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«Ehe für alle»

«Wir sind eine ganz normale Familie»

Nur heterosexuelle Paare dürfen eine Samenspende empfangen. Die Walliserinnen Fabienne Forny und Nicole Berchtold mussten für ihren Kinderwunsch ins Ausland. Das soll sich nun ändern.

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Am liebsten tollen die Kinder im Park vor dem Stockalperschloss in Brig VS. Im Barockbau gaben sich die Mütter das Jawort.

Joseph Khakshouri

«Mama, Mami, lüeget!» Leane, 6, Lias, 4, und Ellen, 4, hüpfen hin und her über ein ausgetrocknetes Bächlein, das den Park des Stockalperschlosses in Brig VS durchzieht. «Mama» Nicole Berchtold, 42, und «Mami» Fabienne Forny, 41, spielen mit ihren drei Kindern dort, wo ihre aussergewöhnliche Reise zum Familienglück startete.

Die Oberwalliserinnen lernen sich 2004 an der Briger Fasnacht, dem «Gätsch», kennen, daraus entsteht eine Liebesbeziehung. Acht Jahre später tragen sie im Schloss ihre Partnerschaft ein. «Wir hatten einen schönen Apéro im Park», schwärmt Forny. Auf gemeinsamer Weltreise wird klar: Sie wollen eine Familie gründen. Doch wie? Nur heterosexuelle Paare dürfen Gebrauch von Volladoption und künstlicher Befruchtung machen.

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Nicole Berchtold, 42, und Fabienne Forny, 41 (r.), bilden mit Ellen, 4, Leane, 6, und Lias, 4, (v. l.) eine Regenbogenfamilie.

Joseph Khakshouri

Eine schwere Zeit

Die beiden machen den Umweg über Dänemark, wo die Samenspende für Frauenpaare legal ist. Das erste Gespräch mit der Klinik findet 2012 per Video statt. Darauf folgen mehrere Reisen nach Kopenhagen für Tests und Eingriffe.

Meist fliegt Forny alleine, da sie die Kinder austragen soll. «Die Termine hängen vom Zyklus ab. Je nach Arbeitgeber kann nicht jede spontan freinehmen», erklärt Berchtold. Drei Inseminationen schlagen fehl. «Das war eine schwere Zeit», erinnert sie sich. «Aber wir gaben nie auf.»

Die Ärzte versuchen es mit künstlicher Befruchtung. Die Chance auf Erfolg beträgt nur 30 Prozent. Endlich! Der Test ist positiv! Leane kommt 2014 in Visp VS zur Welt. Zwei Jahre später nach erneuten Reisen und Versuchen folgen die Zwillinge Lias und Ellen, wiederum vom selben Spender. Die Kinder dürfen ihn ab Volljährigkeit kennenlernen, wenn sie wollen. Die Mütter kennen den Spender nicht. Sie entschieden nur über einige äussere Merkmale wie Grösse und Augenfarbe.

Da bei der Geburt kein Kindsvater bekannt ist, schaltet sich die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde ein. Kann sie keinen Vater in die Pflicht nehmen, setzt sie normalerweise einen Beistand ein. Deshalb erklärt Fabienne Forny ihre Situation ausführlich.

«Wir merkten, das war Neuland für die Behördenvertreter. Aber sie zeigten Verständnis und schlossen den Fall ab.» Seit 2018 ist die Stiefkindadoption für gleichgeschlechtliche Partner erlaubt. Darum wird Nicole Berchtold 2019 nach erneutem Papierkrieg und Gespräch offiziell Mutter der drei. «Wenn wir in die Gesichter unserer Kinder schauen, hat sich der ganze Weg gelohnt. Wir sind überglücklich, so eine tolle Familie zu haben», stimmen beide überein.

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Beim Zvieri und Kartenspiel amüsiert sich die Familie prächtig.

Joseph Khakshouri

«Jeder sollte dieselben Rechte haben»

Und wie kommt eine Regenbogenfamilie im Wallis an? «Wir sind froh, dass unsere Familien und Freunde tolerant und aufgeschlossen sind. Wir haben auch noch nie Diskriminierung erfahren.» Das Glück wiegt die Gesamtausgaben von 20'000 bis 30'000 Franken für Flüge, Hotelnächte und Behandlungen auf.

«Viel schwerer wog die psychische Belastung! Nicole fehlte mir, die Organisation und die Reisen belasteten mich sehr. Dazu kamen die fremde Umgebung und Sprache. Niemand sollte einen solchen Aufwand haben, um eine Familie zu gründen.»

Am Mittwoch hätte der Nationalrat homosexuelle Paare heterosexuellen gleichstellen können, inklusive Volladoption und Samenspende. Doch der Entscheid zur «Ehe für alle» wurde wegen der längeren Debatte zu den Corona-Nachtragskrediten kurzfristig vertagt. Forny hofft, dass die komplette Gleichstellung in der Schweiz bald Realität wird. «Jeder sollte dieselben Rechte haben. Schliesslich sind wir eine ganz normale Familie.»

Von Onur Ogul am 04.06.2020
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