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  4. Coronavirus: Sind Eltern zum Homeschooling verpflichtet?

Frage an oberste Lehrerin

Zu wie viel Homeschooling sind Eltern verpflichtet?

Viele berufstätige Eltern stehen in der Coronakrise unter doppelter Belastung: Sie sollen neben der Arbeit auch den Unterricht ihrer Kinder von zuhause aus übernehmen. Wie viel Spielraum ihnen dabei bleibt und wie sie selbst sich als berufstätige Mutter nun organisiert, verrät die oberste Lehrerin der Schweiz, Dagmar Rösler, im Interview.

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Ausnahmesituation: Viele Eltern müssen in der Coronakrise Home-Office und Home-Schooling unter einen Hut bringen.

Valeriano Di Domenico

Dagmar Rösler, sitzen Sie im Home-Office?
Ja, wir sind hier zu viert zu Hause. Meine beiden Kinder arbeiten für die Schule, während mein Mann und ich unseren Berufen nachgehen.
 
Und wie läuft das so bei Ihnen?
Ich bin in der glücklichen Lage, dass meine Kinder keine Rundumbetreuung mehr benötigen. Sie sind in der 6. und 9. Klasse und erledigen ihre Aufgaben für die Schule relativ selbständig. Wenn sie Hilfe brauchen oder eine Frage haben, müssen wir halt die Arbeit schnell liegen lassen. Bis jetzt war es so, dass die Kinder am Vormittag ihr Programm für die Schule machen und am Nachmittag anderen Tätigkeiten nachgehen.

«Den Lehrern ist bewusst, vor welchen Problemen die Eltern zuhause stehen.»

LCH-Präsidentin Dagmar Rösler
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Nach einer Woche Fernunterricht im ganzen Land – tönen alle Rückmeldungen, die sie erhalten, so entspannt?
So entspannt ist es auch bei uns nicht immer! Es ist natürlich für alle eine Herausforderung. Eltern wie Lehrer wurden völlig unvorbereitet in diesen Ausnahmezustand geschickt. Ich kann Ihnen versichern, dass den Lehrern bewusst ist, vor welchen Problemen die Eltern zuhause stehen. Und wie die Eltern die Situation wahrnehmen ist natürlich sehr individuell. Ein Problem ist sicher, dass von einem Tag auf den anderen die festen Strukturen wegfallen. Fester Schulbeginn am Morgen, eine feste Pause …

Also empfehlen Sie Eltern, eine Art Stundenplan einzuführen?
Stundenplan wäre wohl etwas zu viel. Aber klare Strukturen in Form von fixen Lernzeiten können sicher helfen, das ist zuhause aber natürlich viel schwieriger umzusetzen, als in der Schule. Aber gewisse Abmachungen sind sinnvoll. Eltern können zum Beispiel festlegen, dass das Home-Learning um halb Neun Uhr beginnt und bis am Mittag dauert. Wenn das Kind in dieser Zeit seine Aufgaben erledigt, hat es am Nachmittag frei. Sonst kann es am Nachmittag weiter daran arbeiten.

«Es ist nicht verboten, die Aufgaben der individuellen Situation anzupassen.«

Dagmar Rösler

Das wären dreieinhalb Stunden Schule am Tag – ist das der ungefähre Schnitt, der erwartet wird?
Die Lehrerinnen und Lehrer sind sich sehr bewusst, dass Eltern zuhause nicht jeden Tag sieben oder acht Lektionen geben können. Aber ja, ich denke, so zwei bis vier Stunden sind eine gute Norm. Das kommt halt auch immer auf das Alter der Kinder an.

Machen Eltern sich strafbar, wenn sie den Lehrplan nicht einhalten?
Strafbar macht sich damit niemand. Es ist nicht verboten, die Aufgaben der individuellen Situation anzupassen. Und ich bin sicher, wenn man das Gespräch zur Lehrperson sucht und die Situation beschreibt, findet man auch eine Lösung. Oft machen sich Eltern aber auch viel Druck, weil sie nicht wollen, dass ihre Kinder etwas verpassen oder in Verzug geraten. Da muss man sich als Mutter oder Vater bewusst sein, dass wir uns in einer ausserordentlichen Lage befinden. Es reicht, wenn alle das machen, was drin liegt.
 
Angenommen, ich hätte jetzt endlich mal Zeit, mit meinen Kindern einen Vormittag im Wald zu verbringen, was wir in Normallage ja nie können, muss aber mit ihnen Schulstoff büffeln. Was hat nun Vorrang?

Bei den Aufgaben, welche die Lehrpersonen verteilen, geht es nicht nur darum, eine Liste mit Punkten zum Abhaken zu schaffen. Da muss man unterscheiden zwischen Aufgaben die tatsächlich erledigt werden müssen und solchen, die mehr als Ideenlisten gedacht sind. Manchmal sind es auch einfach Vorschläge, wie man Kinder beschäftigen kann. Und es geht weniger um die Kinder, die mit ihren Eltern sowieso sinnvolle Ausflüge oder Beschäftigungen unternehmen, als um diejenigen, welche zuhause sonst den ganzen Tag vor dem Fernseher sitzen. Chancengerechtigkeit ist ein grosses Thema in den Schulen. Diese Unterschiede aufzufangen, wenn die Schule wieder losgeht, wird eine Herausforderung sein.

«Ich rate Eltern unbedingt, ihre Sorgen und Fragen mit der Lehrperson zu besprechen.»

Dagmar Rösler

Wenn der Lernerfolg so stark vom sozialen Umfeld der Kinder abhängt, wäre es nicht sinnvoll, alle Kinder ein Schuljahr wiederholen zu lassen, um Gerechtigkeit zu schaffen?
Darüber nachzudenken, ist zum jetzigen Zeitpunkt noch zu früh, wir wissen ja jetzt noch nicht, wie lange die Schulen wirklich geschlossen bleiben.

Was raten Sie Eltern, die sich überfordert fühlen mit dem Homeschooling?
Wichtig ist, dass Eltern, die unter Druck stehen, nicht das Gefühl haben, sie müssten auf Biegen und Brechen alles, was auf der Liste steht, abhaken. Lehrerinnen und Lehrer wissen ganz genau, was zuhause gerade abgeht und ich rate Eltern unbedingt, ihre Sorgen und Fragen mit der Lehrperson zu besprechen. Aber: Melden Sie sich wenn möglich zu den von der Schule kommunizierten Kontaktzeiten.

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Dagmar Rösler ist Präsidentin des Dachverbands Lehrerinnen und Lehrer Schweiz LCH und zweifache Mutter.

Kurt Reichenbach
Von Sylvie Kempa am 24.03.2020
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