Für berufstätige Eltern ist es oft eine Herausforderung, die passende Tagesbetreuung für die Kinder zu finden. Es mangelt an Betreuungsplätzen, gibt lange Wartelisten, die Kosten sind hoch. Ausserdem fühlen sich nicht alle Kinder in einer herkömmlichen Kita mit grossen Kindergruppen und wechselnden Betreuungspersonen wohl.
Doch es gibt Alternativen. Tagesfamilien bieten eine feste Bezugsperson, ein familiäres Umfeld und oft flexiblere Betreuungszeiten. Aber auch hier sind freie Plätze rar. Die Online-Plattform Nidino will die Vermittlung von Betreuungspersonen und Familien einfacher machen. Ausserdem stellt das gut zwei Jahre alte Start-up Eltern an, die ihre Kinder zuhause betreuen und gegen Bezahlung weitere Kinder aufnehmen.
Im September 2025 hatte Nidino einen Auftritt in der Schweizer Ausgabe von «Die Höhle der Löwen». Co-Gründerin Sarah D'Aquino erzählt im Interview mit der Schweizer Illustrierten, warum sie während der Betreuung ihres eigenen Sohnes gleich noch weitere Kinder zur Tagesbetreuung aufnahm und wie sie daraus ein Business machte.
Sarah D'Aquino, wie kamen Sie auf die Idee, eine Plattform für Kinderbetreuung zu gründen?
Sarah D'Aquino: Vor elf Jahren kam mein erster Sohn zur Welt. Zuvor hatte ich mir eine Karriere in der Logistikbranche aufgebaut. Dann war ich plötzlich zu Hause mit dem Kind. Ich wollte etwas Sinnvolles für die Gesellschaft machen und auch Geld verdienen. Ich passte sowieso oft auf Kinder aus der Nachbarschaft auf und machte Babysitting-Dienste. Weil mich viele Menschen aus dem Umfeld dafür anfragten merkte ich, dass die Nachfrage da war und ich offenbar ein gutes Gespür für Kinderbetreuung hatte. Da wusste ich, dass ich gerne eine eigene Tagesfamilie gründen möchte.
Warum schickten Sie ihren Sohn nicht in eine Kita oder zu einer anderen Tagesfamilie?
Eigentlich hätte ich mir das zuerst schon gewünscht. Aber in der Kita hat es einfach nicht so gut funktioniert für meinen Sohn und es gab kein passendes Angebot von Tagesfamilien. Dieses Modell schien allgemein stark rückläufig zu sein. Dem will ich mit Nidino entgegenwirken.
Und dann haben Sie Nidino gegründet?
Ich wollte als Tagesmutter nicht selbständig arbeiten, sondern als Sicherheit eine Institution im Rücken haben. Ich habe mich also von einer Stiftung als Tagesmutter anstellen lassen. Doch schon bald merkte ich, dass es in dieser Branche viel Verbesserungspotenzial gibt. Nach etwa fünfeinhalb Jahren habe ich den Schritt gewagt, Nidino zu gründen – gemeinsam mit meinem Geschäftspartner Christian Meyer und Fabienne Hirth. Christian ist vor allem in die Unternehmensentwicklung involviert, Fabienne kümmert sich um Marketing, während ich als langjährige Tagesmutter die Inputs von der praktischen und pädagogischen Seite bringe.

Sarah D'Aquino ist pädagogische Expertin und arbeitet seit vielen Jahren als Tagesmutter. Sie ist Co-Founder von Nidino, der Plattform zur Vermittlung von Tagesfamilien.
Nicole HardeggerFür wen ist Nidino in erster Linie gedacht?
Einerseits für Mütter – oder auch Väter – die zuhause eigene Kinder betreuen und sich wünschen, damit ein Einkommen zu generieren. Auf der anderen Seite für Eltern, die explizit eine Tagesfamilie für ihre Kinder suchen oder auf der Suche nach einer Alternative zur herkömmlichen Kita sind.
Wie funktioniert die Plattform?
Wir sind eben nicht nur eine Plattform, wo es um Suchen und Finden geht, sondern eher ein «Full Service Provider». Wir begleiten beide Seiten von A bis Z. Tagesfamilien suchen wir nach strengen Auswahlkriterien aus und stellen sie bei uns an. Sie werden bei uns weitergebildet und sozialversichert. Wir begleiten und unterstützen sie im Alltag. Eltern können Tagesfamilien über die Plattform suchen und anschreiben, um ein Kennenlernen zu vereinbaren. Auch das begleiten wir.
Warum braucht es diese professionelle Begleitung?
Eltern geben mit ihren Kindern das Wertvollste, das sie haben, in Fremdbetreuung. Eltern möchten darum eine Qualitätssicherung haben. Auf der anderen Seite sollen Tagesfamilien korrekt entlöhnt werden. Tagesmütter machen Menüpläne, Wochenpläne, sind pädagogisch intern und extern aus- und weitergebildet. Da sollten auch der Lohn und die Sozialversicherungen stimmen.
Wie stellt ihr sicher, dass ihr qualifizierte Tageseltern anstellt?
Ich rekrutiere alle unsere Tagesfamilien selber. Zur Zeit haben wir im Kanton Zürich 25 Tagesfamilien. Nach zwei telefonischen Interviews besuchen wir potenzielle Tagesfamilien zuhause und lernen nach Möglichkeit auch die ganze Familie kennen. Wir fordern Strafregisterauszüge von allen über 18-Jährigen Familienmitgliedern ein. Und wir begleiten die Erstkontakte zwischen Eltern und Tagesfamilien und bleiben im regen Austausch. Ausserdem bieten wir unseren Tagesfamilien Weiterbildungen in Form einer internen Lernplattform mit Schulungsmaterial, Videos, Verhaltenskodex etc. und eine Grundausbildung vor Ort bei unserem Dachverband kibesuisse und Ersthilfekurs für Kinder.
Was sind ihrer Meinung nach die Vorteile von Tagesfamilien gegenüber einer Kita?
Eine Tagesfamilie ist für die frühkindliche Entwicklung oft fördernder, weil es kleinere Kindergruppen sind als in der Kita oder in einem Hort. Die Kinder sind weniger gestresst, weil das Bindungsverhalten zu einer einzelnen Bezugsperson ganz anders ist, als wenn die Betreuungspersonen im Schichtbetrieb ständig wechseln. Ausserdem sind Kinder in einer Tagesfamilie viel seltener krank, weil die viel Gruppe kleiner ist sich Viren und Bakterien so weniger verbreiten. Wir sehen uns als Teil des Gesamtangebots der Kinderbetreuung in der Schweiz – Es braucht Kitas genauso wie Tagesfamilien, um eine qualitativ hochwertige Kinderbetreuung zu ermöglichen.
Und warum ist eure Lösung finanziell oft günstiger?
Durchschnittlich zahlen Eltern bei uns bis zu 20 Prozent weniger für die Kinderbetreuung als in einer herkömmlichen Kita. Der Grund ist, dass sie bei uns nur die tatsächlich gebrauchten Stunden zahlen und nicht eine Tagespauschale.
Was ist die Vision von Nidino für die Zukunft?
Unser Ziel ist, dass wir bis Mitte 2026 etwa 50 eigene Tagesfamilien mit 200 Betreuungsplätzen anbieten können. Das Ziel ist also nicht, schnell und finanztreibend zu wachsen. Ein hoher Qualitätsstandard ist uns wichtiger. Wir haben derzeit eine Warteliste für einen einzelnen Stadtkreis für Betreuungsplätze mit etwa 40 bis 50 Kindern, im ganzen Kanton Zürich ist es eine mittlere 3stellige Zahl. Die grosse Herausforderung ist es, den richtigen Match zu finden.
Und ihr persönlicher Wunsch für Kinderbetreuung in der Schweiz?
Ich wünsche mir, dass mehr Menschen anerkennen, wie wertvoll die richtige Betreuungsform ist. Für die Kinder, für die Eltern und für die Betreuungspersonen selber. Eine Tagesfamilie ist nicht einfach ein kleiner Nebenjob oder eine Gefälligkeit. Es ist eine sehr verantwortungsvolle Aufgabe und eine liebevolle Arbeit. Als Tagesmutter öffnest du dein Herz, deine eigene Familie und deine Haustür, damit andere Kinder bei dir ein zweites Zuhause finden. Dafür sollen Tagesfamilien als moderne, professionelle Betreuungsform wahrgenommen werden.

