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Geschwisterbeziehung

So schafft ihr aus euern Kindern ein starkes Team

Sie streiten, sie raufen, sind eifersüchtig aufeinander – aber sie helfen sich auch, lernen voneinander und sind oft die ersten Gspändli zum Spielen: Geschwister. Wie Eltern eine positive Beziehung zwischen ihren Kindern fördern können, haben wir eine Expertin gefragt.

Little boy aged 5 and his elder sister aged 9 are sitting on the small bridge in the forest. They are enjoying beautiful nature and the sunset, laughing happily.

Bruder und Schwester, ein Band fürs Leben: Deshalb ist es wertvoll, sich als Eltern um eine gute Beziehung zwischen ihnen zu kümmern.

Getty Images

Zuerst streiten sie um Bauklötzli und Barbies, später ums Töffli, die charmante Nachbarin oder Nachbarn und zuletzt ums Erbe: Brüder und Schwestern. Manche Geschwister bezeichnen sich aber auch als «beste Freunde», wieder andere haben kaum Kontakt zueinander. Nur eines ist bei den meisten gleich: Die Beziehungen zu den Geschwistern sind die dauerhaftesten Bindungen im Leben eines Menschen, meist sogar länger als zu den Eltern, Partnern oder eigenen Kindern.

Rivalität spornt an

Die Geschwister sind neben den Eltern das erste Übungsfeld für den Umgang mit so verschiedenen Gefühlen wie Liebe, Hass, Trauer, Freude, Nähe, Vertrautheit, Ablehnung. Mit dem Bruder oder der Schwester üben sich die Kinder in Loyalität, sie beschützen sich und werden beschützt, sie helfen einander und verbünden sich gegen andere Kinder. Aber sie sind auch Rivalen, testen ihre Dominanz, raufen und streiten sich.

«Auch diese weniger harmonischen Erfahrungen sind wichtig. Denn dabei entwickeln Kinder eine Konfliktkultur und lernen, sich wieder zu versöhnen», sagt Jacqueline Suter-Pfeiffer, Leiterin Soziale Arbeit bei der Stiftung Kinder- und Jugendpsychiatrische Dienste St. Gallen. Die Geschwisterrivalität sporne Kinder in ihrer Entwicklung meist an: «Ein Baby unterstützt bei den grösseren Geschwistern den Ablösungsprozess von der Mutter und ermöglicht damit neue Entwicklungsschritte.»

Altersabstand beeinflusst die Geschwisterbeziehung

Über die Qualität der Beziehung zwischen den Kindern entscheiden schon die ersten gemeinsamen Tage nach der Geburt des jüngeren Geschwisters – entsprechend können die Eltern dazu beitragen, ob aus ihren Sprösslingen eine eingeschweisste Bande wird. Das fängt früher an, als man denken würde: Nämlich schon bei der Familienplanung. Viele Experten erachten einen Altersabstand von mindestens drei Jahren zwischen Geschwisterkindern als ideal. Auch Jacqueline Suter-Pfeiffer und ihre Kolleginnen und Kollegen beobachten dies in ihren Beratungen bei der Stiftung Kinder- und Jugendpsychiatrische Dienste St. Gallen. «Uns fällt auf, dass Kinder mit diesem Altersabstand weniger streiten.»

Gleich und gleich streitet mehr

Je jünger nämlich das Kind bei der Geburt des Geschwisterchens ist, um so tiefgreifender sind die Veränderungen, wenn es die Mutterliebe, elterliche Aufmerksamkeit und seinen festen emotionalen Platz plötzlich teilen muss. Denn es kann seine Gefühle noch nicht in Worte fassen. Ältere Kinder können sich besser ausdrücken und haben schon eine klarere Position in der Familie sowie ein grösseres Bezugssystem.

Auch Gleichgeschlechtlichkeit fördert die Rivalität zwischen Geschwistern. Aber das Geschlecht des Geschwisterchens vermögen auch die am besten vorbereiteten Eltern – zum Glück – nicht zu beeinflussen. Ansonsten können Eltern aber viel dafür tun, ihre Kinder auf dem Weg zu einem guten Team zu unterstützen.

Die Tipps: So wird aus euren Kindern ein starkes Team

  • Die «Arbeit» an einer guten Beziehung zwischen euern Kindern beginnt schon in der Schwangerschaft: Die grösseren Kinder müssen gut aufs Baby vorbereitet werden, siehe Artikel «So freut sich euer Kind aufs Geschwisterchen»
  • Darauf achten, auch den grösseren Kindern immer wieder Wertschätzung zu zeigen, in Worten wie in Gesten.
  • Die Kinder im Alltag miteinbeziehen. «Viele Eltern haben das Gefühl, sie müssten ihren Kindern ein spezielles Programm bieten, aber wichtiger ist es, sie in alltägliche Arbeiten miteinzubeziehen, sonst wirds schnell künstlich», erklärt Jacqueline Suter-Pfeiffer. Ein Beispiel: «Komm, wir wickeln Finn zusammen, bringst Du mir eine Windel?»
  • Die Kinder nie miteinander vergleichen. «Schau mal, Mia ist noch viel kleiner und isst schon mehr Gemüse als du!»
  • Exklusivzeit für jedes der grösseren Kinder reservieren. «Das muss nicht gleich ein Tag im Zoo sein», erklärt die Expertin, «kleine Zeitfenster im Alltag sind wichtiger, zum Beispiel am Abend zehn Minuten zusammen ein Büchlein anschauen.»
  • Die ambivalenten Gefühle der grösseren Geschwisterkinder zulassen. «Das grössere Kind macht viel mit, wenn ein Geschwisterchen zur Familie stösst. Es ist in den meisten Fällen selber noch klein und wird gern überfordert, in die Rolle der oder des <vernünftigen Grossen> geschoben, das fördert Frust, denn es kann seine Gefühle nicht reflektieren», erklärt Jacqueline Suter-Pfeiffer. «Hier müssen Eltern viel mehr über Körpersprache kommunizieren, ihr grösseres Kind häufiger in den Arm nehmen und über Gesten trösten.»
  • Bei Streit zwischen den Kindern nicht zu früh eingreifen. «Streiten ist wichtig, die Kinder lernen viel dabei. So lange sie sich nicht weh machen, soll man sie streiten lassen», sagt die Expertin. «Wichtig ist, präsent zu sein.» Und wenn die eigenen Kinder mit den Kindern von Freunden streiten? «Gemeinsam die Haltung beider Familien anschauen und ihre jeweilige Streitkultur kennenlernen», empfiehlt Jacqueline Suter-Pfeiffer.
  • Sich als Eltern nicht unter Druck setzen, alle Kinder gleich behandeln zu müssen – aber fair. Die Expertin gibt ein Beispiel: «Wenn eine Mutter mit ihrem fünfjährigen und ihrem einjährigen Kind am Tisch sitzt, kann sie nicht von beiden verlangen, dass sie eine halbe Stunde sitzenbleiben.» Am besten erkläre sie dem grösseren Kind im Vornherein: «Silvio kann noch nicht so lange ruhig sitzen wie du, dafür können wir beide nachher noch in Ruhe zusammen fertig essen.» Dies so viele Mittage wiederholen, bis es für beide Kinder in Ordnung ist. Möglichst einfach und positiv erklären, nicht sagen: «Du bist doch schon gross.»
  • Kreativ bleiben im Prozess des Erziehens. «Dafür nimmt man sich vielleicht lieber mal kurz eine Verschnaufpause, statt vorschnell einzugreifen», empfiehlt Jacqueline Suter-Pfeiffer. «Dann lernen die Kinder: Papi oder Mami müssen sich etwas überlegen, die wissen auch nicht immer grad alles.»

Das Wichtigste, wie in allen Bereichen im Zusammenleben mit Kindern, ist die Vorbildfunktion. «Eltern sollen ihren Kindern im Alltag ein angenehmes Sozialverhalten vorleben und zeigen, wie man zusammen Spass hat», sagt Jacqueline Suter-Pfeiffer. «Dazu gehört auch, mit Freunden der Familie Sachen zu unternehmen.»

Wer also selber gute Beziehungen pflegt, gibt seinen Kindern das beste Beispiel, wie man Freundschaften – oder eben Geschwisterbande – fürs Leben schliesst.

Buchtipp für starke Geschwisterteams

Für Eltern, die gern noch mehr konkrete Tipps hätten, wie sie eine gute Beziehung zwischen ihren Kindern fördern können, lohnt sich die Lektüre des Buchs Geschwister als Team von Nicola Schmidt. Die Autorin erklärt darin, worum die Kinder wirklich streiten (denn aus Sicht der Evolution sind Geschwister Rivalen, die um Nahrung und Sicherheit konkurrieren). Und wie Mama und Papa am besten reagieren, um die Kinder beim Zusammenwachsen zu unterstützen. Das Buch ist super übersichtlich aufgebaut – man kann es Kapitel für Kapitel durchlesen oder sich auch einfach jene Tipps herauspflücken, die man gerade für die aktuelle Familiensituation braucht. Das Buch handelt von der Zeit ab Geburt des ersten Geschwisterchens bis ins höhere Schulalter.

Von Christa Hürlimann am 9. Juli 2019