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Wenn Oma, Opa oder das geliebte Haustier stirbt

So helfen Eltern ihren Kindern bei der Trauerarbeit

Kinder trauern anders als Erwachsene. Barbara Schleuniger hilft Eltern, den Trauerprozess ihrer Kinder besser zu verstehen und sie darin zu unterstützen. Die freie Theologin gibt Tipps für gemeinsame Rituale und zeigt auf, wann psychologische Hilfe notwendig ist.

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Das kleine Mädchen liegt mit einer weißen Katze auf dem Bett Das kleine Mädchen liegt mit einer weißen Katze auf dem Bett LicenseRF ,model released, Symbolfoto Copyright: xZoonar.com/NatashaxZakharovax 24130042 ,model released, Symbolfoto ,property released

Weil Kinder ihre Gefühle noch nicht so gut regulieren können, schlägt Trauer nicht nur auf die Psyche, sondern auch auf den Körper. Kopfschmerzen und Fieber sind häufig.

IMAGO/Zoonar

Oft trauern Kinder das erste Mal, wenn Oma oder Opa stirbt. Manchmal machen sie die erste Erfahrung mit Trauerarbeit auch beim Abschied eines geliebten Haustiers. Egal um wen Kinder trauern müssen – ihre Trauer unterscheidet sich fundamental von Trauer bei Erwachsenen. Kinder trauern oft sprunghaft: In einem Moment sind sie todunglücklich, im nächsten spielen sie vergnügt. Und: Bei Kindern wirkt sich starke Traurigkeit direkt auf den Körper aus – sie werden krank. Warum das so ist und wie Eltern ihre Kinder beim Trauerprozess am besten unterstützen, erklärt die freie Theologin Barbara Schleuniger im Interview mit der Schweizer Illustrierten. Sie unterstützt Familien bei der Trauerarbeit und bietet Abschiedsrituale an – auch für Kinder. 

Jeder Mensch trauert anders, inwiefern trauern Kinder anders als Erwachsene?

Barbara Schleuniger: Das kann man genauso schlecht verallgemeinern, wie bei Erwachsenen. Je nach Alter unterscheidet sich kindliche Trauer stark. Es braucht eine gewisse emotionale Reife, um zu trauern. Kleinkinder bis zu drei Jahren merken lediglich, dass die Nähe zu einer nahestehenden Person fehlt. Das Konzept vom Tod können sie noch nicht erfassen. Drei- bis fünfjährige Kinder verstehen zwar, dass jemand gestorben ist, aber nicht die definitive Endlichkeit vom Tod. Oft glauben sie, diese Person kommt später einfach wieder zurück. Ab etwa neun Jahren verstehen Kinder die Endgültigkeit des Todes. Um den Verlust zu verarbeiten, wollen sie oft ganz viele Informationen, um genau zu verstehen, was z.B. mit dem Körper der Verstorbenen passiert, was im Krematorium vor sich geht etc.

Oft werden trauernde Kinder auch körperlich krank. Warum ist das so?

Grundsätzlich reagieren Kinder eher über das Nervensystem auf Trauer, da das Gehirn ihre Gefühle noch nicht richtig ausdrücken kann. Trauer ist für das Nervensystem extremer Stress. Das schwächt das Immunsystem. Sie entwickeln oft körperliche Symptome. Das kann zu schlechter Verdauung, Übelkeit und Bauchschmerzen oder auch zu Schlafstörungen und Fieberschüben führen.

Gibt es bestimmte Verhaltensmuster von trauernden Kindern?

Kinder leben im Augenblick und so trauern sie auch. Sie können in einem Moment bitterlich weinen und unendlich traurig sein, eine halbe Stunde später aber wieder vergnügt Spielen. Das geht bis ins Schulalter so. Dass Kinder in die Trauer «rein- und rausspringen» bedeutet keineswegs, dass die Trauer im Moment weniger stark ist. 

Barbara Schleuniger arbeitet seit zehn Jahren als überkonfessionelle freie Theologin. Mit verschiedenen Ritualen begleitet sie als Coach Menschen bei der Bewältigung von Trauerarbeit, in herausfordernden Lebensübergängen oder in Zeiten der Neuorientierung.

Barbara Schleuniger arbeitet seit zehn Jahren als überkonfessionelle freie Theologin. Mit verschiedenen Ritualen begleitet sie als Coach Menschen bei der Bewältigung von Trauerarbeit, in herausfordernden Lebensübergängen oder in Zeiten der Neuorientierung.

Cornelius Fischer

Wie unterstützen Eltern ihre Kinder bei der Trauerarbeit?

Die Trauer und der verstorbene Mensch soll immer wieder zum Thema werden dürfen. Dem Kind zuhören und es sprechen lassen, wenn es will. Und dann Handlungsmöglichkeiten geben, sodass das Kind nicht in der Erstarrung trauern muss, sondern aktiv etwas tun kann. Sie sollten etwas machen können. Da gibt es unzählige Rituale. 

Was sind Rituale, die für trauernde Kinder besonders geeignet sind?

Es können ganz einfache Dinge sein, wie eine Kerze anzünden. Oder ein Erinnerungsglas machen, in dem sie schöne Erinnerungen an die verstorbene Person aufschreiben und in ein Glas geben. Oder Steine sammeln, diese bemalen und an einen besonderen Ort als Gedenkstätte (oder ans Grab) bringen. Schön ist auch das Sterne-Konzept. Also die Idee, dass z.B. Oma oder Opa in den Sternen ist. Dann schliesst man gemeinsam die Augen und schaut, was die Grosseltern da oben gerade machen. Dann dürfen die Kinder erzählen und ihrer Phantasie freien Lauf lassen. Wenn man Kinder fragt, haben sie oft auch selbst gute Ideen für Rituale. Zum Beispiel beim Fussball Tore für Opa schiessen. Man tut, was man immer macht, aber in Gedanken und in Verbindung mit der verstorbenen Person. Bei diesen Ritualen geht es immer darum, eine innere Verbindung herzustellen.

Warum sollten Eltern auf Floskeln wie «Opa ist eingeschlafen» unbedingt verzichten?

Kinder müssen den Unterschied zwischen Tod und Schlafen begreifen. Sprachliche Verniedlichungen bringen das Kind durcheinander. Aus der Forschung weiss man, dass Kinder dann Trennungsängste und Schlafstörungen entwickeln können. Mit einer klaren und undramatischen Sprache sind solche Missverständnisse einfach zu verhindern.

Wie sollen Eltern mit der eigenen Trauer vor ihren Kindern umgehen?

Unbedingt die eigenen Gefühle, die eigene Trauer auch vor den Kindern zeigen und zulassen.  Die Kinder nehmen die Emotionen der Erwachsenen so oder so wahr. Verleugnen die Eltern die Trauer, werden die Kinder verunsichert. Gefühle wahrnehmen und sie benennen können, macht uns alle resilienter.

Sollen Kinder bei der Beerdigung dabei sein und je nach dem gar aktiv einbezogen werden?

Ich empfehle sogar immer, die toten Menschen anzuschauen. Und wenn möglich, noch eine liebevolle Handlung mit einzubeziehen. Zum Beispiel die Hände der verstorbenen Person eincremen, oder eine Zeichnung auf die Brust legen. So sieht und lernt das Kind, dass diese Person wirklich verstorben ist. Fachpersonen empfehlen, auch kleine Kinder in diese Prozesse einzubeziehen. Sie nehmen über die weiteren anwesenden Personen im Raum den Ernst der Situation wahr und verstehen so besser. Natürlich geht das auch am Grab, oder am Ort, wo die Asche verstreut wird. Vielleicht kann das Kind auch eine Blume, eine Zeichnung etc. dazugeben. Je aktiver Kinder in den Trauerprozess und die damit zusammenhängenden Rituale einbezogen werden, desto besser können sie auch den Verlust verarbeiten.

Wann macht es Sinn, sich professionelle Hilfe zu holen?

Wenn ein Trauma stattgefunden hat. Zum Beispiel, wenn jemand sehr plötzlich und unerwartet aus dem Leben gerissen wird. Wenn der Todesfall mit sehr viel Leid daherkommt und das Kind das mitbekommt. Auch bei Suizid empfehle ich immer professionelle Hilfe für die Angehörigen. Auch für Kinder gibt es speziell zugeschnittene Trauergruppen, um mit einem solchen Trauma umzugehen.

Evelyne Rollason von Schweizer Illustrierte
Evelyne RollasonMehr erfahren
Von Evelyne Rollason am 5. März 2026 - 12:00 Uhr