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Tipps vom Experten

So klappt der Alltag mit neuem Freund und Kindern

Wie stellt man den neuen Partner am besten seinen Kindern vor und was sind die grössten Herausforderungen für alle Beteiligten? Wir haben bei Psychotherapeut Josef Jung nachgefragt.

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Vertrauen zum neuen Partner der Mutter aufzubauen, braucht Zeit und Geduld (Symbolbild).

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Stellen wir uns folgende Situation vor: Mutter und Vater haben sich getrennt. Die anfänglich hohen Wellen sind geglättet, die Trennung verlief einigermassen friedvoll und wurde nicht auf Kosten der Kinder ausgetragen, eine gewisse Alltagsroutine ist eingekehrt.

Nun ist da ein neuer Mann im Leben der Mutter aufgetaucht. Sie ist schon eine Weile mit ihm zusammen und es ist beiden ernst mit der neuen Beziehung. Jetzt möchte das Paar einen Schritt weitergehen und die Kinder der Mutter einweihen. 

Das Gute gleich vorweg: Kindern kann man viel zumuten – vorausgesetzt, man bleibt authentisch. «Den Kindern etwas vormachen oder gar vorlügen, ist kontraproduktiv. Kinder sind feinfühlig und erahnen so etwas», sagt Josef Jung, 64, eidgenössisch anerkannter Psychotherapeut mit eigener Praxis und Weiterbildner am Institut für Kinder-, Jugendlichen- und Familientherapie in Luzern.

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Auf neutralem Boden treffen

Die neue Liebe verheimlichen zu wollen, bringt daher nichts. Was allerdings nicht heisst, dass man jeden Flirt mit nach Hause bringen soll. «Am nächsten Morgen im Bad plötzlich ein fremder Mann wäre ein Schock und ein grober Eingriff in die Privat- und Intimsphäre der Kinder», so der Experte.

Er empfiehlt, die Kinder den neuen Partner zum ersten Mal auf neutralem Boden treffen zu lassen. Also zum Beispiel in einem Restaurant oder bei einem Picknick im Freien.

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Josef Jung, 64, ist eidgenössisch anerkannter Psychotherapeut mit eigener Praxis in Hitzkirch LU.

ZVG

«Der neue Partner ist ein Rivale»

Und dann braucht es vonseiten der Erwachsenen viel Verständnis und Geduld. «Kinder brauchen in der Regel zwei bis drei Jahre, bis sie die Trennung der Eltern und die neue Situation mit Partner verdaut haben.»

Sie können dabei durchaus eine fröhliche Miene aufsetzen, während es hinter der Fassade kräftig brodelt und sie sich zum Beispiel beim Vater heimlich beschweren.

«Der neue Partner wird zunächst als Eindringling, ja gar als Rivale betrachtet. Schliesslich dringt er in ihr Nest ein. Man sollte also nichts überstürzen und auf keinen Fall gekränkt sein, wenn das Kind den neuen Mann nicht gleich mit offenen Armen begrüssen mag», so der Fachmann.

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Man sollte nicht gekränkt sein, wenn das Kind den neuen Partner nicht sofort akzeptiert.

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Primarschüler trifft Trennung am härtesten

Kinder im Primarschulalter trifft eine Trennung meist am härtesten. «Kleinkinder sind da oft noch unbedarfter und für Teenager kann die Peergruppe wichtiger sein als die Eltern», sagt Jung.

«Fehlerlose Eltern wären schlimm. Es tut dem Kind gut, wenn es auch mal wütend auf seine Mutter, den Vater oder den neuen Partner sein darf»

Für manche Teenager zum Beispiel könne es geradezu eine Erleichterung sein, wenn sich die Mutter wieder verliebt: «Der Fokus ist dann auf dem neuen Mann und nicht ständig auf dem Sohn oder der Tochter. Für viele Jugendliche ist das sehr befreiend.»

«Fehlerlose Eltern wären schlimm»

Eine der grössten Herausforderungen besteht darin, die Balance zwischen den eigenen Bedürfnissen und jenen der Kinder herzustellen. «Manche Eltern richten aus einem schlechten Gewissen heraus nach der Trennung den Fokus nur noch auf die Kinder. Andere machen das Gegenteil und es dreht sich alles nur noch um sie selbst. Beide Extremformen sind für Kinder nicht ideal.»

Was allerdings nicht heisst, dass Eltern keine Fehler machen dürfen. Im Gegenteil: «Fehlerlose Eltern wären schlimm. Es tut dem Kind gut, wenn es auch mal wütend auf seine Mutter, den Vater oder den neuen Partner sein darf.»

Mit Schuldgefühlen lässt sich gut wirtschaften

Der Experte wiederholt es gern noch einmal: «Kinder sind nicht blöd und mit Schuldgefühlen lässt sich auch wunderbar wirtschaften.» Rasch töne es in einem Kinderkopf etwa so: Ich kann beim Einkaufen auf die Tränendrüse drücken und bekomme, was ich gerne möchte? Wunderbar! Mama telefoniert mit ihrem Freund und ich kann in der Zeit unkontrolliert weitergamen? Herrlich!

«Nur weil die Eltern sich getrennt haben, heisst es nicht, dass die Erziehungsarbeit gelockert werden kann. Hausaufgaben sollten nach wie vor erledigt, die Bett- und Gamezeiten eingehalten werden und so weiter.»

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Mama telefoniert mit ihrem Freund und ich kann in der Zeit unkontrolliert weitergamen? Herrlich!

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Respektloses Verhalten muss Partner nicht tolerieren

Authentisch zu bleiben, gilt auch für den neuen Partner. Ist es so weit, dass man gemeinsam mit den Kindern der neuen Partnerin ein Wochenende oder die Ferien verbringt, ist Konfliktpotenzial quasi vorprogrammiert. Schliesslich kommt man sich auf engem Raum rasch näher.

Respektloses Verhalten ihm oder der Mutter der Kinder gegenüber muss der neue Partner dabei nicht schweigend über sich ergehen lassen und tolerieren. «Kinder spüren genau, wenn sie das Gegenüber innerlich zum Kochen bringen, und suchen die Grenzen der Belastbarkeit. Ein deutliches ‹So nicht› hilft beiden Parteien.»

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Respektloses Verhalten muss der neue Partner nicht schweigend über sich ergehen lassen.

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Lizenz zum Erziehen vom Vater

Spätestens, wenn der neue Partner mit der Mutter zusammenzieht, ist es hilfreich, wenn der Vater diesem quasi eine Lizenz zum Erziehen erteilt. Unterstützend wäre eine solche Haltung von Anfang an.

«Der neue Partner kann den Vater nicht ersetzen, doch er ist Teil des Patchwork-Alltags und somit auch Teil der Erziehungsarbeit. Kinder können durchaus mit verschiedenen Erziehungsstilen und Verhaltensweisen umgehen», so Jung.

In der Schule hätten sie schliesslich auch ständig neue Lehrpersonen, und auch bei den Grosseltern gelten andere Regeln. «Schwierig wird es erst, wenn ein Elternteil sich dem neuen Partner querstellt, ihn nicht akzeptiert oder gar vor den Kindern schlechtmacht.»

Die 7 wichtigsten Tipps des Experten

  1. Bleibt authentisch: Ihr werdet und dürft Fehler machen
  2. Erst nachdenken und nicht aus dem Affekt heraus reagieren ­– passiert es doch: Ihr dürft Fehler machen
  3. Nicht schuldgesteuert handeln (und sonst analog zu Punkt eins und zwei)
  4. Den neuen Partner nicht rechtfertigen oder gut verkaufen wollen
  5. Versuchen, die Balance zu halten: Weder in einen Aktivismus noch in Lethargie verfallen; eigene Bedürfnisse und jene der Kinder gleich berücksichtigen
  6. Dem Kind zuhören
  7. Weiterhin Zeit allein mit dem Kind verbringen; der neue Partner muss nicht ständig dabei sein
Von Maria Ryser am 05.06.2020
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