Wer Kinder erzieht, bewegt sich ständig im Spannungsfeld zwischen Fürsorge und Loslassen. Man möchte für sein Kind da sein und es vor allen möglichen Gefahren und Enttäuschungen beschützen. Gleichzeitig ist bekannt, dass Kinder ihre eigenen Erfahrungen sammeln müssen, um zu selbständigen und selbstbewussten Erwachsenen heranzuwachsen. Doch was man in der Theorie weiss, lässt sich nicht immer so leicht in der Praxis umsetzen – gerade dann, wenn es um den eigenen Nachwuchs geht und starke Gefühle das eigene Handeln bestimmen.
Eltern wollen ihren Kindern in der Regel sowohl körperlich als auch emotional möglichst nahe sein und eine starke Bindung aufbauen. Wird die elterliche Fürsorge aber so stark gelebt, dass sie fürs Kind einschränkend ist, sprechen Expertinnen und Experten von «Klettverschluss-Eltern». «Diese Eltern bleiben konstant nah am Kind und greifen oft ein, bevor das Kind überhaupt sein eigenes Bedürfnis spüren kann», erklärt der Psychologe und Moderator des Podcasts «Pod Candy», John Mayer, gegenüber HuffPost. Es handelt sich im Grunde also um eine Überfürsorglichkeit, welche die Unabhängigkeit der Kinder im Keim erstickt.
Keine sichere Bindung
Die Psychologin und Autorin Jenny Yip wiederum sagt über Klettverschluss-Eltern und deren Erziehung: «Die übermässige Bindung beeinträchtigt die Fähigkeit des Kindes, Selbstvertrauen, Frustrationstoleranz, unabhängige Problemlösungsfähigkeiten und Resilienz aufzubauen.»
Zwar ist eine sichere Bindung – die heutzutage viele Eltern anstreben – durchaus wichtig, aber eben klar von einer Klettverschluss-Erziehung abzugrenzen: Eine sichere Bindung hilft Kindern, sich sicher genug zu fühlen, um die Welt selbständig zu erkunden. Die Klettverschluss-Erziehung hingegen hält die Bindung zu den Eltern so stark, dass ein selbständiges Erkundungen der Welt kaum möglich ist.
Doch wie kann man eine Klettverschluss-Erziehung und deren Auswirkungen auf die Kinder erkennen? Expertinnen und Experten haben für das US-Nachrichtenportal einige Anzeichen zusammengetragen:
- Das Kind hat Schwierigkeiten, sich von den Eltern zu trennen, selbst wenn es nur für einen kurze Zeit ist.
- Das Kind sucht ständig nach Bestätigung. Es fragt etwa dauernd: «Ist das richtig?» Oder: «Ist das sicher?» Dies, weil es gelernt hat, sich eher auf externe Bestätigung zu verlassen als auf sein eigenes Gefühl.
- Das Kind hat Angst, neue Dinge auszuprobieren und wagt es kaum, neue Herausforderungen ohne Beteiligung der Eltern anzugehen.
- Das Kind verlässt sich darauf, dass die Eltern seine Probleme lösen und Entscheidungen treffen und zeigt wenig Eigeninitiative
- Das Kind tut sich schwer mit Veränderungen und Unbekanntem.
- Die Eltern sind emotional erschöpft, weil sie sich für sämtliche Gefühle und Entscheide des Kindes verantwortlich fühlen.
Widerstandsfähigkeit fördern
Nun stellt sich die Frage, wie Eltern reagieren sollten, wenn sie diese Anzeichen entdecken. Zunächst mal: sich nicht in Selbstvorwürfen verlieren. Die Psychologin Jenny Yip sagt: «Klettverschluss-Erziehung ist kein Versagen.» In der Regel sei der Erziehungsstil aus Liebe und dem Wunsch, das Kind zu beschützen, entstanden.
Zeigen sich aber negative Auswirkungen, gehe es darum, Korrekturen vorzunehmen und die Widerstandsfähigkeit des Kindes zu fördern. Beispielsweise sollen Eltern damit aufhören, die Probleme des Kindes sofort zu lösen und ihnen lieber Anleitungen geben, um selbständig Lösungen zu finden. Dies können Mütter und Väter etwa tun, indem sie das Kind bloss fragen: «Was könntest du als nächstes tun?» So wird das Kind angeregt, eigene Lösungswege zu finden.
Weiter soll das Kind häufiger angeregt werden, sich ohne die Eltern zu beschäftigen und Kontakte zu anderen Bezugspersonen gefördert werden. Ebenfalls wichtig: Eltern sollten ihre eigenen Ängste nicht auf die Kleinen übertragen und ihrem Kind vertrauen. Dabei geht es nicht darum, sich emotional zurückzuziehen, sondern dem Kind Raum zur Entfaltung zu geben.
