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Grenzen setzen

Soll man fremde Kinder zurechtweisen?

Grenzen gehören zur Erziehung der eigenen Kinder. Doch was. wenn ein fremdes Kind sich frech oder unangemessen verhält? Entwicklungspsychologin Patricia Lannen vom Marie Meierhofer Institut für das Kind erklärt, in welchen Fällen und in welchem Rahmen sie das Eingreifen von Nichterziehungsberechtigten in Ordnung findet. Und in welchen nicht.

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So setzt man fremden Kindern Grenzen.

Viele Erwachsene haben Hemmungen, fremde Kinder zurechtzuweisen – und das oft zu Recht.

Getty Images/Maskot

Patricia Lannen, gibt es Situationen, in denen es zwingend nötig ist, ein fremdes Kind zurechtzuweisen?

Wenn andere Menschen oder Dinge durch das Verhalten des Kindes zu Schaden kommen, sollte man auf jeden Fall reagieren. Dann geht es aber in erster Linie darum, das Kind zu stoppen und nicht darum, es zurechtzuweisen. Generell stellt sich die Frage: «Was heisst zurechtweisen?» Im Grunde impliziert es: Ich habe recht und das Kind muss sich so verhalten, wie ich es gerne möchte. Das ist eine einseitige Vorstellung von Erziehung. Eigentlich sollte sie wechselseitig sein – eine Interaktion zwischen der erwachsenen Person und dem Kind.

Ist es denn nicht wichtig, dass man Kindern Grenzen setzt?

Doch, Orientierung und Grenzen sind ein Grundbedürfnis. Das gilt für Erwachsene und Kinder gleichermassen. Allerdings sollte man so handeln, dass diese Bedürfnisse für beide Seiten gewahrt bleiben. Was ebenfalls wichtig ist: Man muss immer das Alter des Kindes berücksichtigen.

Inwiefern?

Ein Kind entwickelt erst etwa zwischen vier und fünf Jahren die Fähigkeit, sich in sein Gegenüber hineinzuversetzen und entwickelt so auch zunehmend ein moralisches Verständnis. Je früher dem Kind auf einfache und liebevolle Weise erklärt wird, was sein Verhalten bei anderen Menschen auslösen kann, desto schneller entwickelt sich auch diese sogenannte Perspektivenübernahme.

Die Expertin

Patricia Lannen

Patricia Lannen ist Entwicklungs- und klinische Psychologin und Institutsleiterin am Marie Meierhofer Institut für das Kind.

ZVG

Kommen wir zu einigen konkreten Situationen im Alltag: Angenommen, ich bin mit meinem Kind auf einem Spielplatz und mein Kind wird von einem Kleinkind mit der Schaufel geschlagen. Wie soll ich reagieren?

Hier geht es im ersten Moment darum, das eigene Kind zu schützen und das andere zu stoppen. In einem zweiten Schritt würde ich schauen, wo die Bezugsperson des anderen Kindes ist und ihr erklären, was passiert ist. Übernimmt diese Person keine Verantwortung, würde ich mit meinem Kind die Situation verlassen und an einem anderen Ort spielen. 

Eine weitere Situation: Ich bin im Zug, möchte arbeiten, aber Kinder im Schulalter rennen durch den Gang und machen Lärm.

Auch hier würde ich die Situation verlassen. Aber nicht, weil ich mich oder jemand anderen schützen muss. Der Raum, in dem sich Kinder frei bewegen und spielen können, wird immer kleiner. Im Zug herumzurennen ist nicht verboten. Allenfalls können die Eltern ihren Kindern erklären: «Ihr seid zu laut, das stört die anderen Menschen.» Aber es ist nicht an mir, fremde Kinder dafür zurechtzuweisen. Wenn sie mich stören, kann ich den Wagen wechseln.

Was, wenn fremde Kinder frech zu mir sind?

Es kommt auf die jeweilige Situation und auf das Alter an. Teenager beispielsweise loten bewusst Grenzen aus. Das tun sie gerne bei Menschen, mit denen sie in keiner Beziehung stehen – weil ihnen dadurch weniger Konsequenzen drohen. Das gehört zum Entwicklungsprozess dazu und solange niemand gefährdet wird, würde ich mich nicht auf einen Machtkampf einlassen. Auch bei kleineren Kindern kann man freche Antworten getrost ignorieren.

Wie sieht es bei mir zuhause aus: Müssen sich fremde Kinder an meine Regeln halten?

Hier stellt sich die Frage: Um welche Regeln geht es? Regeln sollten immer einen Grund haben und nicht «aus Prinzip» aufgestellt werden. Haben sie einen guten Grund, sollen sie auch für alle gelten. Meist sind Kinder übrigens sehr anpassungsfähig und können sich auswärts gut an fremde Regeln halten. 

Nun bin ich beim Einkaufen und ein fremdes Kind schreit den ganzen Laden zusammen. Soll ich eingreifen?

Grundsätzlich würde ich mich nicht ans Kind wenden, sondern allenfalls mit dem Elternteil Kontakt aufnehmen. Aber nicht, weil das Geschrei stört oder um Vorwürfe zu machen, sondern um zu fragen, ob ich die Mutter oder den Vater unterstützen kann. Vielleicht üben sie gerade, Trotzanfälle beim Einkaufen auszuhalten. Dann wäre mein Eingreifen kontraproduktiv und übergriffig. Generell sollten wir davon ausgehen, dass Eltern das Beste für ihr Kind wollen und nicht vorschnell urteilen. 

Kommt das aus Ihrer Sicht oft vor?

Ja, das beobachte ich auch in meinem Privatleben. Ich selbst wurde einmal von einer fremden Person zurechtgewiesen, weil ich meine fünfjährige Tochter im Wägelchen ihres kleinen Bruders zur Bushaltestelle schob. Was die fremde Person nicht wusste: Meine Tochter hatte einen schweren Infekt, der im Schwimmbad plötzlich wieder aufflammte und ich musste mit ihr sofort ins Spital. Als ich das erklärte, war es der Person ziemlich unangenehm und sie hat sich für ihre Aussage entschuldigt.

Fabienne Eichelberger von Schweizer Illustrierte
Fabienne EichelbergerMehr erfahren
Von Fabienne Eichelberger am 25. März 2026 - 12:00 Uhr