Schwangerschaft und Geburt sind einschneidende Ereignisse im Leben einer Frau. Der Körper vollbringt dabei Unglaubliches – und wenn das Baby auf der Welt ist, ist nichts mehr, wie es vorher war. Dass diese Umstände bei manchen Frauen im Voraus nicht nur zu puren Glücksgefühlen führen, sondern auch Unsicherheiten und Respekt hervorrufen können, ist völlig normal.
Einige Frauen haben aber eine solch grosse Angst vor der Schwangerschaft und der Geburt, dass sie Krankheitswert hat – dann spricht man von Tokophobei. Nadine Pauli, Hebamme und Berufsbildnerin am Kantonsspital Baden, erklärt: «Bei Tokophobie handelt es sich um eine sehr ausgeprägte und wiederkehrende Angst vor der Schwangerschaft und Geburt.» Sie beeinträchtige die betroffenen Frauen im Alltag und äussere sich in Symptomen wie Herzrasen, Schweissausbrüchen, Zittern und Schlafstörungen. Diese können bereits durch den Gedanken an eine mögliche Schwangerschaft ausgelöst werden.
Schwangerschaft trotz Kinderwunsch vermeiden
«Die Frauen fürchten etwa den Verlust der Kontrolle über den eigenen Körper oder ein Ohnmachtsgefühl während der Geburt», sagt Nadine Pauli. Weiter können die Betroffenen Angst vor grossen Schmerzen haben, davor, dass dem Baby etwas zustossen könnte oder sie in der hilflosen Situation nicht ausreichend ernst genommen und unterstützt werden.
Bei gewissen Frauen sind diese Ängste so gross, dass sie eine Schwangerschaft trotz Kinderwunsch um jeden Preis vermeiden. Andere werden zwar schwanger, bestehen aber aus Angst vor einer natürlichen Geburt auf einen Kaiserschnitt.
Primäre und sekundäre Tokophobie
Fachleute unterscheiden zwischen der primären und der sekundären Tokophobie. Die beiden Formen differenzieren sich hauptsächlich in ihren Ursachen. Eine primäre Tokophobie besteht bereits vor einer Schwangerschaft und entwickelt sich häufig schon in der Jugend. «Studien nennen als mögliche Ursachen unter anderem soziale Faktoren, ein geringes Bildungsniveau, ein schlechtes soziales Netzwerk, unbefriedigende Partnerschaften, Horrorstorys von Müttern aus dem eigenen Umfeld oder aus Medienberichten sowie sexueller Missbrauch», sagt Nadine Pauli. Bei der sekundären Tokophobie liegt ein traumatisches Erlebnis im Zusammenhang mit Schwangerschaft oder Geburt als Auslöser vor – beispielsweise eine Fehlgeburt, eine Totgeburt oder medizinische Komplikationen.
Gemäss Studien sind unter zehn Prozent der gebärfähigen Frauen von Tokophobie betroffen. «Das klingt nach wenig. Dennoch ist die Angst häufiger, als angenommen», sagt Nadine Pauli. Sie geht von einer nennenswerten Dunkelziffer aus – auch, weil es sich bei Tokophobie um ein Tabuthema handelt und sich viele Frauen nicht trauen, über ihre Ängste zu sprechen.
Verhaltenstherapie gegen die Angst
Tokophobie ist jedoch kein unabwendbares Schicksal, sondern kann behandelt werden. Die Therapie erster Wahl ist in der Regel eine kognitive Verhaltenstherapie. Liegt ein traumatisches Geburts- oder Schwangerschaftserlebnis vor, kann eine Traumatherapie helfen. Auch Entspannungs-, Achtsamkeits- und Atemübungen oder Alternativmedizin können einen positiven Einfluss haben. Ebenso eine sensible Geburtsvorbereitung: «Dazu zählen etwa ein individueller Betreuungsplan, Gespräche mit anderen betroffenen Frauen oder der Besuch einer Geburtsabteilung», erklärt Nadine Pauli.
Sie rät betroffenen Frauen zudem, sich unbedingt mit ihrer Hebamme, der Gynäkologin, der Hausärztin oder dem Hausarzt auszutauschen. Diese Gespräche helfen womöglich bereits, die Ängste zu lindern. Ansonsten können die Fachpersonen die Frauen an Psychologinnen oder Psychologen weiterverweisen, damit sie gezielte Hilfe erhalten und die Schwangerschaft und Geburt positiv erleben können.

