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Tipps einer betroffenen Mutter

So stärkt ihr euer Kind gegen Rassismus

Wie ist es, als weisse Mutter ein dunkelhäutiges Kind in der Schweiz grosszuziehen? Biljana Sabally kennt die subtilen und plumpen Stolpersteine aus eigener Erfahrung und gibt Tipps, wie wir unsere Kinder zu weltoffenen Menschen erziehen können.

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Eine weisse Mutter mit einem dunkelhäutigen Kind begegnet vielen Vorurteilen (Symbolbild).

Getty Images

«Jö, so ein herziges Maitli. Hast du sie adoptiert?» Diesen Satz bekam Biljana Sabally, 43, von einer gebildeten Bekannten zu hören.

Das Kompliment war gut gemeint, zeigt jedoch, wie gewisse Bilder in den Köpfen verankert sind: Eine weisse Frau mit einem dunkelhäutigen Kind wird nicht automatisch als Mutter betrachtet.

Die Schweizerin mit serbisch-kroatischen Wurzeln wächst mit ihren zwei Geschwistern in der Zürcher Agglomeration auf. Ihre Eltern emigrieren in den 70-er Jahren in die Schweiz und finden hier ein zweites Zuhause. In ihrer Jugendzeit muss sie sich ab und zu einen blöden Spruch anhören über ihre Herkunft.

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Mit echten Begegnungen gegen Rassismus

«Richtig schlimm war es aber nie», meint Biljana Sabally rückblickend. «Ich empfand die Menschen in der Schweiz als sehr wohlwollend.» Ihre Erfahrung: «Wenn wir alltägliche Dinge miteinander teilen, können wir Berührungsängste abbauen. Das Miteinander verschiedener Kulturen wird dann selbstverständlich.»

2012 bringt sie Tochter Maylin, 7, zur Welt. Der Vater ihres Kindes stammt aus dem Senegal. Kurz nach der Geburt trennen sie sich.

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Zwei Powerfrauen: Biljana Sabally und ihre siebenjährige Tochter Maylin.

ZVG

Von der Stadt aufs Land

Als Biljana Sabally mit ihrer Tochter von Zürich in eine kleine Gemeinde im Kanton Aargau zieht, wird ihr Kind zur Dorfexotin. «In der Stadt fiel Maylin nicht so auf. Aber hier ist sie das einzige halb-afrikanische, dunkelhäutige Kind.»

Mutter und Tochter gehen von Anfang an offen auf alle zu: «Ich habe gleich die Klassenkameraden zu uns nach Hause eingeladen und mich darum gekümmert, dass Maylin möglichst viel mit anderen Kindern abmachen und spielen kann.»

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Umzug aufs Land: Mutter und Tochter gehen offen auf alle zu und sind schnell im Dorf integriert.

ZVG

«Schöflihaar und Gaggihaut»

Innert kürzester Zeit sind die beiden gut integriert und fühlen sich sehr wohl. Hänseleien gibt es trotzdem. Vor allem von gleichaltrigen und älteren Primarschülern. «Schöflihaar und Gaggihaut sind zwei Schimpfwörter, die Maylin immer wieder hört», erzählt Sabally.

Kürzlich sei ihre Tochter weinend nach Hause gekommen und habe ihr gesagt, dass sie sich für ihre Haare und ihre Hautfarbe schäme. «Das tut natürlich weh.»

Die Hänseleien sind für die gelernte Kindergärtnerin allerdings nicht in erster Linie rassistisch motiviert. Im Gegensatz zu Erwachsenen würden Kinder Menschen aufgrund ihrer Herkunft oder Hautfarbe noch keine Charakter- und Verhaltensweisen zuweisen und sie diskriminieren. «Kinder ärgern sich aufgrund von Äusserlichkeiten schnell gegenseitig.» Tolerieren mag sie ein solches Verhalten trotzdem nicht. 

«Am besten finde ich eins zu eins Gespräche mit dem betroffenen Kind, einem Elternteil und der Klassenlehrerin. Damit habe ich sehr gute Erfahrungen gemacht.»

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Biljana Sabally lebt ihre Leidenschaft: Die gelernte Kindergärtnerin hat sich vor drei Jahren als Räucherfachfrau und Coach selbständig gemacht. Weitere Infos findet ihr hier.

ZVG

«Erzählt von euren Reisen»

Im Alltag sieht Biljana Sabally viele Möglichkeiten, wie wir mit unseren Kindern einen offenen und interessierten Umgang mit fremden Kulturen üben können. Hier sind ihre Tipps:

  • Erzählt dem Kind von euren Reisen, von Menschen, denen ihr begegnet seid. Persönliche Erlebnisse und Abenteuer saugen Kinder mit Begeisterung auf.
  • Rassistische Witze sind wie sexistische Sprüche ein No-Go: Wir lachen nicht über andere Kulturen, Länder und Menschen, die anders aussehen als wir. Es gibt genug tolle Witze, die nicht rassistisch motiviert sind. Ermutigt eure Kinder dazu, nicht mitzulachen, wenn rassistische Sprüche fallen.
  • Hängt eine Weltkarte zu Hause auf und sucht das Herkunftsland vom Gspänli aus der Krippe, dem Kindergarten oder der Schule. Wo kommen unsere Spielsachen her, wo das Auto oder die Lieblingsmusik? Woher die Kokosmilch, das Thai Curry und andere tolle Sachen? So wird klar, wie verbunden wir miteinander sind und wie schön und inspirierend diese Vielfalt ist. 
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Den ersten Schritt machen: «Ladet das fremdländische Kind zum Spielen und zum Geburtstag ein.»

Getty Images

In einem eritreischen Restaurant essen

Mit Eigeninitiative könne man viel erreichen, ist Sabally überzeugt: «Fragt die Spielgruppenleiterin, Kindergärtnerin oder Lehrerin, ob sie an einem interkulturellen Austausch interessiert wären und motiviert sie für einen Tag der offenen Tür, eine Projektwoche oder ein Fest der Kulturen.» Ihre weiteren Tipps:

  • Ladet das fremdländische Kind zum Spielen und zum Geburtstag ein. Macht den ersten Schritt!
  • Schaut gute Dokufilme oder Reisedokus über andere Kulturen und Länder. Vermeidet Dramas aus den sogenannten Drittweltländern, die Vorurteile meist nur zementieren.
  • Sprecht vor eurem Kind Menschen an, die dunkelhäutig sind, wie wenn es Frau Meier oder Herr Hugentobler wären. Mit ganz alltäglichen Fragen wie: «Entschuldigen Sie bitte, wie spät ist es?» Oder «Wissen Sie, wann der nächste Bus fährt?»
  • Geht mal in einem indischen, türkischen oder eritreischen Restaurant essen. Geniesst die vielleicht ungewohnten Speisen, Gerüche, Farben, Musik und die ganze Atmosphäre.
Von Maria Ryser am 14.06.2020
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