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  4. Kampfzone ÖV: Eltern und Kinder unterwegs zu Stosszeiten

Zu Stosszeiten im ÖV unterwegs

Was Eltern und Kinder in Bus und Zug erleben

Überfüllte Züge, straffer Zeitplan, gestresste Pendler, verstellte Durchgänge – und dann kommen noch ausgerechnet zu Stosszeiten Mütter und Väter mit Kind und Kinderwagen. Geht das? Zwei Redaktorinnen erzählen von ihren Erfahrungen.

Papa reist mit Baby und Kind im Zug

Zu Stosszeiten mit Kind und Baby unterwegs im Zug – mühsam oder gut machbar?

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«Könnten Sie und ihre Kinder das nächste Mal den ÖV bitte ausserhalb der Stosszeiten benutzen?» Ja, diese Frage wurde mir schon mehrfach gestellt. Immerhin, in diesem konkreten Fall hat die Frau wirklich bitte gesagt. Genervt hat es mich trotzdem. Denn wer glaubt, dass Eltern es richtig toll finden, sich mit ihren übermüdeten und hungrigen Kindern um kurz vor sechs Uhr abends abgekämpft in den vollgepackten Bus zu quetschen, liegt – man glaubt es kaum – total falsch! Aber oft ist es halt nicht anders möglich.

Es gibt aber auch positive Erlebnisse. Zwei Mütter aus der Redaktion schildern mit einem Augenzwinkern, was ihnen mit Kindern im ÖV schon passiert ist. 

 

«In Zürich sind Pendler weniger freundlich»

«Nehmt es mir nicht übel, aber ich teile den gesamten öffentlichen Verkehr polemisch in zwei Schubladen: ÖV in Zürich und ÖV im Rest der Schweiz. Als langjährige Pendlerin kann ich auf einen gewissen Erfahrungsschatz zurückgreifen. Ob mit Babybauch oder Kinderwagen, ich fühlte mich unterwegs eigentlich immer gut aufgehoben. Sogar, wenn ich mein Neugeborenes auf einem Zugsitz wickeln musste, schlug mir Sympathie entgegen. Und in Biel ist einmal ein Linienbus rückwärts gefahren, um mich als Hochschwangere noch aufzugabeln.

In Zürich hingegen erlebe ich oft Gereiztheit und sogar Aggressivität unter den Mitreisenden. Mehr, als es mir je in anderen Städten aufgefallen wäre. In meiner zweiten Schwangerschaft hat mich eine offensichtlich frustrierte ältere Frau im Tram sogar in den Bauch geboxt, statt um mehr Bewegungsfreiheit zu bitten. Man regt sich hier schneller auf. Man kommuniziert weniger – oder zumindest weniger freundlich. Das ist eine sehr persönliche Beobachtung. Ich mag damit falsch liegen. Und irgendwie hoffe ich auch, dass es so ist.» – KMY

baby im bus

Solange das Baby im Bus fröhlich vor sich hingluckst, sind die Mitreisenden entzückt.

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«Zuvorkommende Menschen gibt es überall»

«Was? Mit einem Baby zur Stosszeit nach Zürich fahren? IM ZUG? Mein Umfeld fand es eine ziemlich verrückte Idee, das Baby nach dem Mutterschaftsurlaub zur Arbeit mitzunehmen und in der Nähe der Redaktion in die Kita zu geben. Fünf Monate später weiss ich: In meinen Zug- und Tram-Verbindungen hat es meistens genug Sitzplätze für alle.

Es zwar nicht so, dass die Mitreisenden reihenweise aufstehen und mir ihren Platz zur Verfügung stellen, wenn ich mit meinem Baby einsteige – natürlich extra dort, wo es ein Kinderwagen-Piktogramm hat und ich also durchaus Vortritt hätte. Aber hey, mir wäre das vielleicht auch nicht aufgefallen, als ich selber noch keine Kinder hatte. Und für den Kleinen habe ich ja den Sitzplatz immer dabei.

Was mich aber besonders freut (und ehrlich gesagt ein bisschen überrascht): Wenn ich mal ein altes Gefährt mit unüberwindbarer Treppe erwische, packt immer sogleich jemand spontan mit an, oft mit der Bemerkung «ich kenne die Situation». Noch nie musste ich um Traghilfe bitten – so viele zuvorkommende Menschen gibt es überall in der Schweiz. Wunderbar!

Ein weniger nettes Erlebnis hatte ich beim Pendeln mit Baby bloss ein einziges Mal: Als mir eine ältere Dame beschied, ich sei nicht gerade die Gescheiteste, weil ihr in einem halb leeren Tram mein Kinderwagen im Weg stand. Aber da kann der ÖV nichts dafür – ihr wäre mein Wagen wohl auch sonst überall im Weg gestanden. Schade! Hätte sie hineingeguckt, hätte sie ein herzerwärmendes zahnloses Lächeln geschenkt bekommen.» – Christa Hürlimann

Von Edita Dizdar am 16. September 2019