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Es ist einfach so laut

Sollen wir Babies schreien lassen?

Die Forschung ist sich uneins: Sollen Eltern ihre Kleinsten auch mal schreien lassen? Eine umstrittene Frage – mit vielen Antworten. Eine aktuelle Studie legt nahe, dass die Kinder so oder so keinen Schaden davontragen.

Photograph of a baby screaming in the bed

Dieses Baby schreit nicht – ob es von seinen Eltern beruhigt wurde oder sich selbst unter Kontrolle gebracht hat? Wir wissen es nicht. Aber: Babys hören irgendwann auf. Manche brauchen einfach etwas länger. Irgendwann kehrt wieder Ruhe ein. 

Getty Images

Es ist anstrengend. So viel ist sicher. Selbst die kleinsten Menschen sind ganz schön laut, wenn sie mit dem Schreien mal so richtig loslegen. Babies schreien natürlich nicht einfach, um uns Eltern zu ärgern. Sie haben schlicht wenig Alternativen, um uns mitzuteilen, dass die Windel voll oder der Magen leer ist. 

Es schreit und schreit und schreit... 

Und doch gibt es diese Momente, wenn die Kleinen frisch gewickelt und (mutmasslich) pappsatt in ihren Bettchen liegen und sich immer noch verausgaben. Was tun? Die meisten Eltern eilen ihrem Nachwuchs schon beim kleinsten Pieps zu Hilfe, andere (weitaus weniger wie wir vermuten) lassen ihre Babies auch mal schreien. Und ja, es fühlt sich komisch an, dieses kleine und anfangs schon ziemlich hilflose Wesen einfach sich selbst zu überlassen. Man weiss ja nicht, was das für Folgen auf die frühkindliche Psyche haben kann. Erforscht ist die Thematik bei langem nicht abschliessend, zu individuell verlaufen die Entwicklungswege der Kleinen.  

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Im Grunde sortieren sich die Forscher zum Thema in zwei Lager (jaja, das ist natürlich vereinfachend, aber es genügt für einen ersten Überblick). Es gibt die Verhaltensforscher, die dafür plädieren, das Kind auch mal schreien zu lassen. Dies, damit es lernt, sich zu regulieren. Es 24/7 zu hegen, verstärke das Geschrei nur noch. Man hindert das Kind also quasi, einen wichtigen Entwicklungsschritt zu gehen. Auf der anderen Seite stehen die Bindungsforscher. Die vor allem eines predigen: Eine starke Bindung zwischen Eltern und Kind (wir schliessen hier mal stinkfrech auch die Väter mit ein, obwohl oft explizit von der Mutter-Kind-Beziehung die Rede ist) ist das A und O.  

Kann wirklich jedes Kind schlafen lernen? 

Irgendwo mittig könnte man die deutsche Psychologin Annette Kast-Zahn ansiedeln. Ihr Bestseller und Kinderstuben-Klassiker «Jedes Kind kann schlafen lernen» empfiehlt im Kern eine Kombination aus beiden Herangehensweisen. Ihr Programm ist recht simpel und schnell erklärt – das heisst nicht, dass es für Eltern einfach umzusetzen ist. Ab ca. 6 Monaten (oder eben – auch hier gehts gleich wieder auf die Individualebene – wenn das Kind mutmasslich dazu bereit ist) kann es eigentlich durchschlafen. Es sollte genug Nahrung aufnehmen können, dass es in der Theorie auch mal eine Nacht durchschlafen kann.  

Die Technik: Kind schlafen legen und aus dem Zimmer geben, erst nur kurz (vielleicht 30 Sekunden) schreien lassen und dann wieder rein, beruhigen und wieder raus. Rein, raus, rein, raus – und irgendwann die Intervalle etwas länger machen. Das kann übrigens auch schon mal ein, zwei Nächte dauern, bis das Kind lernt, dass es auch ohne Mama und Papa einschlafen kann. Aber eben – bezogen aufs Schreien vs. Bindung: Es ist eine Art Mittelweg. Signalisieren «wir sind da» aber auch einmal ein bisschen schreien ertragen. 

Denn darum geht es: Als Eltern ist das Geschrei kaum zu ertragen. Ja, weil es laut ist. Und ja, es kann nerven. Aber im Wesentlichen hinterlässt es bei ihnen eine Art Verzweiflung. Wir sind am Ende mit unserem Latein, suchen den Fehler in unserer Erziehung, in unserer Herangehensweise und finden ihn doch nicht. Denn: Alles kann sich von Tag zu Tag verändern. Reset. Alles von vorne.  

Auch die Eltern verändern sich in den ersten 18 Monaten 

Der Psychologe Dieter Wolke hat an der University of Norwich mit einem Team von Psychologen untersucht, inwiefern sich beide Positionen (Bindungsforscher vs. Verhaltensforscher) auf die Kleinen auswirkt. In einem Zeitraum von 18 Monaten hat sein Team laut welt.de untersucht, ob Kinder länger oder häufiger schreien, wenn nicht sofort Hilfe naht. Und – ob sich die unterschiedliche Herangehensweise von Eltern irgendwie auf die Entwicklung auswirkt. 178 Kinder wurden begleitet. Die klarste Erkenntnis: Während dieser 18 Monate veränderte sich das Verhalten der Eltern.  

Die Studie zeigt, dass die meisten Eltern zu Beginn sofort einschritten, wenn ihr Baby laut wurde. Im Alter von sechs Monaten schrien schon rund die Hälfte der Babies ab und an alleine vor sich hin. Mit 18 Monaten schon rund zwei Drittel. Laut Dieter Wolke zeigten die schreienden Babies aber weder Verhaltensauffälligkeiten noch Vernachlässigung.  

Ists den Eltern also plötzlich egal, wenn ihr Kleines weint? Vermutlich nicht. Aber genauso wie Kinder, entwickeln sich auch Eltern. Und sie haben vielleicht in den ersten turbulenten Monaten gelernt, dass sie den kleinen Menschen auch zutrauen können, zumindest zu versuchen, sich selbst zu beruhigen. 

 

Wie macht ihr das zuhause? Diskutiert mit.

Von bna am 30.03.2020
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