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Zuhause bei der Leichtathletin und ihrer Familie

Audrey Werro: «Ich bin eigentlich immer gut drauf»

Sie startete als schnellste Läuferin der Welt ins neue Jahr. Die schüchterne Freiburgerin zählt auch deshalb an der Hallen-WM in Polen zu den Favoritinnen. Zu Hause spricht sie über die «Löwin» und ihre drei Hasen.

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Audrey Werro

Familie ganz gross: Mama Philomène, Papa Claude und Schwester Carole (r.) geben Leichtathletik-Ass Audrey Werro (Mitte) Halt.

Kurt Reichenbach

Audrey Werro (21) herzt zu Hause in Courtepin FR die Hasen Crystal und Saphir auf dem Arm. Der dritte Hase, Perle, kann leider nicht aufs Foto – «die drei verstehen sich eben nicht so gut», sagt sie und lacht. Die Namen der Tiere hat Audrey selbst gewählt: «Alles Edelsteine, das hat mir gefallen.»

In diese Reihe hätte sie sich eigentlich gleich selbst einordnen können, denn die Schweizer Läuferin ist ein Juwel der Leichtathletik. Sie wirkt fast zurückhaltend, und doch sprüht in ihr die Energie, die sie in dieser Saison auf der Bahn gezeigt hat. Denn wenn Werro spurtet, verwandelt sich die ruhige Freiburgerin in eine Löwin, getreu ihrer Devise, nach der sie seit Jahren lebt. «Früher war ich extrem schüchtern. Dagegen hat mein Vater mir immer gesagt: ‹Be a lion!› Daraus habe ich für mich das Motto ‹Don’t be shy, be a lion› – sei nicht schüchtern, sei eine Löwin – entwickelt. Das sagte ich mir oft vor einem Rennen.» 

Audrey Werro, Leichtathletik Rising Star

Kontrastprogramm: Bei ihren Hasen Crystal und Saphir kann Leichtathletik-Ass Audrey Werro abschalten.

Kurt Reichenbach

Grosse Ehre

2025 war Werros Jahr: Gold bei den U23-Europameisterschaften über 800 Meter, Schweizer Meisterin über 800 Meter mit einer der weltbesten Jahreszeiten, Finalteilnahmen bei der WM in Tokio (6. Rang) und der Hallen-WM in Nanjing (4. Rang). Und dann war da noch der Triumph beim Final der Diamond League in Zürich, wo sie über 800 Meter mit 1:55,91 Minuten einen Schweizer Rekord aufstellte und als erste Schweizerin seit Jahrzehnten vor heimischem Publikum Geschichte schrieb.

Für diese Leistungen wurde sie im Oktober zum «Rising Star», zu Europas Nachwuchsathletin 2025, ausgezeichnet – «eine riesige Ehre für mich», sagt sie. Natürlich war Audrey erst enttäuscht über den sechsten Platz bei der WM in Tokio. «Anfangs war mein Ziel ja einfach, in den Final zu kommen. Aber als ich das dann geschafft hatte, wollte ich unbedingt aufs Podest!» 

<p>Riesige Ehre: Werro wurde 2025 zum «European Rising Star» ausgezeichnet.</p>

Riesige Ehre: Werro wurde 2025 zum «European Rising Star» ausgezeichnet.

Kurt Reichenbach

Grosse Ziele

Die junge Athletin richtet den Blick aber bereits wieder nach vorne: «An der EM dieses Jahr in Birmingham will ich unbedingt eine Medaille – am liebsten Gold.» Sie lächelt. Im letzten Sommer schloss sie das Gymnasium ab. Darauf angesprochen, nickt sie glücklich: «Jetzt kann ich mich endlich voll auf den Sport konzentrieren und muss mich nicht mehr um Schule und Hausaufgaben kümmern.»

Froh um ihre Schulzeit ist Werro trotzdem. Schliesslich ist es der Ort, wo ihre Primarlehrerin das Talent der damals Neunjährigen entdeckte. Sogleich trat Audrey dem Club Athlétique de Belfaux bei und wird seither von Christiane Berset Nuoffer trainiert. Bereits ihre grosse Schwester Carole (24) machte Leichtathletik. «Für mich war es aber mehr hobbymässig. Und ich hatte lieber Speerwerfen und Hochsprung», erzählt die ausgebildete Polizistin. Die beiden jüngeren Brüder Ryan (20) und Arno (16) spielen Fussball.

<p>In Tokio an der WM wird Werro Sechste. Diese Saison soll eine Medaille her.</p>

In Tokio an der WM wird Werro Sechste. Diese Saison soll eine Medaille her.

imago/Beautiful Sports

Grosse Grossmutter

Dass Familie Werro einmal eine Spitzensportlerin in der Familie haben wird, zeichnete sich früh ab. Hinter dem Ausnahmetalent Audrey steckt aber nicht ein von der Familie vererbtes sportliches Gen. Zwar kommt Mutter Philomène aus der Elfenbeinküste und musste in ihrer Jugend mehrere Kilometer in die Schule rennen, aber Papa Claude sagt: «Das Talent, schnell zu rennen, hat Audrey nicht von uns. Den Biss, den Ehrgeiz, das Durchhaltevermögen hingegen – das haben wir ihr beigebracht.» Er lächelt und schaut stolz zu seiner Tochter.

Claude gilt als Ruhepol der Familie Werro. Nur bei Audreys Rennen ändert sich die gelassene Haltung des Freiburgers. «Zwei Stunden vor dem Rennen kann ich bereits an nichts mehr anderes denken! Da bin ich schon sehr, sehr nervös.» Die Familie lacht. Philomène nimmts entspannt. Diese Besonnenheit scheint Werro von ihrer Mutter zu haben. «Ich bin eigentlich immer gut drauf und habe stets einen Spruch auf Lager. Und meine Grösse kommt auch von der Elfenbeinküste – meine Grossmutter ist noch grösser als ich!» Die 1,82 Meter grosse Läuferin lacht.

<p>Endlich fertig mit dem Gymnasium: In ihrem Zimmer hat Werro jetzt Zeit, sich in Ruhe nach einer Studienrichtung umzuschauen.</p>

Endlich fertig mit dem Gymnasium: In ihrem Zimmer hat Werro jetzt Zeit, sich in Ruhe nach einer Studienrichtung umzuschauen.

Kurt Reichenbach

Mit der Lockerheit im Privaten geht im Spitzensport für sie jedoch eine neue Ernsthaftigkeit einher. Denn mit dem Erfolg kommen eben auch die Erwartungen von aussen: «Je erfolgreicher ich werde, desto mehr Druck spüre ich von den Leuten. Ich isoliere mich dann und versuche, nur bei mir zu bleiben», erzählt die junge Frau. Soziale Medien wie Instagram schaut sie vor Wettkämpfen gar nicht mehr an. Und sonst wird sie geerdet von ihren Eltern, ihren Geschwistern – oder eben ihren kleinen Hasen.

Yara Vettiger, Redaktorin Schweizer Illustrierte
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Von Yara Vettiger am 14. März 2026 - 12:00 Uhr