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Wenig Familienzeit, viel Party und Schoggi statt Darvida

Die Vor- und Nachteile einer Jugo-Erziehung

Falls Sie gerade über den Ausdruck «Jugo-Erziehung» gestolpert sind, seien Sie unbesorgt. Als Kind serbischer Einwanderer sage ich solche Dinge mit viel Liebe, Respekt und den schönsten Erinnerungen an meine Kindheit. Wie ich das meine? Lesen Sie weiter.

Close up of a mother and her son doing the dishes in the kitchen

Schöne Mutter-Kind-Momente: So ähnlich sehen die Erinnerungen an meine Kindheit aus.

Getty Images

Meine Mama war gerade mal 18, mein Papa 20 Jahre alt, als sie zum ersten Mal Eltern wurden. Vier Jahre nach meiner Schwester kam ich zur Welt. Rückwirkend finde ich, dass meine Eltern auch da selber noch Kinder waren. Mit Mitte 20 hatte ich schliesslich vor allem Partys und Flausen im Kopf. Wer nun denkt, dass das bei meinen Eltern anders war, weil sie ja eben Kinder hatten, der irrt sich. Bevor Sie jetzt aber mitleidig den Kopf schütteln, lassen Sie mich sagen: Dass besagte Eltern jung, wild und auch ein bisschen naiv waren, war das Coolste, das meiner Schwester und mir passieren konnte. Warum? Darum!

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Wir schliefen unter Bänken, auf denen die Eltern tanzten

Meine Eltern wanderten in den späten 70ern ein. Ihre Kindheit und Jugend verbrachten die beiden in einem serbischen Kuh-Kaff. Da gabs nur ein Kino. Mit Holzstühlen. Von Beizen, Clubs und Partys konnten meine Eltern nur träumen. Bis es sie eben in die Schweiz verschlug. Hier bildeten sich eingeschworene Gemeinschaften. Es gab zahlreiche italienische, spanische, albanische, und eben ex-jugoslawische Vereine, die jedes Wochenende zu ausgelassenen Tanzanlässen luden. Für meine Eltern ein grosser Spass: Regelmässig machten sich die beiden schön und zelebrierten den Ausgang - mit uns im Schlepptau. Ich erinnere mich an Live-Bands, an Volkstänze, an viel Bier, Schnaps und Cevapcici. 

Wir waren bei Weitem nicht die einzigen Kinder. Alle nahmen ihre Kids mit zur Sause. Wir tanzten mit den Grossen, schlugen uns die Bäuche voll, tranken auch mal Cola und rannten so lange rum, bis wir irgendwann erschöpft unter den Bänken und Tischen einschliefen, auf denen unsere Eltern tanzten. Denke ich an meine Kindheit zurück, waren das mit Abstand die schönsten Abende. Noch schöner als die, an denen wir alle zusammen «Wetten, dass ...» schauten.

Photo taken in Belgrade, Serbia

Während unsere jungen Mütter tanzten, schliefen wir trotz Beats und Bass wunderbar auf dem Fussboden.

Getty Images/EyeEm
Wenig, dafür intensive Familienzeit

Meine Eltern arbeiteten unglaublich viel. Neben ihren 100-Prozent-Pensen putzten sie privat und führten auch an Wochenenden kleinere Arbeiten aus. Meine Schwester und ich waren immer im Hort, bei Tagesmüttern oder bei unserer Tante, wenn Mama und Papa beide keine Zeit für uns hatten. Was heute verpönt ist, war damals völlig normal. Die Gastarbeiter waren ja vor allem da, um schnell viel Geld zu verdienen für all die Häuser, die sie «dune» bauten. Der Plan meiner Eltern war klar: Schaffen, schaffen, Häuschen bauen, mit uns nach Serbien zurückziehen. Erst als sie merkten, wie wunderbar die Schweiz und die Schulbildung hier sind, entschieden sie, hier zu bleiben. 

Pardon, ich schweife ab. Es ging um all die Zeit, die unsere Eltern nicht für uns hatten. Wenn sie aber mal da waren, dann dafür 200 Prozent. Vor meinem inneren Auge sehe ich immer noch, wie mein Vater stundenlang mit uns Bob fuhr, wir wir als Familie an Chilbis stundenlang Autoscooter fuhren, wie wir zu viert Pizza belegten und backten, wie wir in den Kinderzoo reisten, wie wir im Zirkus sitzen und wie wir stundenlang auf dem Boden sitzend Gesellschaftsspiele spielten. Der Haushalt blieb oft liegen. Ich könnte heute nicht dankbarer über die Coolness meiner Eltern sein, denen ein Chaos genug egal war, um statt aufzuräumen mit uns Spass zu haben.

Fast Food statt Super Food

Unseren Eltern fehlte es schlichtweg an Zeit, um dafür zu sorgen, dass wir jeden Tag ausschliesslich Super Food bekommen. Viel eher war es so, dass meine Mutter einfache Gerichte vorkochte, die meine Schwester und ich gut aufwärmen und alleine zu Hause essen konnten. An anderen Tagen assen wir in der Kantine der Firma, für die mein Vater arbeitete, Zmittag. Statt Quinoa, Salat und frischem Gemüse gab's halt oft Chicken Nuggets mit Ketchup oder Spaghetti Bolognese. Dazu immer ein Dessertli und ein Glas Rivella. 

Beim Zvieri versuchten meine Eltern dafür ein paar Vitamine in uns reinzubringen. Ein Usus, für den wir wenig Wohlwollen zeigten. Also setzen Mama und Papa auf einem Kompromiss: Zu Apfelschnitzen gabs statt Darvida ein Schoggistengeli. Und wenn wir eine Birne assen, dann gabs auch mal einen halben Berliner. Schon klar, heute leben wir bewusster, legen mehr Achtsamkeit auf gesunde und ausgewogene Ernährung und ebenfalls klar, dass meine Eltern es hätten besser machen können. Aber wissen Sie was? An unserem Familientisch war das Essen immer ein Genuss, der Spass machte und der komplett frei von Ess-Stress war.

Kind isst Chicken Nugget

Chicken Nuggets statt Chinakohl: So macht Essen als Kind Spass.

Getty Images
Die Raucherei, die Sauerei

Okay, was jetzt kommt ist crazy und heute zum Glück undenkbar. Als meine Eltern jung und wir somit klein waren, gehörte die Zigarette zum guten Ton. Wer nicht rauchte, war ein Exot. So weit, so ungesund schon mal. Es war aber noch viel schlimmer: Früher war es völlig normal, dass in Innenräumen und somit auch in Wohnungen geraucht wurde. Dieser Fakt gemischt mit der Tatsache, dass meine Eltern gerne viel und oft Besuch hatten, der unsere Hütte vollqualmte – das war unschön. Für meine Schwester so sehr, dass sie selber nie mit dem Rauchen angefangen hat. Und ich habe vor fünf Jahren aufgehört. Meine Eltern schon viel länger. Ende gut, alles gut! Immerhin.

1950s retro family share the joy of smoking with their daughter

So etwa fühlte es sich als Kind von rauchenden Jugo-Eltern an.

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Spielplatz statt Spielzimmer

Wenn ich zurückdenke, bin ich mir sehr sicher, dass es mir in meiner Kindheit an absolut nichts fehlte, Mein Kinder-Ich würde hier aber ein fettes Veto hinlegen. Es würde lauthals behaupten, dass es nie nie nie Spielsachen bekommen hat und immer zum spielen nach draussen geschickt wurde. Zweiteres ist wahr. Ersteres so halb. Meine Eltern waren in der Tat gegen Unmengen an Spielsachen. Zum einen fehlten ihnen die finanziellen Mittel. Sie wissen schon, das Haus «dune», zum anderen waren sie schon immer gegen Überfluss. 

Der Satz «Kinder, das beste Spielzimmer mit den meisten Spielsachen bietet immer noch die Natur» hat sich bis heute in mein Hirn gebrannt. Derweil aber kann ich zugeben: Auf Bäume klettern, Schnecken sammeln und Räuber und Poli spielen hat am Ende des Tages schon viel mehr Spass gemacht als Nintendo, Sega oder mit Barbie spielen.

Kind spielt draussen

Auch ich wurde von meinen Eltern, egal, wie das Wetter war, zum spielen nach draussen geschickt.

Getty Images
Von Maja Zivadinovic am 14. April 2022 - 18:09 Uhr
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