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«Halbe Kinder gibt es nicht»

Was tun, wenn man sich beim Kinderwunsch nicht einig wird?

Es ist die grösste Entscheidung, die ein Paar gemeinsam fällen muss: Möchte man zusammen eine Familie gründen oder nicht? Hegt nur eine Partei einen Kinderwunsch, scheint die Situation ausweglos. Paartherapeut Klaus Heer erklärt, warum sie trotzdem eine Chance sein kann.

Paar, Streit, Kinder

Sind sich Paare bei der Kinderfrage uneinig, kann das sehr schmerzhaft sein.

Getty Images/PhotoAlto

Kommt ein Baby zur Welt, verändert sich für die Eltern alles: Die Prioritäten, der Alltag, die Paar-Beziehung. Das ist für die einen schön und erstrebenswert, löst bei anderen hingegen Ängste und Unbehagen aus. Schwierig wird es, wenn innerhalb einer Beziehung unterschiedliche Ansichten zur Familienplanung vorherrschen. Ein einseitiger Kinderwunsch kann zu einer riesigen Belastungsprobe werden.

Also wie weiter, wenn eine Partei einen Kinderwunsch hegt, die andere aber ohne Nachwuchs durchs Leben gehen möchte? Sollte der- oder diejenige mit dem Kinderwunsch diesen erstmal Ruhen lassen und hoffen, dass sich die Meinung des Partners oder der Partnerin noch ändert? Oder ist es besser, möglichst rasch zu einer Lösung kommen?

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Reden alleine hilft nicht

Weder noch, findet Paartherapeut Klaus Heer, 78. Er sagt: «Zwei derart gegensätzliche Perspektiven laden ein, sich gemeinsam hingebungsvoll mit ihnen zu beschäftigen.» Bloss darüber zu reden, reiche hierbei nicht. Er schlägt vor, Paare aus dem Freundes- und Bekanntenkreis zum Nachtessen einzuladen, die sich bereits für oder gegen Kinder entschieden haben, «und die beiden neugierig und eindringlich über ihre Erfahrungen zu befragen».

Zudem ermutige er Paare, ihre Differenzen als biografische Chancen zu betrachten. «Partner und Partnerin drängen sich nämlich gegenseitig dazu, über ihre unterschiedlichen Überzeugungen noch einmal gründlich nachzudenken», sagt Heer. Ist man sich von Beginn an bei der Familienplanung einig, findet diese Reflexion nicht oder weniger umfassend statt – was später zu Problemen führen kann. Der Paartherapeut sagt: «Junge Paare tun gut daran, sich auf krasse Veränderungen gefasst zu machen, die auf sie warten, wenn sie Eltern werden.» Eine Familie zu werden heisse nämlich unter anderem, dass man hinnehmen muss, dass die Liebe extrem herausgefordert und strapaziert wird.

«Beim Thema Kinderwunsch gibt es keinen Kompromiss»

Doch was tun, wenn man sich trotz des Austauschs mit anderen Paaren und des Hinterfragens der eigenen Position noch immer uneinig ist? «Beim Thema Kinderwunsch gibt es keinen Kompromiss», stellt Klaus Heer klar. Entweder eine Partei komme der anderen vollständig entgegen – oder eben gar nicht. «Halbe Kinder gibt es nicht», so Heer. Zudem sei es ein grosses Wagnis, Kinder zu bekommen. Kinderlos zu bleiben aber auch. 

Kann man sich nun trotz intensivem Austausch in der Kinderfrage nicht einigen, kommt bei vielen irgendwann der Gedanke an eine Trennung auf. Klaus Heer meint dazu: «Loslösung kann tatsächlich die einzige Lösung sein, wenn klar wird, dass es für das Paar keinen Weg gibt, den beide zu gehen bereit und fähig sind.» Ob man eine Familie gründe oder nicht, sei schliesslich eine der fundamentalsten Entscheidungen im Leben. «Ein Mann und eine Frau dürfen sich glücklich schätzen, wenn sie hier eine Einigung finden.»

Anzahl der Kinder von äusseren Faktoren abhängig

Doch auch bei Paaren, die bereits ein Kind oder mehrere haben, kann die Familienplanung zu Spannungen führen. Nämlich dann, wenn sich eine Partei ein weiteres Kind wünscht, die andere nicht. Laut Klaus Heer ist die Frage nach der Anzahl Kinder aber «seltener als man annehmen möchte» ein Streitpunkt in Beziehungen. Gehe es um die Grösse der Familie, würden häufig äussere Faktoren mitspielen. Etwa die Fruchtbarkeit des Paares, die finanzielle Situation und teilweise auch weltanschauliche und religiöse Gründe. 

Der Paartherapeut vermutet zudem, dass es in erster Linie die Frauen sind, welche die Fortpflanzung steuern – also darüber entscheiden, ob eine Familie gegründet wird und wie gross diese sein soll. Schliesslich sind sie von Schwangerschaft, Geburt und Babyzeit stärker betroffen als ihre Männer. Und, so sagt Klaus Heer: «Wer in einem Bereich engagierter ist, sitzt natürlich auch am längeren Hebel.» 

Von fei am 10. Februar 2022 - 07:09 Uhr
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