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Übertrieben oder sinnvoll?

«Die Abnehmspritze ist für viele Kinder eine Erleichterung»

Seit Mai 2025 übernimmt die Krankenkasse die Behandlung mit dem Wirkstoff Semaglutid bei Kindern und Jugendlichen mit starkem Übergewicht. Doch eine Ärztin kritisiert die strengen Vorgaben. Sie fände es besser, wenn man schon früher eingreifen könnte.

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<p>Die Abnehmspritze ist kein Wundermittel – doch sie kann helfen, gefährliche Folgen des Übergewichts zu reduzieren.</p>

Die Abnehmspritze ist kein Wundermittel – doch sie kann helfen, gefährliche Folgen des Übergewichts zu reduzieren.

Getty Images

Viele Kinder mit Übergewicht leiden enorm. Sie haben häufiger einen erhöhten Blutdruck, geraten schneller ausser Atem und kämpfen oft mit Schmerzen in den Gelenken. Auch psychisch ist es für Betroffene eine Belastung, da sie aufgrund ihres Gewichts gemobbt oder ausgegrenzt werden und deshalb ein geringes Selbstwertgefühl haben.

Dunja Wiegand, Fachärztin für Pädiatrie und Leiterin der Adipositas-Sprechstunde am Ostschweizer Kinderspital, sagt: «Diese Kinder essen nicht einfach zu viel Pasta zum Zmittag und bewegen sich zu wenig. In vielen Fällen haben sie bereits eine ‹Essstörung›.» Für sie sei Essen nicht bloss dazu da, satt zu werden, sondern auch dazu, Gefühle wie Trauer, Frust oder Langeweile zu regulieren.

Einfachere Anwendung

Wiegand behandelt Kinder und Jugendliche, die meist einen langen Leidensweg hinter sich haben und trotz vieler Versuche nicht abnehmen konnten. Die Abnehmspritze könne in solchen Fällen eine grosse Hilfe sein, sagt sie, damit die Patienten und Patientinnen ihr schweres Übergewicht loswerden. Dadurch können wiederum Folgeerkrankungen wie Bluthochdruck, Fettleber oder Diabetes verhindert werden.

Seit Mai 2025 dürfen Ärztinnen und Ärzte die Abnehmspritze mit dem Wirkstoff Semaglutid für Kinder und Jugendliche ab zwölf Jahren über die Krankenkasse abrechnen – befristet auf drei Jahre. Diese Änderung vereinfacht die Anwendung, da das Medikament nur einmal pro Woche gespritzt werden muss. Beim bisher zugelassenen Medikament mit dem Wirkstoff Liraglutid ist eine tägliche Spritze notwendig. 

<p>Die Abnehmspritze zügelt den Appetit und bewirkt, dass Kinder und Jugendliche nicht mehr ständig ans Essen denken müssen.</p>

Die Abnehmspritze zügelt den Appetit und bewirkt, dass Kinder und Jugendliche nicht mehr ständig ans Essen denken müssen.

IMAGO/HalfPoint Images

«Wäre sinnvoll, früher eingreifen zu können»

Dunja Wiegand

Damit die Krankenkasse die Kosten für die Behandlung übernimmt, muss der BMI eines Kindes umgerechnet einem BMI von 35 bei Erwachsenen entsprechen. Die Expertin kritisiert, dass – anders als bei Erwachsenen – bereits bestehende Begleiterkrankungen wie Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen oder eine Diabetesvorstufe bei Kindern und Jugendlichen nicht berücksichtigt werden, wenn entschieden wird, ob die Krankenkasse die Behandlung übernimmt.

«Es wäre sinnvoll, in gewissen Fällen früher eingreifen zu können», sagt sie. Zum Beispiel bei Kindern, die genetisch ein höheres Risiko für Diabetes hätten oder sehr stark und schnell zunehmen würden. Zudem hoffe sie, dass das Mindestalter bald von zwölf auf zehn Jahre gesenkt werde. «In der Sprechstunde gibt es zahlreiche Kinder in diesem Alter, die schon ein erhebliches Übergewicht zeigen und weiter rasant zunehmen».

Erfolge wirken motivierend

Laut der Expertin ist die Abnehmspritze für viele Kinder und Jugendliche eine Erleichterung. «Die meisten erleben zum ersten Mal, wie es ist, nicht mehr ständig ans Essen denken zu müssen und einen unbändigen Appetit zu haben.» Endlich Erfolge zu sehen beim Abnehmen, motiviere sie dazu, mehr Sport zu machen. «Sie sind aktiver und verspüren wieder mehr Lebensfreude.»

Einen Run auf die Spritze, wie ihn die Krankenkassen befürchteten, hat Wiegand nicht beobachtet. «Eltern kommen nicht zu uns und verlangen die Abnehmspritze. Die meisten Familien sind am Ende ihrer Kräfte.» Oft sei ihnen gar nicht bewusst, dass die Abnehmspritze für übergewichtige Kinder überhaupt schon zugelassen ist und von der Krankenkasse vergütet wird.

<p>Kinder, die die Abnehmspritze erhalten, lernen während der Therapie, was eine gesunde Mahlzeit ausmacht.</p>

Kinder, die die Abnehmspritze erhalten, lernen während der Therapie, was eine gesunde Mahlzeit ausmacht.

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Die Abnehmspritze darf nur in spezialisierten Adipositas-Zentren verschrieben werden – und sie ist kein Wundermittel. Wiegand sagt: «Die Kinder kommen weiterhin regelmässig zu uns in die medizinische Kontrolle, zur Ernährungsberatung und in die Bewegungstherapie.» Niemand erhalte einfach ein Rezept und gehe wieder nach Hause. Die Behandlung sei multiprofessionell und immer Teil eines Adipositas-Programms.

Häufige Nebenwirkungen der Behandlung sind Übelkeit, Bauchschmerzen, Völlegefühl, Aufstossen oder Verstopfung. Am stärksten würden diese Beschwerden einen Tag nach der Injektion auftreten, sagt die Expertin. «Manche Patientinnen und Patienten brechen die Behandlung ab, wenn sie starke Übelkeit verspüren oder oft Erbrechen müssen, aber schwerwiegende Nebenwirkungen haben wir bisher keine beobachtet.»

Die Behandlung ist fertig – was nun?

Erwachsene berichten häufig, dass sie nach der Therapie ihr gesamtes Gewicht wieder zunehmen. Deshalb sei es so wichtig, sagt Wiegand, dass man während der Therapie weiterhin seinen Lebensstil anpasst. «Viel Sport ist zentral, damit der Körper nebst Fettgewebe nicht auch Muskulatur abbaut.» Was passiert, wenn Kinder und Jugendliche die Spritze wieder absetzen, ist noch unklar, da Langzeitdaten fehlen.

Die ersten Kinder werden ihre dreijährige Behandlung erst nächstes Jahr abschliessen. Die Expertin glaubt nicht, dass Kinder und Jugendliche die Spritze ein Leben lang brauchen. «Viele Patienten und Patientinnen haben nach einer grossen Gewichtsabnahme ein ganz neues Körper- und Lebensgefühl und wollen sicher nicht mehr da zurück, wo sie gestartet haben.» Sie würden lernen, dass sie weniger essen müssen, hätten wieder mehr Freude an der Bewegung und fühlten sich «leichter».

Von Jana Giger am 23. Februar 2026 - 12:00 Uhr