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Romina weiss Rat

Bringt späte Einschulung wirklich Lern-Vorteile?

Der Trend ist deutlich: Immer mehr Eltern stellen ihre Kinder ein Jahr zurück. Oft im Glauben, ein später Kindergarteneintritt bringe langfristig schulische Vorteile. Familienexpertin Romina Brunner geht dieser Annahme auf den Grund.

Romina Brunner, SI Online Familien Bloggerin, bei sich zu Hause in Birchwil ZH, am 09.11.2018, Foto Lucian Hunziker

Die Einschulungsfrage beschäftigt auch unsere Familienexpertin Romina Brunner, deren Tochter im Sommer in den Kindergarten kommt.

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Romina Brunner, SI Online Familien Bloggerin, bei sich zu Hause in Birchwil ZH, am 09.11.2018, Foto Lucian Hunziker
Romina Brunner

Journalistin und Mutter von zwei Kindern

Meine Tochter, 3 ist im Juli geboren und kommt nächsten Sommer in den Kindergarten. Nun raten uns verschiedene Personen von der Einschulung ab. Nicht weil sie meiner Tochter den Kindergarten nicht zumuten, sondern weil sie glauben, dass unser Kind durch eine Rückstellung bessere Chancen in der Schule hat. Ist dies belegt? – Ricarda

Liebe Ricarda

Deine Anfrage lässt mich schmunzeln. Unsere Jüngste ist auch im Juli geboren. Auch sie wird im Sommer eingeschult und auch wir wurden von unserem Umfeld mit ähnlichen Argumenten konfrontiert. «Lasst das Kind möglichst lange Kind sein», hiess es. Oder «Der Kindergarten ist verschult.» Der Ernst des Lebens beginne früh genug, sagten unsere Bekannten. «Denkt an die Berufswahl, die Entscheidung überfordert später gerade die Jüngeren.»

Fragt Romina!

Habt ihr auch ein Thema, das euch beschäftigt? Dann schreibt ein Mail an romina@schweizer-illustrierte.ch

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Romina Brunner geht die frühe Einschulung gelassen an

Ich habe mir solche Gedanken gar nie gemacht. Mein Muttergefühl sprang auch nicht an, als ich vor einem Jahr realisierte, dass unser Kind nächsten Sommer in den Kindergarten kommt.

Generell bin ich der Meinung, dass nicht alle Eltern ihre von Mai bis Juli Geborenen zurückstellen können. Was passiert dann mit den April-Kindern? Unsere Tochter hatte aber auch immer schon Kontakt zu älteren Kindern. Sie kann sich durchsetzen, kommt mit An- und Ausziehen ihrer Kleidung selber zurecht, malt und spielt Memory wie eine Grosse. Sie steht gerne früh auf und ist im Strassenverkehr bewandert. Wir verspüren auch keinen Druck, eine Gymnasiastin heranzuziehen und sollte sie bis Ende Oberstufe nicht wissen, was sie für einen Beruf erlernen will, macht sie halt ein Überbrückungsjahr und lernt eine Sprache.

«Rückstellungen sind nur in seltenen Fällen wirklich sinnvoll.»

Dr. Noortje Vriends, Leiterin Zentrum für Frühförderung des Kantons Basel-Stadt

Liebe Ricarda, es gibt unbestritten Fälle, in denen ein späterer Schuleintritt Sinn macht. Doch diese sind laut Noortje Vriends, Leiterin des Zentrums für Frühförderung des Kantons Basel-Stadt nicht oft der Fall. «Rückstellungen sind nur in seltenen Fällen wirklich sinnvoll. Beispielsweise, wenn ein Kind nicht kindergartenbereit ist und in einem weiteren Jahr Zuhause etwas nachholen soll, was es aus irgendwelchen Gründen verpasst hat, etwa wegen einer längeren Krankheit», so Vriends.

Für die Entwicklung des Kindes seien das Förderangebot des Kindergartens sowie die Erfahrungen, die es in und mit der Kindergruppe sammelt, durch private Massnahmen kaum ersetzbar. Es gehört zu den Aufgaben einer Kindergartenlehrpersonen, mit dem individuellen Entwicklungsstand der Kinder umzugehen.

Rückstellungen können zu Problemen führen

Langfristig betrachtet können Rückstellungen bei der Einschulung sogar zu Problemen führen, warnt Vriends. «Die körperliche Entwicklung des Kindes schreitet voran. Älter als die anderen Kinder zu sein, kann zum Nachteil werden», so die Fachfrau. Mittlerweile wisse man aus diversen Studien zum Thema Klassenwiederholung, die vergleichbar mit einem verspäteten Kindergarteneintritt sei, dass eine Rückstellung um ein Jahr auf lange Sicht hinaus meistens mehr Nachteile als Vorteile mit sich bringt.  

Doch was ist mit dem «schulischen Vorteil»? «Diese Annahme spiegelt einen gesellschaftlichen Leistungsdruck. Ein älteres Kind bringt bessere Leistungen, heisst es», so Vriends. «Doch wissenschaftliche Studien weisen keinen Vorteil eines verspäteten Kindergarteneintritts nach.» Ausserdem gebe es sogar einen internationalen Trend, mit der obligatorischen Schule noch früher zu beginnen.

Freizeit statt Förderangebote

Liebe Ricarda, ich rate dir von Herzen, dass du auf dein Muttergefühl hörst. Wir haben November und bis zum Sommer passiert bei deiner Tochter noch so viel!

Solltest du dein Kind wie vorgesehen einschulen, würde ich aber noch bewusster darauf achten, dass du ihre Freizeit nicht mit anderen Förderangeboten verplanst. Wenn sie nach dem Kindergarten noch ins Tanzen, Schwimmen und in den Musikunterricht muss, könnte das schnell zu viel sein. Zudem gibt es die Möglichkeit, sollte deine Tochter vor dem Schuleintritt nicht die erhoffte Reife haben, ein Kindergartenjahr anzuhängen!

Herzlich,
Romina

Unsere Expertin für Familienfragen

Nie waren Eltern so gut informiert wie heute. Und nie war es schwieriger, im Dschungel aus Ratgebern und Internetforen den besten Weg für den eigenen Nachwuchs zu finden. Unsere Familien-Expertin Romina Brunner, 39, hilft, Ordnung zu schaffen. Regelmässig berät die zweifache Mutter und Journalistin die SI-Family-Community zu Themen und Fragen aus dem Familienalltag.

Von Romina Brunner am 23.11.2020
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