Ein neues Baby bringt Freude und Turbulenzen ins Familienleben. Viele Eltern fragen sich: Wie bereite ich mein älteres Kind auf das Geschwisterchen vor? Und was tun, wenn Eifersucht oder gar Aggressionen auftauchen? Esthi Wildisen, Fachfrau für Elternfragen und Autorin des Buches «Vertrauen statt Erziehung», rät im Gespräch zu Gelassenheit, einfühlsamer Kommunikation und dazu, die Gefühle des älteren Kindes ernst zu nehmen.
Frau Wildisen, kann man Eifersucht unter Geschwistern vermeiden?
Nein, ich bin auch der Meinung, dass das nicht das Ziel sein sollte. Wenn das ältere Kind Eifersucht oder Hilflosigkeit fühlt, ist es wichtig, dass man seine Gefühle anerkennt. Es ist hilfreich, dass sich Eltern bewusst machen, dass sie einen Teil beeinflussen und auffangen können, dass es aber auch absolut normal und legitim ist, dass sich ein älteres Kind ungeliebt fühlen kann, wenn es merkt, dass das neue Baby so viel Anspruch auf die Mama hat.
Kann man ein Kind denn auf ein Geschwisterchen vorbereiten und wenn ja, wie?
Es ist sicher schön, wenn man es von Anfang an miteinbezieht. Zum Beispiel beim Einrichten des Babyzimmers oder beim Einkauf von Babykleidern. Für das Familienklima ist es sicher auch toll, wenn man sich genug Zeit nimmt und mit dem grossen Kind entsprechende Büechli anschaut, redet und allfällige Fragen beantwortet. Am allerwichtigsten aber ist, dass sich Eltern bewusst sind, dass ein Kind keine Vorstellung davon haben kann, wie es denn wirklich ist, wenn das neue Baby dann da ist.
Wie sollen Eltern reagieren, wenn ein Kind schon vor der Geburt absolut nichts vom Baby wissen will, sich für kein Büechli interessiert und statt Mamas wachsenden Bauch zu streicheln da rein flucht/schimpft?
Hier dürfen sich Eltern sicher sein, dass das Kind nicht aus Boshaftigkeit handelt. Und dass sein Handeln nicht bewusst gegen das Baby oder die Eltern gerichtet ist. Vielmehr ist es so, dass Kinder Veränderungen fühlen. Das Kind begreift, dass der Bauch immer grösser wird und dass da etwas Grosses ansteht, das das Kind aber nicht einordnen kann. Dieser Übergang kann für Kinder herausfordernd sein, sie verlieren den Halt und ihre Sicherheit. Da sie aber noch zu jung sind, um ihre Gefühle einzuordnen und zu kommunizieren, werden sie laut und vermeintlich fies.

Esthi Wildisen ist Elterncoach mit eigener Praxis in Hochdorf, LU.
Soll ein Kind bei der Geburt seines Geschwisters dabei sein?
Das muss jede Familie für sich selber gut abwägen und entscheiden. Ich würde eher davon abraten, dass das grosse Kind die Mutter in einem solchen Ausnahmezustand erlebt, zumal die Eltern ja der sichere Hafen für ihre Kinder sind. Zeitgleich finde ich es wichtig, dass sich Mütter voll und ganz auf ihre Geburt einlassen dürfen, ohne sich auch noch Gedanken um das Wohlbefinden des grösseren Kindes machen zu müssen.
Jetzt ist das Baby da. Worauf gilt es zu achten, wenn das Paar mit dem neuen Kind nach Hause kommt?
Erwartungen runterschrauben ist sicher nie falsch. Es muss nicht von Anfang an alles harmonisch und reibungslos verlaufen. Oft haben ältere Kinder die ersten paar Tage daheim gar keine Probleme. Dann merken sie aber, dass das neue Baby nun wirklich da ist und nicht mehr zurückgeht. Hier kann es zu starken Emotionen kommen.
Was also tun, wenn das ältere Kind das Baby plagt? Es haut? Schupft? An ihm rumreisst?
Sicherheit ist natürlich oberstes Gebot. Hier dürfen Eltern natürlich eingreifen. Laut werden und schimpfen ist aber kontraproduktiv, weil das grosse Kind dann schnell noch mehr das Gefühl hat, dass es hier nicht mehr erwünscht ist und dass sich alles nur noch um das Baby dreht. Hilfreich ist, wenn Eltern ohne Bewertung auf die Gefühle des älteren Kindes eingehen, sie spiegeln und dem Kind helfen, seine Gefühle zu benennen.
Wie kann man das konkret machen?
Sätze wie «Gell, das ist für dich grad ganz schwierig, dass du nicht mehr so viel Zeit mit uns hast» oder «Gell, du wurdest grad richtig wütend auf das Baby weil es gerade so viel von Mama und Papa fordert und wir deswegen weniger Zeit für dich haben» helfen dem älteren Kind, sich gesehen und verstanden zu fühlen.
Viele ältere Geschwister ertragen es nicht, wenn Eltern das Baby umsorgen. Sie können nicht loslassen und kleben regelrecht an den Eltern, um quasi die Kontrolle zu behalten statt sich auch mal selber zu beschäftigen. Was hilft hier?
Ich komme wieder auf das Bewusstsein der Eltern zu sprechen. Stellen Sie sich mal vor, Ihr Mann setzt Ihnen eine zweite Frau vor, weil ihr es ja so schön habt und alles so toll ist und nun sollen Sie sich pausenlos prima auch mit der neuen Frau verstehen und nicht eifersüchtig sein, wenn er sich mit ihr beschäftigt. Wie sollen kleine Kinder etwas schaffen, das auch uns Erwachsenen schwer fallen würde? Deswegen rate ich auch hier, dem grossen Kind den Platz und Raum zu geben, den es braucht. Und wenn es geht: das Verhalten und die Gefühle nicht abzuwerten, sondern viel mit ihm zu reden und seine Gefühle zu spiegeln. Heisst auch, seinen Schmerz zu sehen statt es zu verurteilen.
Können dem grossen Kind zum Beispiel Exklusivzeiten mit den Eltern helfen?
Ja, absolut. Wenn es ein Paar im Alltag schafft, dem älteren Kind zumindest mit einem Elternteil regelmässig Auszeiten zu verschaffen, ist das sicher sehr wertvoll. So hat das Kind in dem vielen Neuen auch vertraute Inselchen, die wie Anker wirken können.
Was raten Sie Eltern, die völlig erschöpft sind und wegen des Verhalten des älteren Kindes völlig am Ende sind?
Hilfe und Unterstützung annehmen ist immer gut. Und, ich wiederhole mich, die Erwartungen runterschrauben. Zwei junge Kinder daheim sind eine Ausnahmesituation. Da ist es total egal, wenn die Wohnung mal nicht glänzt und nicht immer das beste und gesündeste Essen auf dem Tisch steht. Und: Manchmal ist weniger mehr. Man darf Besuche mit bestem Gewissen absagen oder auf später verschieben. Und es ist völlig okay, die Tage nicht zu verplanen und einfach mit dem Flow mitzugehen und von Tag zu Tag zu entscheiden, was und wie viel für die ganze Familie drin liegt. Und darauf zu vertrauen, dass es besser wird und auch die eigenen Kräfte wieder zurückkommen.
