erstgeborenes hören, empfiehlt die Expertin. Und die erste Zeit nach der Geburt möglichst ruhig angehen.

Preschool-aged toddler girl hugs her newborn baby brother on top of a blue blanket and under a white blanket.  She is smiling with her eyes closed while the baby sleeps contentedly.
Damit ein Kind sich über sein kleines Geschwisterchen freuen kann, muss es gut vorbereitet sein. Copyright Cuddlebug Captures

Beate Westdickenberg, es gibt kaum Kursangebote für Eltern, die ihr zweites Kind bekommen. Mit ihrem «Geschwister-Vortrag» bieten sie eines davon.
Ich bin selber erstaunt, wie wenig Informationen man zu diesem wichtigen Thema findet. Viele Eltern unterschätzen, was das neue Baby für ihr erstes Kind heisst. Mich hat es vor über 20 Jahren überrascht, wie sehr es meinen Sohn beschäftigte, als meine Tochter auf die Welt kam. Seither betreibe ich Feldforschung zum Thema. Über meine Kurse in Schwangerschaftsyoga erlebe ich viele Eltern in dieser Situation und konnte so in Interviews unglaublich viele Informationen dazu sammeln. Klar ist: Fast jedes Kind kommt nach der Geburt des zweiten Babys zeitweise in eine Krise. Es hat eine intensive Beziehung zu seinen Eltern, steht im Mittelpunkt der Familie, und muss plötzlich Zeit und Aufmerksamkeit mit dem Baby teilen. Das kann sich kein Kind im Vorfeld vorstellen, egal wie alt es ist.

Wann beginnen Eltern mit dieser Vorbereitung idealerweise?
Ich bin überzeugt, ein Kind spürt sofort, dass ein Baby unterwegs und eine grosse Veränderung im Gang ist. Transparenz finde ich etwas vom Allerwichtigsten. Es tut den Kindern gut, wenn sie von Anfang an altersgemäss mit einbezogen werden, und sich nicht ausgeschlossen fühlen.

Wie kann man die grosse Veränderung seinem Kind möglichst einfach machen?
Man muss sich bewusst sein: Es gibt keine Pauschallösung, kein Patentrezept. Es kommt auf Alter, Geschlecht und Temperament des Kindes an. Eltern sollen genau hinschauen: Wie verhält sich mein Kind? In der Regel gilt: Je älter die Geschwister sind, desto einfacher kann man die Situation mit ihnen besprechen. 

Viele Eltern bekommen ihr zweites Kind, wenn ihr erstgeborenes etwa zwei Jahre alt ist. 
Eigentlich ein ungünstiger Moment, weil in diesem Alter die Trotzphase stattfindet und das Kind auf die eigene Entwicklung konzentriert ist. Zweijährige kann man zum Beispiel mit Bilderbüchern vorbereiten (siehe Infozeile). Eltern haben die Tendenz, ihr Kind nun in die Rolle des «grossen Bruders» oder der «grossen Schwester» zu pushen. Manche Kinder finden das toll, andere spielen lieber nochmals die Babyrolle, und wieder andere pendeln zwischen gross und klein. Kinder verarbeiten beim Spielen, was sie beschäftigt. Zudem sollte man in der Zeit, bevor das Baby kommt, grössere Veränderungen für das erste Kind vermeiden, es nicht grad in ein grosses Bett zügeln oder seinen Nuggi der Nuggifee schenken.

Soll man das Kind in die Vorbereitungen fürs Baby miteinbeziehen?
Auch hier gilt: Genau hinschauen, was das erstgeborene Kind braucht. Es soll sich nicht alles nur noch um das Baby drehen. Aber wenn das Kind interessiert ist, soll es unbedingt auch mal zum Ultraschall mitkommen dürfen oder bei der Umrüstung des Schlafzimmers mithelfen. Etwas ältere Kinder üben das Wickeln und Schöppeln gern an ihrem Kuscheltier. Solche Rollenspiele sind eine wunderbare Form der Vorbereitung.

Wie können Familien die Schlafsituation gestalten, sodass sich niemand ausgeschlossen fühlt, aber dennoch alle gut schlafen können?
Für die meisten Eltern ist klar: Das Baby soll anfangs bei ihnen schlafen, und später wie das ältere Geschwister in sein eigenes Zimmer ziehen. Das klappt aber meistens nicht problemlos. Schläft das grössere Kind noch bei den Eltern, müsste man es möglichst früh in der Schwangerschaft in sein eigenes Bett oder Zimmer zügeln, damit es sich daran gewöhnen kann, bevor das Baby kommt. Manche Eltern teilen sich auf: Der Vater schläft in einem Bett mit dem grösseren Kind, die Mutter mit dem Baby in einem anderen. Danach dauert es dann aber oft ein Jahr oder länger, die Kinder wieder umzugewöhnen. Ideal scheint mir, für das Erstgeborene eine Matratze neben das Elternbett zu legen, damit es jederzeit zu ihnen kommen kann. Wichtig ist auch hier, immer zu beobachten: Was ist für uns alle gut?

Was gilt es in den letzten Tagen vor der Geburt zu beachten?
Wichtig ist, die Betreuung für das erste Kind frühzeitig zu organisieren. Am einfachsten ist es natürlich, wenn die Grosseltern da sind. Wichtig ist, dass es Bezugspersonen sind, bei denen das Kind schon mal geschlafen hat, oder die umgekehrt schon beim Kind geschlafen haben. Das können auch Nachbarn oder Freunde sein. Der Abschied, wenn die Mama gebären geht, ist ein sehr spezieller, emotionaler Moment. Die Situation wird sich nun grundsätzlich verändern. Wenn die Mutter ihr erstes Kind gut aufgehoben weiss, kann sie viel leichter gehen. Haben die Betreuungspersonen eine längere Anreise oder geht die Geburt plötzlich zügig voran, könnte man das erste Kind auch zum Geburtsort mitnehmen und dort den Betreuungspersonen übergeben. Oder die Frau bestellt ein Taxi und geht schon mal vor, während der Papa noch zu Hause wartet, bis die Grosseltern da sind.

Die Expertin

Beate Westdickenberg ist Physiotherapeutin, Yogalehrerin und Babytragetuch-Kursleiterin. Sie bietet in Zürich unter anderem Seminare für Eltern, die ihr zweites Kind erwarten. Zum Thema Geschwister in der Zeit von Schwangerschaft, Geburt bis ein halbes Jahr danach plant sie ein Buch. www.wachsenundwerden.ch

Beate Westdickenberg Yoga
Beate Westdickenberg ZVG

Ein grosser Moment ist dann der erste Besuch im Spital.
Auch hier reagiert jedes Kind auf seine eigene Weise. Manche rufen schon im Flur vor dem Zimmer: «Baby, Baby, Baby!». Andere kommen herein und ignorieren das Baby völlig, finden den Kran vor dem Fenster viel interessanter. Wichtig: Das erstgeborene Kind soll im Mittelpunkt stehen und entsprechend empfangen werden. Die Mama ist auf und bereit, ihr Kind zu empfangen, falls sie nach einem Kaiserschnitt noch an Schläuche angeschlossen ist, lieber noch einen Tag länger warten mit dem Besuch. Das Baby darf nicht auf ihrem Arm und erst recht nicht an ihrer Brust sein, sondern soll im Bettchen liegen. Wenn das grössere Kind angekommen ist und sich wohl fühlt, darf es selbst entscheiden, ob es das Baby gern nur anschauen oder in die Arme nehmen möchte. Ich empfehle, dass dieses erste Zusammentreffen möglichst in Ruhe stattfindet, ohne andere Familienmitglieder wie Grosseltern, Tanten oder Onkel.

Was raten sie Eltern für die erste Zeit gemeinsam mit ihren beiden Kindern zu Hause?
Am besten ist es, wenn der Papa möglichst lange mit der Familie daheim bleibt, das entlastet alle enorm. Vaterschaftsurlaub für alle wäre so wichtig! Doch der Moment kommt, wenn Papa nicht da ist und Mama das Baby stillen muss. Gerade das Stillen kann beim älteren Kind eine Krise auslösen. Wichtig ist, dass es in diesen Momenten viel Liebe, Zuwendung und Bestätigung erhält. Man kann ihm zum Beispiel Fotos von früher zeigen: «Auch du hast so Nahrung bekommen.» Manche Eltern bereiten eine Box vor mit Spiel- und Bastelsachen oder Märlikassetten, die extra für die Zeit des Stillens bestimmt ist. 

Was muss man in der neuen Familienkonstellation sonst noch beachten?
Wichtig ist, die gewohnten Strukturen möglichst weiterzuführen, etwa beim Zubettgehen. Ein Elternteil kümmert sich ums Baby, der andere bringt das ältere Kind wie üblich zu Bett. Auch ab und zu einen Babysitter fürs Kleine organisieren tut gut, damit man sich ganz dem älteren Kind widmen kann. Dieses braucht jetzt viel Liebe, Zuwendung, Verständnis. Es muss so viel Neues lernen! Viele Kinder gehen mit ihrem neuen Geschwister ja ganz entzückend um und sind stolz. Den Frust lassen sie eher an andern ab, meistens an der Mutter. Wichtig ist, ihnen Zeit zu geben. Die meisten Familien brauchen ein halbes bis drei viertel Jahr, bis alle wieder ihren Platz gefunden haben. Es lohnt sich, in dieser Zeit das Programm zu reduzieren, damit man sich auf die wesentlichen Dinge konzentrieren und sich in der neuen Konstellation etablieren kann.

Ein Tipp zum Schluss?
Ein Tragetuch! Mit dem Tragetuch habe ich das Baby nahe bei mir, kann mich aber gleichzeitig gut um das ältere Kind kümmern und den Familienalltag wie gewohnt weiterführen.

Bücher für grosse Brüder und Schwestern: «Ein Geschwisterchen für Pauli», NordSüd Verlag AG; «Ich will auch Geschwister haben», Oetinger; «Ein Geschwisterchen für die kleine Eule», Loewe; «Wir sind jetzt vier», Ravensburger Buchverlag. Für Eltern: «Geschwister als Team», Kösel Verlag.

Muki-Kurs

Im Familienzentrum Möhlin AG bietet Birgit Fäh Kurse rund um Schwangerschaft, Geburt und das Leben mit Kindern, darunter einen Geschwisterkurs für Mamas, die ihr zweites (oder drittes oder viertes) Kind erwarten, zusammen mit ihren Erstgeborenen. Im Workshop setzen sich die grossen Schwestern und Brüder mit dem Thema Geburt und den künftigen Veränderungen spielerisch auseinander. Es wird gespielt, fürs Baby gebastelt und am Lieblingskuscheltier tragen, wickeln und anziehen geübt. Zudem erhalten die Mütter (auch die Väter sind willkommen) Tipps für die erste Zeit in der neuen Familienkonstellation.
www.gluecklich-und-geborgen.ch

Geschwisterkurs Birgit Faeh Familienzentrum Moehlin
Im Geschwisterkurs bei Birgit Fäh können die grossen Schwestern und Brüder ihre Puppen wie richtige Babys wägen, wickeln und anziehen. Carole Volkart Photography
Von Christa Hürlimann am 4. April 2019