Vor der Eiskante, irgendwo zwischen dem grönländischen Dorf Qaanaaq und dem Nichts, stehen im Mai 2025 zwei Väter mit ihren Söhnen. Der eine Vater, Aleqatsangiaq Peary (45), ein einheimischer Jäger. Der andere Markus Bühler (56), Fotograf aus Zürich. Neben ihnen: Jonas Nielsen (15), Schüler in Thule, und Nils Bühler (19), Filmstudent an der Westminster University in London. Vor ihnen liegt das Meer – zugefroren, aufgebrochen, ständig in Bewegung. Und irgendwo unter dem Eis: die Narwale.

«Wir hatten beide keine Lust auf Krach»: Markus (l.) und Nils Bühler haben auf der Reise kein einziges Mal gestritten.
SIMON SMY MEYER«Wir haben fünf Tage auf dem Eis gewartet, und nichts ist passiert», sagt Nils Bühler sechs Monate später, zu Hause in der warmen Stube in Rickenbach Sulz ZH. «Das ist dann langweilig. Aber die Grundstruktur von Langeweile ist eigentlich noch cool.»
Sein Vater lacht. Er kennt das Warten, das Land, die Menschen. Seit fast dreissig Jahren reist Markus Bühler in die Region Thule, in den nördlichsten Zipfel Grönlands. «Im Mai waren die Einheimischen gelassen, als es um Trumps Annexionspläne ging. Doch jetzt kommt langsam Sorge auf, ob es tatsächlich passieren wird», sagt Markus Bühler.
Als er 1997 zum ersten Mal kam, war er jung, das Eis dick. «Ich dachte damals, ich würde eine Kultur beim Verschwinden fotografieren», sagt er. Vor zehn Jahren stellte er Bilder von Jägern aus, deren Söhne nicht mehr aufs Eis wollten. Daheim in der Schweiz erzählte der alleinerziehende Vater seinen drei Söhnen von seinen Abenteuern. «Wir spielten Eisbärjagen im Garten, an den Wänden hingen seine Bilder», sagt Nils Bühler.

Getarnt mit einem Segeltuch vor dem Gewehr: Vater Peary folgt seinem Sohn dicht auf den Fersen, als der sich an eine Robbe anschleicht.
SIMON SMY MEYERLetzten Frühling reiste er erstmals mit nach Grönland: der Vater mit dem Fotoapparat, der Sohn mit der Filmkamera. Und sie sehen: Junge Männer jagen wieder. «Ihre traditionelle Lebensweise ist durch den Klimawandel bedroht – aber für viele wieder wichtig geworden», sagt Bühler.
Zwei Generationen, zwei Blicke
Nils Bühler verliert gleich am ersten Tag seine Sonnenbrille. «Sie ist beim Filmen vom Schlitten gefallen, nach ein paar hundert Metern», erzählt er. Sein Vater drückt ihm seine eigene in die Hand. «Ich habe einfach gehofft, dass die nächsten Tage nicht zu sonnig werden», sagt er, obwohl er damals genau weiss, dass die Sonne am 13. Februar zum ersten Mal über den Horizont kommt, und ab dem 21. April nicht mehr untergeht. «Die Helligkeit frisst dir die Augen, wenn du sie nicht schützt.» Markus Bühler hat schmerzhaft gelernt, wie hart das Leben in Thule sein kann. 2003 fror er sich auf dem Eis zwei Zehen ab. «Die Ärztin wollte sie amputieren.» Er hatte Glück. Sie sind noch da.

Eine der ältesten Hunderassen der Welt: Je nach Dauer und Art der Jagd spannen die Jäger 10 bis 15 Grönlandhunde vor ihre Schlitten.
MARKUS-BUEHLERDie beiden Zürcher ziehen mit den einheimischen Jägern auf Schlitten hinaus aufs Eis. Sie schlafen in Zelten, heizen mit Petrol, legen sich abends in ihren Kleidern auf den harten Boden. Und warten. Stundenlang, tagelang. «Du starrst aufs Meer und denkst bei jedem Aufblitzen: Jetzt muss doch einer kommen», sagt Markus Bühler.
Das Warten verändert. «Am Anfang ist es ein Kraftakt. Und plötzlich merkst du: Was für ein Luxus, so viel Zeit zu haben. Nicht jeder hält das aus.» Sein Sohn schon. Nils Bühler spricht mit den Jägern, hört zu, lacht. «Er hat sich sofort integriert, war voll im Thule-Groove», sagt Markus Bühler, hörbar stolz. «Weil viele meinen Vater von früher kannten, hatte ich es leichter», erzählt der Sohn.

Mit Kajak und Harpune: Die Grönland-Inuit jagen Narwale traditionell. Erst wenn ein Wal harpuniert ist, wird er von einem kleinen Motorboot aus mit dem Gewehr erlegt.
MARKUS-BUEHLERAuch mit Jonas Nielsen, der von seinem Vater Aleqatsangiaq Peary das Jagen lernt, versteht er sich gut. Sie sprechen nicht die gleiche Sprache, verstehen sich trotzdem – irgendwie. «Einmal filmte ich ihn, dann rannte er auf mich zu und rief: ‹Merry Christmas, Motherfucker!›», sagt Nils Bühler lachend – einer der wenigen englischen Sätze, die der Schüler aus Qaanaaq kennt, aus dem Film «Kevin – Allein zu Haus».
Vom Jagen und Teilen
Ab und zu tauchen Robben an den Eislöchern auf. Dann beginnt die Jagd. Aleqatsangiaq Peary zeigt seinem Sohn, wie man sich leise nähert. Wird eine Robbe erlegt, muss sie sofort aufgeschnitten werden, bevor das Fleisch gefriert. «Eine besondere Delikatesse sind die Augen», sagt Markus Bühler. «Wer sie bekommt, darf sich geehrt fühlen.» Der Vater erhält sie, der Sohn ist froh, dass er aussen vor bleibt. «Wenn du draufbeisst, zerplatzt das Auge wie ein rohes Ei.»

Auf der Lauer: Ein Jäger wartet auf Robben, die zum Luftholen zwischen den Eisplatten auftauchen.
MARKUS-BUEHLERNur noch wenige Winter
Aleqatsangiaq Peary ist Ur-Ur-Ur-Ur-Enkel von Robert E. Peary, jenem Polarforscher, der im Westen als umstrittener Entdecker der Arktis gilt: Er behauptete, 1909 als erster Mensch den Nordpol erreicht zu haben. Der US-Amerikaner hat auf seinen Expeditionen einige Kinder gezeugt. In der Region ist sein Nachfahre Aleqatsangiaq Peary bekannt – als Jäger, Musiker und Übersetzer für Filmteams und Journalistinnen aus aller Welt.

Ur-Ur-Ur-Ur-Enkel des amerikanischen Polarforschers Robert E. Peary: Aleqatsangiaq Peary, 45, bringt seinem Sohn das Jagen bei.
MARKUS-BUEHLEREr lebt mit seiner Frau und sechs Kindern in einem ockerfarbenen Holzhaus in Qaanaaq, einem Dorf mit 650 Einwohnern, einer der nördlichsten dauerhaft bewohnten Siedlungen der Welt. Vom Wohnzimmer aus beobachtet er täglich mit dem Feldstecher die Veränderung des Eises. Viel Zeit bleibt ihm nicht: Peary hat Parkinson. Seine Hände zittern, doch auf dem Schlitten werden sie ruhig.«Er hat noch ein, zwei Jahre, um mit seinem Sohn aufs Eis zu fahren», sagt Markus Bühler. Danach wird das nicht mehr möglich sein, weil es zu gefährlich wäre.
«Aleq ist wahrscheinlich ein strengerer Vater als ich», so Bühler. «Er überwacht seine Kinder viel mehr, etwa bei den Hausaufgaben.» Er wuchs in einer vom Alkohol zerstörten Familie auf. «Vielleicht will er so seine Kinder schützen.»
Das Warten hat ein Ende
Und dann endlich! Ein Narwal taucht auf. Die Jäger paddeln auf dem Kajak raus aufs Meer – einer von ihnen trifft das Tier mit einer Harpune. Jetzt darf auch Jägerlehrling Jonas Nielsen hinausfahren, um den Wal zu harpunieren. «Die Jagd ist gefährlich und erfordert viel Erfahrung.», sagt Markus Bühler. Bis der junge Jäger als Erster zielen darf, dauert es noch.

Anstrengend und langwierig: Erst stärken sich die Männer mit Mattak, der fettigen Walhaut, dann teilen sie den erlegten Narwal in Stücke.
SIMON SMY MEYERDie Jagd der Inuit wird immer wieder kritisiert – von Tierschutzorganisationen, Aktivistinnen, von Menschen, die das Eis nur aus Dokumentarfilmen kennen. «Dabei ist es doch die nachhaltigste Ernährungsweise. Nichts wird verschwendet. Fleisch wird geteilt, Fett genutzt, Haut verarbeitet», sagt Markus Bühler. Sein Sohn ergänzt: «Wir sitzen in warmen Wohnungen und kritisieren diese Lebensweise, während wir gleichzeitig Dinge aus aller Welt bestellen – die dann mit dem Schiff über die Nordpassage kommen.»

Holzhütte auf Schlitten: Hier wärmen sich die Heilbuttfischer in der Eislandschaft, die vom Spätherbst bis Ende Winter das Leben dominiert.
MARKUS-BUEHLERMarkus Bühler sieht seine Arbeit deshalb auch als Übersetzungsarbeit. Zwischen zwei Welten. Er will zeigen, dass hier keine Vergangenheit konserviert wird, sondern Gegenwart stattfindet. Im nächsten Winter wollen die Zürcher wieder zurück nach Thule. Nicht, um etwas festzuhalten, das verschwindet. Sondern um zu sehen, was bleibt – und was neu entsteht.
Die Arbeiten von Markus und Nils Bühler sind bis am 28. Juni im Museum NONAM in Zürich ausgestellt.

