Das Portal «leben und erziehen» fasst sechs Anzeichen zusammen, die darauf hindeuten können, dass die eigene Kindheit von dauerhafter Unsicherheit bestimmt war.
Es ist die dauerhaft angespannte Stimmung in der Luft. Jeder Satz, jede kleine Unachtsamkeit kann dafür sorgen, dass die Laune in den heimischen vier Wänden in den Keller sackt und alles kippen lässt. Manchmal sind es nicht einmal laute Konflikte, die am meisten belasten, sondern die kaum aushaltbare Stille danach.
Kinder entwickeln schon früh das Gefühl, für die Stimmung ihrer Eltern verantwortlich zu sein. Ist die Zündschnur von Eltern kurz, passt sich der Nachwuchs an, um Eskalationen zu vermeiden.
Der Begriff Eierschalen-Eltern ist keine klinische Diagnose. Er wird aber von Fachpersonen genutzt und beschreibt treffend ein bestimmtes elterliches Verhalten: emotionale Unberechenbarkeit, fehlende Selbstregulation und wechselnde Erwartungen. Eltern mit unbehandelten Persönlichkeitsstörungen wie etwa Narzissmus oder Borderline sind besonders gefährdet, in die Eierschalen-Eltern-Falle zu tappen.
Für Kinder bedeutet das, ständig vorsichtig zu sein, um Ausbrüche, Demütigungen oder überhöhte Erwartungen zu vermeiden.
«Wer mit einem solchen Elternteil aufwächst, lebt häufig in einem Zustand ständiger innerer Alarmbereitschaft», erklärt die klinische Psychologin Noelle Santorelli. Diese sogenannte Hypervigilanz führt dazu, dass Betroffene ununterbrochen versuchen, Stimmungen zu lesen und mögliche Konflikte frühzeitig zu erkennen.
Dieses Muster endet oft nicht mit dem Auszug aus dem Elternhaus. Auch im Berufsleben oder in Freundschaften scannen Betroffene ihr Umfeld permanent. So etwa in Meetings, in denen sie instinktiv versuchen, Spannungen zu entschärfen, noch bevor diese offen sichtbar werden.
Ein stark ausgeprägtes Harmoniebedürfnis ist eine häufige Folge einer Kindheit an der Seite von Eierschalen-Eltern, führt Moore weiter aus. Kinder lernen früh, eigene Wünsche zurückzustellen und sich anzupassen, um die Laune des Elternteils zu stabilisieren.
Als Erwachsene fällt es ihnen schwer, Nein zu sagen oder die eigene Meinung zu vertreten. Stattdessen versuchen sie, es allen recht zu machen, oft auf Kosten der eigenen Bedürfnisse.
Kinder von Eierschalen-Eltern entwickeln oft Angst davor, Gefühle zu zeigen. «Sie haben gelernt, dass starke Emotionen Konflikte auslösen können», erklärt Santorelli. Deswegen unterdrücken sie ihre eigenen Gefühle. Manchmal so konsequent, dass Betroffene später kaum noch Zugang zu ihnen haben.
Dieser Fakt kann dazu führen, dass eigene Bedürfnisse infrage gestellt oder gar nicht mehr wahrgenommen werden. Auch der emotionale Wortschatz kann bei Betroffenen eingeschränkt sein: Gefühle zu benennen oder einzuordnen fällt ihnen äusserst schwer.

Kinder von Eierschalen-Eltern können den Zugang zu ihren eigenen Gefühlen verlieren.
Getty ImagesErwachsene Kinder von Eierschalen-Eltern fühlen sich häufig für die Gefühle anderer zuständig. Sie gehen automatisch davon aus, selbst schuld an der schlechten Laune ihres Gegenübers zu sein und sehen es als ihre Aufgabe, diese zu «reparieren».
Dieses Muster stammt direkt aus der Kindheit, in der Anpassung oft als Überlebensstrategie diente.
Auch im Erwachsenenalter bleibt der Umgang mit einem unberechenbaren Elternteil belastend. Viele erwachsene Kinder berichten von einem diffusen Unwohlsein, sobald sie Zeit mit ihren Eltern verbringen.
Nicht selten entsteht ein Vermeidungsverhalten: Sobald Gespräche heikel werden könnten, zieht man sich innerlich oder äusserlich zurück.
Grenzen zu setzen war in der Kindheit oft nicht möglich oder mit heftigen Konsequenzen verbunden. «Der Versuch, sich abzugrenzen, hätte zu massiven Konflikten geführt oder das Gefühl emotionaler Unsicherheit verstärkt», sagt Moore.
Diese Erfahrung wirkt nach: Auch im Erwachsenenalter fällt es Betroffenen schwer, ihre Grenzen zu verteidigen. Tun sie es doch, stossen sie oft auf Widerstand. Vor allem bei ihren Eltern, die klare Vorstellungen davon haben, wie man sich ihnen gegenüber zu verhalten hat.
