Ein unscheinbarer Augenblick kann ein Leben verändern. Bei Paco von Wyss, 15, war es so. Der Jugendliche aus Lyss spielt die Hauptrolle im neuen Familienfilm «Mein Freund Barry». Das verdankt er einem Aha-Erlebnis, das sein Vater, Leo von Wyss, 49, drei Jahre zuvor hatte. Damals ging es kurz vor der Stufenprüfung an der lokalen Musikschule drunter und drüber: Paco war spät dran, das Saxofon war falsch gestimmt, die Noten waren nicht sortiert. Aber der Junge blieb ruhig. «Er trat lächelnd vor die Experten und trug sein Stück souverän vor. In diesem Moment begriff ich, dass mein Sohn eine Art Anti-Lampenfieber hat. Publikum hemmt ihn nicht, es stärkt ihn.»

Paco von Wyss mit seinen Eltern Leo und Elke.
Kurt ReichenbachAus dieser Erkenntnis heraus brachte der Vater Ende 2023 einen Flyer mit nach Hause: Jungdarsteller gesucht für die Thunerseespiele. «Ich wusste noch nicht einmal, was ein Musical ist», erinnert sich Paco. «Aber ausser abgelehnt zu werden, konnte ja nichts Schlimmes passieren. Also bewarb ich mich.» Ohne je auf einer Bühne gesungen oder getanzt zu haben, bekam er eine Rolle in «Mary Poppins».
Paco von Wyss in «Mein Freund Barry»
Das Plakat hängt als Erinnerung in der Dachschräge über seinem Bett. Daneben ein noch viel grösseres Kinoposter, das ihn mit einem Bernhardiner zeigt. Das zweite Casting seines Lebens brachte dem Laien gleich eine Hauptrolle auf der Leinwand ein. «Mein Freund Barry» ist eben in den Deutschschweizer Kinos angelaufen.

Szene aus dem Film «Mein Freund Barry».
ZVGIm Film spielt Paco den zwölfjährigen Georg, der im 19. Jahrhundert auf dem Grossen St. Bernhard einen Welpen findet. Heimlich zieht er seinen Barry gross. Doch dann will man ihm den Hund wegnehmen, und Georg braucht viel Mut, um die Dinge zum Guten zu wenden.
Hinter der schweizerisch-deutschen Co-Produktion steht «Der Bestatter»-Regisseur Markus Welter, 58. Unter mehr als 500 Bewerbern seinen Georg zu finden, ist ihm nicht schwergefallen. «Paco hat mich schon beim ersten Treffen umgehauen. Er hat eine enorme Präsenz. Und hinter seinem kindlichen Aussehen verbirgt sich die Reife eines 17-Jährigen.» Vor der Kamera stand Paco mit Ulrich Tukur, 68, Max Hubacher, 32, und Carlos Leal, 56. «Paco ist super. Er bringt eine Frische mit, die dem Film unheimlich guttut», sagt der Hollywood-erfahrene Westschweizer.
Verstellen musste sich Paco dafür kaum. «Es war spannend, ihn im Kino zu sehen», findet seine Mutter Elke, 47. «Er ist seiner Figur sehr ähnlich. Beide haben ein grundgutes Herz, schrecken aber nicht davor zurück, sich nötigenfalls über Regeln hinwegzusetzen.» Papa Leo stimmt zu: «Paco ist unerschrocken. Er versucht gern Neues und traut sich viel zu. Er hat auch keine Hemmungen, aus der Reihe zu tanzen und aufzufallen.»

Curling ist eine von Pacos vielen Leidenschaften. Die Grundlagen erworben hat er im Curling Club Lyss.
Kurt ReichenbachDas bestätigt ein Blick ins Fotoalbum der Familie von Wyss: Es zeigt Paco im Curling Club, beim Klettern, im Karate-Gi, in der Jugendmusik und als Orientierungsläufer. In der Pfadi hat er gelernt, Feuer zu machen, im Bergwaldprojekt, Bäume zu fällen. Er kann segeln, Roboter aus Lego bauen und mit Pfeil und Bogen reiten. «Paco ist aussergewöhnlich vielseitig interessiert», beobachtet auch Markus Welter. «Aber dennoch bin ich überzeugt: Schauspielern ist genau sein Ding.» Dem stimmt Paco zu. Aber zwischen Bühne und Kamera will er sich nicht entscheiden. «Als Musicaldarsteller kriegst du direkte Reaktionen vom Publikum. Beim Film hast du endlos Chancen, eine Szene perfekt zu spielen. Beides finde ich cool.»
Neun Wochen Dreharbeiten
Die Familie lebt in einem Reiheneinfamilienhaus am Ortsrand. Auf dem Einstellhallenplatz stehen Velos und E-Bikes anstelle eines Autos. Mit diesen bewegt sich Paco selbstständig zwischen den Schauplätzen seines Alltags: Schule, Training, Bahnhof und dem nah gelegenen Bauernhof, bei dem die Familie ein Lebensmittel-Abo gelöst hat.
Paco hat zwei Schwestern: Ylva, 12, und Sarah, 17, die aktuell in einem Sprachaufenthalt ist. Die Kinder wachsen zweisprachig auf. Betriebswirtin Elke, die in Lyss in der «Chäsi» arbeitet, stammt aus Deutschland. Wirtschaftsinformatiker Leo ist bilingue und spricht zu Hause Französisch. Seinen Tüftlersinn spürt man im ganzen Haus. Wenn die Eingangstür aufgeht, erklingt der Jingle einer Zugdurchsage. Und über einen an die Wand geschraubten Laptop lassen sich Storen und Heizungen in allen Zimmern steuern. «Paco hat Glück», sagt Markus Welter. «Seine Eltern sind bodenständig und liebevoll. Das ist es, was einen trotz Erfolg nicht abheben lässt.»

Paco und seine jüngere Schwester Ylva spielen Schach. Die Familie von Wyss liebt Brettspiele.
Kurt ReichenbachNoch wird Paco von Fremden nicht sofort erkannt, äusserlich ähnelt er seiner Filmfigur zu wenig. Er trägt einen modischen Kurzhaarschnitt, Georgs Frisur ist struppig und verwachsen. «Gleich nach der Zusage für die Rolle erhielt ich ein Verbot, zum Coiffeur zu gehen.» Immerhin habe man ihm keinen üblen «Häfelischnitt» verpasst, fügt Paco lachend an. «Andere Darsteller mussten so in die Schule.»
Die Dreharbeiten am Simplon, im Tessin und in Köln dauerten neun Wochen und stellten die Familie von Wyss vor logistische Herausforderungen. Während Paco an jedem Drehort drei Wochen wohnte, ging der Alltag seiner Schwestern zu Hause normal weiter. Elke und Leo teilten sich wochenweise auf, um ihren Sohn zu begleiten. Zusätzlich sprangen die Grosseltern von beiden Seiten der Familie ein.
Auf Pacos Konto sammelte sich während dieser Wochen sein erstes selbst verdientes Geld. Angerührt hat er es noch nicht. «Ich werde mir davon ein Onlinegymnasium finanzieren», sagt der Neuntklässler. «So habe ich mehr Freiheiten, um neben der Schule weiterhin in Filmen oder Musicals mitzuwirken.» Schon jetzt fährt er jeden Mittwoch mit dem Zug in eine Musicalschule in der Innerschweiz. Sein nächstes Ziel ist eine renommierte Musicalschule im deutschen Essen, die jährlich nur sechs Studenten aufnimmt. Wenn er alt genug ist, will er sein Glück versuchen. «Etwas Schlimmeres, als nicht aufgenommen zu werden, kann ja nicht passieren.»
