Revolution auf dem roten Teppich! Turnschuhe, Jeans und bunte Pullis statt Smoking, Stöckelschuhe und Galakleid. Dichtes Gewusel und fröhliches Lachen statt Smalltalk in den historischen Gefilden. Mehr als 80 Mädchen und Buben im Alter zwischen 7 und 16 Jahren, alle mit einem Instrument, erobern das Opernhaus Zürich – vorerst noch im Foyer und in den Gängen, im 2026 aber auf der grossen Bühne! Die jungen Musiker und Musikerinnen bilden die erste Garde eines innovativen und spannenden Projekts von Opernhaus-Intendant Matthias Schulz (48): ein Kinderopernorchester!

Frischer Wind in alten Gemächern: 80 Musiker-Kids aus Zürich und Umgebung bilden das Kinderopernorchester des Zürcher Opernhauses.
Kurt Reichenbach«Für uns als Opernhaus ist es wichtig, uns mit der nächsten Generation zu verknüpfen», so Schulz. «Das Kinderopernorchester kann dazu die ideale Brücke bilden. Denn einerseits gibt es im Kanton Zürich ganz fantastische Musikschulen mit vielen talentierten jungen Musikerinnen und Musikern, die uns von Anfang an grossartig unterstützen. Andererseits haben wir das Orchester der Oper Zürich, dessen Mitglieder zusammen mit Lehrpersonen der Musikschulen bei diesem Projekt als Mentoren fungieren.» So entstehe ein spannender Dialog: «Die Kinder erfahren, was es bedeutet, auf grosser Bühne in einem grossen Orchester zu spielen. Und die Orchestermusiker kriegen mit, was es heisst, Kindern ihre Arbeit zu vermitteln.» Und überhaupt: «Es weht ein toller Luftzug durch das Haus, wenn die Kinder da sind!»

Lucinda Szypura (10) aus Küsnacht: «Meine Brüder spielen Klavier und Cello», erzählt Lucinda. «Als sie übten, war mir langweilig, da wollte ich auch ein Instrument lernen: Geige!» Sie ist talentiert, hat eine gute Technik und einen schönen Ton. Das Kinderopernorchester findet sie «megacool».
Kurt ReichenbachLucinda aus Küsnacht ZH ist elf Jahre alt und spielt schon seit sechs Jahren Geige. Sie ist technisch sehr versiert und spielt im Kinderopernorchester vorne in der ersten Geige. «Das ist megacool!», sagt sie und strahlt. «Ich habe früher bereits in einem kleinen Orchester gespielt, aber das hier ist etwas ganz anderes: so gross, so viele Leute – und es klingt auch megacool!»
Weiter hinten im Kinderorchester thront Tim auf einem hohen Sitz. Damit er genügend Halt hat, um seinen schweren Kontrabass zu halten, hat man ihm ein Fussbrett an den Bassstuhl montiert. Mit konzentriertem Blick aufs Notenpult vor ihm führt er mit kräftigem Zug den Bogen über die dicken Saiten, und verleiht so dem Orchesterklang sonore Substanz. Auch er ist begeistert: «Mit so vielen Leuten zusammen zu spielen, macht Spass.» Den Bass-Part, den er zu spielen hat, findet er nicht einmal so besonders schwer. Ob er viel dafür übt? «Manchmal schon, manchmal auch nicht», sagt Tim und lacht verschmitzt. Kein Wunder, denn er ist neben der Musik auch ein begeisterter Biker.

Tim Welti (11) aus Herferswil: Ein Umweg führte ihn zum Kontrabass: «Meine Schwester spielt Fagott und musste mal zum Service», erzählt Tim. «Beim Instrumentenbauer entdeckte ich einen Kontrabass im Keller – und wollte lernen, den zu spielen.» Am Kinderopernorchester findet er cool, «mit so vielen Leuten zusammen zu spielen».
Kurt ReichenbachDer Wunsch, etwas zu lernen
Es ist erstaunlich, wie 80 Kinder im Probesaal eine konzentrierte Ruhe halten können. Gianandrea Noseda (61) der italienische Dirigent von Weltruf und Generalmusikdirektor des Opernhauses Zürich, tritt ans Pult und hebt den Taktstock. Es ist das erste Mal, dass er vor dem Kinderopernorchester steht, und er weiss nicht, was ihn erwartet. «Bereit? Dann let’s go! Avanti!», ruft er in freundlichem, aber bestimmtem Ton und gibt den Auftakt: «Eins, zwei!» Das Ensemble rattert los mit der berühmten Ouvertüre aus der Oper «Carmen» von George Bizet. Die ersten zwei Takte sind noch nicht ganz koordiniert, doch dann formt sich der Klang schnell zu einer harmonischen Einheit, verblüffend rein und präzise gespielt.

Als Dirigent ein Weltstar: Generalmusikdirektor Gianandrea Noseda macht die Arbeit mit den Kindern viel Freude!
Kurt ReichenbachMan glaubt kaum, dass hier Kinder am Werk sind! Dem Gesichtsausdruck von Maestro Noseda ist abzulesen, dass er nicht nur positiv überrascht ist vom Können der Kids, sondern dabei auch eine Menge Spass empfindet: Er strahlt förmlich, tanzt auf dem Podest, gestikuliert, erklärt, hört zu – und unterbricht, um Passagen zu erklären oder einzelne Stimmgruppen zu optimieren.
Immer wieder lobt er die Orchesterkinder, wenn eine Stelle besonders gut geklungen hat, mit einem begeisterten «Bravi!». Man spürt: Hier wächst etwas zusammen, das eine Magie in sich trägt – die Erfahrung und Weisheit eines grossen Dirigenten und die authentische Spielfreude einer jungen Musikgeneration. «Mit diesen Kindern zu arbeiten, ist wie auf ein weisses Blatt Papier zu schreiben», sagt Noseda. «Man spürt die Unschuld, die Energie und den Wunsch, gemeinsam etwas zu lernen und etwas zu leisten. Man ist ein Lehrer, darf aber nicht aufhören, Dirigent zu sein – und ist ab und zu auch der gute Onkel, der einen Witz macht und ein Auge zudrückt.»

Loretta Sommer (11) aus Zürich: Seit sechs Jahren spielt Loretta Trompete. «Sie war von Anfang an mein Lieblingsinstrument.» Weil Loretta auch Tauchen und Karate liebt, fasziniert sie nicht zuletzt die Kontrolle der Atmung, die man dabei lernt. Am Kinderopernorchester mag sie den Klang: «Es tönt so schön mit den Streichern dabei.»
Kurt ReichenbachMusikerpersönlichkeit entwickeln
Dass die Kinder bereits bei der ersten Probe mit dem Maestro so gut abliefern, ist kein Zufall. Dahinter stecken viele Stunden des Übens, liebevolle Kleinarbeit mit den Musiklehrerinnen und -lehrern an den Musikschulen und Coaching-Sessions mit den Instrumentalistinnen und Instrumentalisten des Opernhausorchesters. Hier spielt Ann-Katrin Stöcker, stellvertretende Studienleiterin und Solo-Repetitorin am Opernhaus Zürich, eine entscheidende Rolle. Die Dirigentin leitet die meisten Proben und mit Noseda auch das Kinderopernorchester. Einzigartig an diesem Projekt sei, «dass die Kinder eine vielschichtige Musikerpersönlichkeit entwickeln können, weil sie einander im Hören, Sehen und Fühlen zugewandt sein müssen. Im Orchester lernst du zuzuhören. Das ist etwas anderes, als wenn du im Kämmerlein für dich selber spielst.»
Das Repertoire ist dabei anspruchsvoll und gehört zur Literatur, die für gewöhnlich nur von professionellen Orchestern gespielt wird. Angeleitet von Lehrpersonen aller 36 Musikschulen des Kantons Zürich sowie von erfahrenen Orchestermitgliedern erarbeiten die Kinder Ausschnitte aus den Opern «Carmen» und «Hänsel und Gretel».

Nelio Aschwanden (12) aus Rüti: Eigentlich ist er Schlagzeuger in einer Band. Doch vor einem Jahr wollte Nelio mehr und fing mit klassischer Perkussion an. «Mir gefällt, dass ich da mit viel mehr Instrumenten spiele», sagt er. «Das Kinderopernorchester macht mir sehr viel Spass – auch weil ich so die klassische Musik besser kennenlerne.»
Kurt ReichenbachDen Gesangspart übernehmen renommierte Solistinnen und Solisten. Vom 25. Mai bis 28. Juni führen die jungen Klassikstars des Zürcher Kinderopernorchesters die Werke auf: dreimal auf der Hauptbühne des Opernhauses und dazu im Stadthaus Winterthur, in der Stadthalle Dietikon sowie im Vorprogramm des Open-Air-Konzerts «Opernhaus für alle» – auch für ihre Familien und Schulkolleginnen und -kollegen, die zu den Konzerten eingeladen werden. Vorher gibts ein Probenwochenende auf der Musikinsel Rheinau, wo dem Ganzen der letzte Schliff verpasst wird, aber auch neue Freundschaften geschlossen werden.

Marc Boller (11) aus Fällanden: Angefangen hat bei ihm alles mit Rockgitarre und Klavier. Dann beschloss der musikbegeisterte Marc, auch noch die Oboe und das Englischhorn zu erlernen. Er spielt bereits im Jugendsinfonieorchester Winterthur, aber die Bühne des Opernhauses ist für ihn schon speziell: «Sie ist gross!»
Kurt ReichenbachIntendant Matthias Schulz lanciert nicht zum ersten Mal ein Kinderorchesterprojekt. Er hat dies bereits in Salzburg und Berlin an der Staatsoper unter den Linden erfolgreich getan. Was ihn dabei fasziniert: «Es zeigt Kindern, die ein Instrument lernen, dass man etwas Tolles erreichen kann, wenn man sich anstrengt. Es ist wie beim Joggen: Macht man es mit einer grossen Gruppe, läuft man automatisch weiter und schneller, als wenn man es allein macht.»
