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  4. Erfahrungsberichte von Mamas: Mutterschaftszeit verdient den Namen «Urlaub» nicht

Serie zum Mutterschafturlaub

Darum ist die Zeit nach der Geburt kein «Urlaub»

14 Wochen Mutterschaftsurlaub sind in der Schweiz Gesetz. Tönt nach viel - vor allem wegen dem Wortteil «Urlaub», der Ferien suggeriert. In unserer Serie erzählen Mütter aus der Redaktion, wie sie die knapp bemessene Erholungszeit nach der Geburt erlebt haben, und wieso diese mit Ferien nichts zu tun hat. Den Anfang macht Familienbloggerin Sandra Casalini.

Mutterschaftsurlaub Neugeborenes
Ein Neugeborenes schreit nach seiner Mama. So tönt der Mutterschaftsurlaub. plainpicture/Cavan Images

Berufstätige Mütter in der Schweiz sollen bitte arbeiten, als hätten sie keine Kinder und Kinder aufzuziehen, als wären sie nicht erwerbstätig. An diesem Spruch, den der Volksmund gerne zitiert, ist einfach alles wahr.

Die Schweiz ist ein familienunfreundliches Pflaster. Gerade Mütter, die im Berufsleben auch nach der Geburt eine Chance haben wollen, müssen ihr Baby in einer Kindertagesstätte anmelden, bevor es auf der Welt ist. Wohlwissend, dass sie wahrscheinlich doch nicht rechtzeitig einen Platz kriegen. Spätestens 98 Tage nach der Entbindung sollen die Mamas dann bitte wieder ausgeschlafen und ohne zwiespältige Gefühle am Arbeitsplatz erscheinen, weil das Gesetz findet, dann ist fertig Urlaub.

Als wäre diese Zeit mit Ferien zu vergleichen! Diese wenigen Wochen, in denen sich der weibliche Körper in Rekordzeit erholen sollte von den Wunden und Strapazen der Geburt und den zehrenden neun Monaten davor. Und das trotz Schlafmangel, Stillstress, manchmal Schreikind und manchmal Babyblues.

SI Family startet deswegen eine kleine Serie, in der Mütter aus der Redaktion erklären, wie sie den Mutterschaftsurlaub erlebt haben. Den Anfang macht Familienboggerin Sandra Casalini - die, wie immer, kein Blatt vor den Mund nimmt.

Sandra Casalini Blog der ganz normale Wahnsinn
«Ultimativer Stress gepaart mit ultimativer Langeweile.» So fühlte sich der Mutterschaftsurlaub für Sandra Casalini an. Lucia Hunziker

So hat Familienbloggerin Sandra Casalini den Mutterschaftsurlaub erlebt:

Ich habe mit vielem gerechnet, was diesen Mutterschaftsurlaub angeht. Übermüdung, Schmerzen, sogar Frust und Depression. Aber nicht mit dem, was tatsächlich war. Unendliche Liebe gepaart mit unendlicher Einsamkeit. Ultimativer Stress gepaart mit ultimativer Langeweile. 

Als vor fast 15 Jahren meine Tochter geboren wurde, war ich die einzige in meinem Freundeskreis, die zu dem Zeitpunkt ein Baby bekam. Das hiess alle, die ich kannte, arbeiteten während der Woche. Ihr Alltag drehte sich um Stress im Job, Arbeitskollegen und After-Work-Partys – auch der meines Partners. Meiner drehte sich um Stillrhythmus, Babykotze und die Farbe von Kacke. Ich lebte auf einem ganz kleinen Planeten, abgeschottet von allen anderen, und teilte ihn ausschliesslich mit einem kleinen Menschen, den ich zwar abgöttisch liebte, der aber nicht mit mir sprechen konnte.

«Ich war in ständiger Alarmbereitschaft, kam kaum zum Duschen oder Essen.»

Sandra Casalini, Journalistin und Mama von Gioia, 14, und Gian, 12

Es konzentrierte sich alles auf dieses kleine Wesen, das meinen Planeten mit mir teilte. Hatte es Hunger, kalt, heiss, Schmerzen, war es müde? Warum erbrach es so viel? Ich war in ständiger Alarmbereitschaft, kam kaum zum Duschen oder Essen. Und sehnte mich so sehr danach, mit jemandem zu reden. Über etwas anderes als Still- und Schlafrhythmus. Nach acht Wochen rief ich die Redaktion an, und fragte, ob sie irgend einen Job für mich hätten. Irgendeinen! Als ich acht weitere Wochen später dann tatsächlich ins Büro zurückkehrte, heulte ich trotzdem Rotz und Wasser.  

Zwei Jahre später hatte ich nochmal einen Mutterschaftsurlaub. Da war alles anders. Diesen ganz kleinen Planeten, auf dem nur das Baby und ich existierten, gab es nicht mehr. Das war gut so. Und doch fast ein bisschen schade, irgendwie. 

«Eigentlich sollte man ja die ersten gemeinsamen Wochen als Eltern nicht auf verschiedenen Planeten verbringen müssen.»

PS: Ja, es wäre schön gewesen, hätte ich diese Zeit mehr mit dem Vater meiner Kinder teilen können. Oder aber hätte er auch seine ganz eigene Erfahrung mit einem Elternschaftsurlaub machen können. Denn während des Mutterschaftsurlaubs nicht nur meine ganze Welt, sondern mein ganzer Planet änderte, blieb seiner der gleiche. Und eigentlich sollte man ja die ersten gemeinsamen Wochen als Eltern nicht auf verschiedenen Planeten verbringen müssen.  

Davon ist die Schweiz noch sehr weit entfernt. Wenn man die gesetzlichen Vorgaben zur Elternzeit europaweit vergleicht, bildet die Schweiz das Schlusslicht. Nur wenige Arbeitgeber gewähren ihren Mitarbeitern bezahlte Elternzeit. Volvo Schweiz hat diesbezüglich mit dem neu eingeführten Elternurlaub von sechs Monaten (zu beziehen von beiden Elternteilen innerhalb der ersten drei Lebensjahre des Kindes, oder drei Jahre nach Adoption) soeben für euphorische Schlagzeilen gesorgt.

Es ist ein Schritt mit Signalwirkung. Dringend notwenig. Denn eine Studie der Eidgenössischen Koordinationskommission für Familienfragen EKFF bestätigt, «dass sich eine Elternzeit positiv auf die Gesundheit von Mutter und Kind, auf die Gleichstellung von Mann und Frau und auf die Wirtschaft auswirkt.» Denn mit einer Elternzeit würden dem Staat weniger Steuern und der Wirtschaft weniger qualifizierte Arbeitskräfte verlorengehen.

Von Sylvie Kempa am 13. Mai 2019