Sarah Genner, viele Kinder nutzen KI für die Hausaufgaben. Was halten Sie davon?
Das ist nicht grundsätzlich falsch. Wenn ein Kind ein Sprachmodell nutzt, um etwas wirklich zu verstehen, kann dies das Lernen sinnvoll unterstützen.
Wann wird es zum Problem?
Wenn das Tool einfach die Hausaufgabe löst und das Kind dabei gar nicht mehr selbst denkt.
Warum ist es noch wichtig, dass Kinder Rechtschreibung oder Matheformeln lernen, wenn der Computer das erledigen kann?
Weil «Verstehen» und «Ausführen» zwei verschiedene Dinge sind. Wer nie begriffen hat, wie ein Prozentsatz funktioniert, kann das Ergebnis einer Maschine nicht einschätzen. Dasselbe gilt für Sprache: Wer nie gelernt hat, präzise zu formulieren, wird auch einer KI nicht sagen können, was er oder sie eigentlich meint. Es geht somit weniger darum, Formeln auswendig zu können, als darum, ein Gefühl für Zahlen, Logik und Sprache zu entwickeln. Wer kein Grundverständnis für die Kulturtechniken – Lesen, Schreiben und Rechnen – hat, ist gezwungen, Maschinen blind zu vertrauen. Kritisches Denken braucht Grundlagenwissen.

Sarah Genner ist Autorin des Elternratgebers «Medienkompetenz» sowie des Buches «ABC Digital».
zVgWie wirkt sich das Selberdenken auf die Entwicklung aus?
Der Weg durch schwierige Aufgaben trainiert Ausdauer, Problemlösefähigkeit und Frustrationstoleranz. Das sind Fähigkeiten, die keine Maschine ersetzen kann.
Welche Regeln sind wichtig, um einen sinnvollen Einsatz von KI zu fördern?
Eine hilfreiche Faustregel lautet: KI kommt nicht als Erstes und nicht als Letztes. Also erst selbst nachdenken und am Ende das Ergebnis nochmals kritisch prüfen, statt es einfach zu übernehmen. Sinnvoll kann eine KI-Nutzung dann sein, wenn es keine Abkürzung, sondern eine Hilfestellung ist – wenn sich ein Kind einen Begriff erklären lässt, Feedback auf einen selbst geschriebenen Text einholt oder eine eigene Idee weiterentwickeln will. Sinnlos ist es hingegen, wenn das KI-Tool einfach eine fertige Antwort liefert, die abgeschrieben wird. Denn dann findet kein Lernen statt.
Viele Chatbots sind ab 13 Jahren empfohlen. Aus welchem Grund?
Die Grenze von 13 Jahren stammt aus dem amerikanischen Datenschutzgesetz und stellt eine rechtliche Leitplanke dar. Aus psychologischer Sicht ist jedoch nicht das Alter entscheidend, sondern die Begleitung. Kann ein Kind verstehen, dass es mit einer Maschine spricht, und kann es deren Antworten kritisch einordnen?
In welchem Alter kommen Kinder mit KI in Berührung?
Schon Kleinkinder, die auf Youtube Videos schauen oder mit einem Tablet spielen, werden von Empfehlungsalgorithmen beeinflusst. Mit Sprachassistenten wie Siri oder Alexa interagieren manche Kinder bereits im Vorschulalter aktiv.
Ab wann sollte man mit Kindern über KI sprechen?
Sobald Kinder solche Technologien nutzen. Man kann ihnen erklären, dass der Computer beobachtet, was sie mögen, und ihnen dann Ähnliches vorschlägt. Und dass Siri und Chatbots nicht immer wahre Antworten geben.
Ist es sinnvoll, Kinder bis zu einem gewissen Alter abzuschirmen?
Ich bin gegen ein möglichst langes Fernhalten, das ist weder realistisch noch sinnvoll. Kinder wachsen ohnehin mit KI-Systemen auf, oft ohne es zu merken. Aber ebenso falsch wäre ein unkritisches «Je früher, desto besser». Entscheidend ist die schrittweise und altersgerechte Begleitung. Dabei dürfen auch die Risiken angesprochen werden.
Welche Risiken im Zusammenhang mit KI unterschätzen Erwachsene?
Viele Eltern denken zuerst an falsche Antworten oder ungeeignete Inhalte. Das ist wichtig, aber ich denke, dass vor allem die Beziehungsdimension unterschätzt wird. Chatbots wirken dialogisch, verständnisvoll und sind jederzeit verfügbar. Gerade für Kinder kann das emotional sehr attraktiv sein. Die Gefahr ist weniger, dass KI «böse» ist, sondern dass sie zu einer Art Ersatz für echte Beziehungen und Auseinandersetzung wird. Auch das Thema Abhängigkeit wird unterschätzt.
Welche Sorgen haben Sie, wenn Sie einer Generation zusehen, die mit KI aufwächst?
Wenn Lösungen permanent verfügbar sind, besteht die Gefahr, dass Kinder weniger gut lernen, mit Unsicherheit, Sackgassen und Anstrengung umzugehen. Gerade diese Phasen sind zentral für Problemlösefähigkeit und Frustrationstoleranz. KI verändert Lernprozesse. Ob sie diese verflacht oder bereichert, hängt von der Begleitung ab.
Wo sehen Sie das grösste Potenzial von KI für die heranwachsende Generation?
Das grösste Potenzial sehe ich im personalisierten Lernen. KI kann Inhalte erklären, vereinfachen, wiederholen, in verschiedenen Schwierigkeitsgraden darstellen und sich dem Tempo eines Kindes anpassen. Richtig eingesetzt, kann sie Neugier fördern und individuelle Stärken sichtbarer machen.
Und was muss passieren, damit dieses Potenzial tatsächlich ausgeschöpft werden kann?
Neben klaren Leitplanken bei Datenschutz und Nutzungszeit müssen Kinder verstehen, wie solche Systeme funktionieren und wo ihre Grenzen liegen.
Viele Eltern fühlen sich mit der Thematik selbst unsicher. Sehen Sie hier die Schule in der Pflicht?
Insofern ja, als dass die Schule alle Kinder erreicht – unabhängig davon, wie technikaffin das Elternhaus ist. Lehrpersonen müssen keine KI-Profis sein, um jungen Menschen zu helfen, einen sinnvollen Technikeinsatz zu reflektieren. Aber Schulen gehen momentan sehr unterschiedlich mit der Thematik um. Hilfreich wäre, wenn es noch mehr Austausch zwischen Schulen gäbe.
Was ist Ihr wichtigster Tipp für Eltern?
Sprechen Sie mit Ihrem Kind nicht erst, wenn es ein Problem gibt, sondern früh und regelmässig. Interesse und gemeinsame Reflexion sind wirksamer als Kontrolle.

TV-CEO Claudia Lässer lädt ein zum Online-Elternabend «Kids & KI – Chancen und Risiken» (siehe Infobox)
Fabienne Bühler«Hey, Siri, wo erfahre ich mehr?»
Künstliche Intelligenz ist im Kinderzimmer angekommen und prägt – auch unbewusst – den Alltag. Mit einer Online-Veranstaltung zur Elternbildung schafft Swisscom Orientierung. Gastgeberin Claudia Lässer diskutiert mit Medienwissenschaftlerin Sarah Genner, KI-Pionier Werner Odermatt sowie Michael In Albon, Jugendmedienschutz-Beauftragter bei Swisscom, das Thema «Kids & KI – Chancen und Risiken». Sie zeigen das Potenzial und die Herausforderungen von KI im Familienund Schulalltag auf. Am Dienstag, 31. März 2026, ab 20 Uhr, live im TV auf blue Zoom und online auf dem Youtube Kanal von Swisscom. Die Aufzeichnung der Sendung auf swisscom.ch/elternabend.
