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Erschreckende Zahlen zu Kindesmisshandlung

Warum nimmt Gewalt in der Erziehung weiter zu?

In der Herbstsession hat das Parlament beschlossen, die gewaltfreie Erziehung gesetzlich zu verankern. Dennoch nehmen die Kindesmisshandlungen zu – wie aktuelle Zahlen aus der Zürcher Universitätskinderklinik zeigen. Regula Bernhard Hug, Direktorin von Kinderschutz Schweiz, über mögliche Gründe.

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Crop close up of little girl child stretch hand show no gesture protest against domestic violence. Small teen child stand against discrimination or school abuse. Childhood problem, voice concept.

Die Haltung der Stiftung Kinderschutz Schweiz ist klar: Erziehung ist Privatsache, Gewalt hingegen nicht. 

Getty Images/iStockphoto

Regula Bernhard Hug, das Kinderspital Zürich hat 2025 insgesamt 570 bestätigte Fälle von Kindesmisshandlungen registriert. Das ist ein trauriger Rekord und ein Plus von über sieben Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Was lösen diese Zahlen bei Ihnen aus?

Sie machen mich traurig. Obwohl ich schon so viele Jahre im Kinderschutz arbeite, trifft mich das jedes Mal. Und diese Trauer ist immer auch verbunden mit der Frage: Wo funktioniert das System nicht? Die Schweiz ist bezüglich Kinderschutz eigentlich gut aufgestellt. Die gewaltfreie Erziehung wird gesetzlich verankert und es stehen niederschwellige Beratungsangebote für alle Beteiligten und auch für Drittpersonen zur Verfügung. Strukturell haben wir eine gute Basis. Und trotzdem gibt es immer mehr Kinder, die so schwer misshandelt werden, dass sie ins Spital müssen.

Haben Sie eine Vermutung, wo das Problem liegt?

Wenn es so weit kommt, dass ein Kind wegen Misshandlung hospitalisiert werden muss, handelt es sich nie um einen einzelnen Vorfall. Hinter diesem Kind liegt ein jahrelanger Leidensweg, eine Gewaltspirale, die sich zuspitzt. Offenbar ist die Hemmschwelle hoch, eine Vermutung zu äussern oder etwas zu melden.

Vielleicht aus Sorge, Unschuldige anzuklagen?

Ja, es braucht Mut, etwas so Schwerwiegendes wie den Verdacht auf Misshandlung anzusprechen. Und wahrscheinlich haben viele Menschen sofort eine polizeiliche Anzeige im Kopf. Oder sie denken, sie müssten gleich eine Kindswohlgefährdung bei der KESB melden. Dabei gibt es auch die Möglichkeit, sich zuerst einmal anonym beraten zu lassen und Beobachtungen gemeinsam mit Fachpersonen zu diskutieren, ohne dass das gleich formelle Konsequenzen hat.


 

Gewalt ist kein einmaliges Ereignis, sondern eine Eskalation, die sich langsam aufbaut.

Regula Bernhard Hug

Also führt nicht jede Kontaktaufnahme mit offiziellen Anlaufstellen zu formellen Schritten?

Nein. Formelle Schritte sind dann angezeigt, wenn man feststellt: Hier passiert etwas systematisch. Wenn ein Kind tagelang nicht raus darf, immer wieder mit blauen Flecken auftaucht oder sich nicht traut, etwas zu sagen. Da gibt es einen Punkt, an dem man handeln muss. Aber viel früher, im Aufbau der Gewaltspirale, wenn man etwas beobachtet, Schreie hört in der Nachbarwohnung oder einfach ein ungutes Gefühl hat, kann man sich zu den Beobachtungen oder Sorgen, die man hat, auch einfach beraten lassen.

Wie konkret?

Man kann zum Beispiel anonym bei der KESB anrufen und eine Fallberatung anfragen. So ist man mit dem unguten Gefühl oder dem Verdacht nicht alleine. Auch bei der Stiftung Kinderschutz Schweiz melden sich immer wieder Menschen mit der Frage, wie sie eine Situation handhaben sollen. Wir helfen dabei, Dinge einzuordnen. Damit man abwägen kann: Übertreibe ich? Oder habe ich hier eine Verantwortung?

In der Schweiz herrscht eine Kultur der Zurückhaltung. Man mischt sich nicht gern in die Angelegenheiten anderer ein. Ist das ebenfalls ein Problem?

Das stimmt. Aber hier muss man differenzieren. Es gibt einen Unterschied zwischen Erziehung und Gewalt. Wie Eltern ihr Kind erziehen, ist Privatsache. Eltern haben hier Freiheit, denn es gibt nicht nur die eine richtige Erziehungsmethode, sondern viele Wege, wie Kinder sich zu gesunden Erwachsenen entwickeln. Gewalt hingegen ist keine Privatsache. Und sie funktioniert auch nicht als Erziehungsmethode. Wenn Erziehung nicht gewaltfrei ist, dann braucht es Unterstützung. Dieses Umdenken beobachten wir gerade in der Gesellschaft. Wir sind an einem Punkt angelangt, an dem die gewaltfreie Erziehung zum Gesetz wird. Dieser Ansatz ist in den frühen Zweitausenderjahren noch gescheitert.

Regula Bernhard Hug

Regula Bernhard Hug ist Direktorin von Kinderschutz Schweiz

zVg

Und trotzdem sorgt Gewalt in der Erziehung für diesen traurigen Rekord im Kispi. Wo sehen Sie die Gründe dafür?

Jahrelang hat Gewalt in der Erziehung abgenommen, und die Zahlen sind heute immer noch deutlich tiefer als in den Neunzigerjahren. Aber die Corona-Krise hat den Abwärtstrend gebrochen, weil sie zentrale Risikofaktoren für Gewalt verstärkt hat: wirtschaftliche Unsicherheit und Gesundheitssorgen.

Wir sind doch längst zurück im normalen Alltag. Warum nimmt Gewalt in der Erziehung weiter zu?

Unsere Gesellschaft steht nach wie vor unter grossem Druck. Es wird ständig von multiplen Krisen gesprochen. Das ist ein zentraler Risikofaktor. Und Verhaltensmuster, die eine Gewaltspirale begünstigen, festigen sich mit der Zeit. Gewalt ist kein einmaliges Ereignis, sondern eine Eskalation, die sich langsam aufbaut.

Welche weiteren Faktoren begünstigen Gewalt in der Erziehung?

Neben gesundheitlichen und finanziellen Sorgen sind es oft auch beengte Wohnverhältnisse, Suchterkrankungen und Gewalt in der Paarbeziehung. Ein wichtiger Faktor ist auch, wie eine Familie sozial eingebunden ist. Und zwar nicht in der digitalen Welt, sondern im realen Alltag.

In der Herbstsession 2025 hat das Parlament beschlossen den Grundsatz der gewaltfreien Erziehung im Schweizerischen Zivilgesetzbuch festzuschreiben. Ab wann tritt das Gesetz inkraft?

Nach Ablauf der Referendumsfrist liegt es nun beim Bundesrat, den Zeitpunkt des Inkrafttretens festzulegen. Ich gehe davon aus, dass der Beschluss noch diesen Monat folgt. 

Sylvie Kempa
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Von Sylvie Kempa am 6. Februar 2026 - 12:00 Uhr